Flugsaurier

Die fliegenden Giganten der Kreidezeit

Von Diemut Klärner
 - 12:00
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Flugsaurier waren die ersten Wirbeltiere, die den Luftraum eroberten, rund 70 Millionen Jahre bevor sich die Vögel dazugesellten. Weitere etwa 80 Millionen Jahre lang teilten sich dann beide den luftigen Lebensraum. Ähnlich wie Fledermäuse hatten die Flugsaurier (Pterosauria) häutige Tragflächen entwickelt. Statt vier langen Fingern setzten sie allerdings nur einen einzigen ein, um ihre Flughaut aufzuspannen. Durchaus vielgestaltig, wussten die Pterosaurier ein breites Nahrungsspektrum zu nutzen: Sie ernährten sich von Fleisch oder Pflanzen, fingen Insekten oder Fische, und manche filterten sogar – ähnlich wie Flamingos – winzige Beutetiere aus dem Wasser.

Die Flugsaurier tummelten sich über dem offenen Meer und an der Küste, in den Wäldern wie in den Wüsten. Nach gängiger Meinung waren sie trotzdem schon lange vor dem Ende der Kreidezeit auf dem absteigenden Ast. Doch das ist offenbar eine Fehleinschätzung, wie Nicholas R. Longrich von der University of Bath und David M. Martill von der University of Portsmouth herausgefunden haben. Gemeinsam mit Brian Andres von The University of Texas at Austin studierten sie Fossilfunde aus den Phosphat-Minen im Ouled Abdoun Basin südöstlich von Casablanca. Beim Abbau von Phosphat kommen dort immer wieder versteinerte Knochen von Tieren zutage, die während der Endphase der Kreidezeit in dieser Region gelebt haben, also in den letzten Jahrmillionen des Erdzeitalters, das vor 145 Millionen begann und vor 65 Millionen Jahren endete.

Pterosaurier gingen auf allen Vieren

Binnen drei Jahren haben die Forscher mehr als zweihundert Überreste von Flugsauriern entdeckt, die einst die Meeresküste und den Luftraum über dem Meer bevölkerten. Zwar handelt es sich oft nur um einzelne Knochen, zusammenhängende Skelettteile sind ausgesprochen rar. Die Paläontologen um Longrich haben dennoch mindestens sieben unterschiedliche Spezies identifizieren können, wie sie in der Online-Zeitschrift „Plos Biology“ berichten. Vier davon entpuppten sich als bislang unbekannte Arten.

Die Pterosaurier aus den Phosphat-Minen lassen sich drei verschiedenartigen Entwicklungslinien zuordnen. Davon abgesehen, waren diese Flugsaurier nicht nur unterschiedlich groß. Sie unterschieden sich auch in der Form ihrer Flügel und Schnäbel sowie in der Länge von Hals und Beinen. Um das Bild zu komplettieren, haben die Forscher zum Vergleich auch anderenorts entdeckte Fossilien herangezogen, die aus den letzten Jahrmillionen der Kreidezeit stammen. Dabei handelt es sich überwiegend um Flugsaurier, die an Land unterwegs waren. Wie bei der in Meeresnähe heimischen Verwandtschaft lässt ihr Körperbau auf unterschiedliche Speisepläne und Lebensgewohnheiten schließen.

Insgesamt präsentiert sich die Pterosaurier-Fauna gegen Ende der Kreide mindestens so vielfältig wie in dem vorhergegangenen Zeitabschnitt. In Küstennähe lebten zum Beispiel Arten, die mit ihren langen schmalen Flügeln energiesparend über die Wellen dahingleiten konnten. Vermutlich waren sie auch fähig, auf dem Wasser zu schwimmen, ähnlich wie heutzutage Möwen und andere Seevögel. Kurze Beine und – abgesehen vom vierten, der die Flughaut aufspannt – extrem reduzierte Finger deuten darauf hin, dass diese Flugsaurier eher schlecht zu Fuß waren. Wie versteinerte Fußspuren belegen, spazierten die Pterosaurier nämlich nicht auf zwei Beinen herum wie die Vögel, sondern auf allen Vieren. Wenn sie die Flügelspitze nach oben klappten, konnten sie Finger auf den Boden aufsetzen.

Das abrupte Ende der Flugsaurier

Die Flugsaurier der in Nordamerika entdeckten Gattung Quetzalcoatlus und ihre Verwandten waren auf diese Weise wohl recht flott unterwegs. Mit relativ kurzen Flügeln in Kombination mit langen Beinen könnten sie ihre Nahrung nach Art der Reiher oder Störche gesucht haben, vermuten Longrich und seine beiden Kollegen. Flügelspannweiten zwischen zwei und mehr als zehn Metern, unterschiedlich geformte Schnäbel sowie mehr oder minder lange Hälse lassen auf eine Anpassung an unterschiedliche ökologische Nischen schließen. Manche Pterosaurier aus der Quetzalcoatlus-Verwandtschaft lauerten wahrscheinlich in flachem Wasser Fischen und Amphibien auf. Andere dürften sich an Land herumgetrieben haben, wo sie sich kleine Saurier schnappten oder sich, wie heutzutage die Kraniche, weitgehend mit pflanzlicher Kost begnügt haben. Gut möglich, dass unter den gigantischen Exemplaren auch Spezialisten waren, die aus der Luft nach toten Titanosauriern und anderen Kadavern spähten.

Genaueres über die Flugsaurier herauszufinden, die gegen Ende der Kreidezeit lebten, erweist sich jedoch als schwierig. Denn es mangelt an aufschlussreichen Fossilien. Zwar gibt es ältere Fundstätten, an denen Pterosaurier zuweilen mit Haut und Haaren konserviert sind. Die Plattenkalke von Solnhofen im fränkischen Jura gehören ebenso dazu wie die Santana-Formation aus der unteren Kreide im nordöstlichen Brasilien. Aus den letzten 15 Millionen Jahren der Kreidezeit ist aber nichts Vergleichbares bekannt. Gerade die Flugsaurier mit ihrem flugtauglichen Skelett in Leichtbauweise haben damals nur selten identifizierbare Überreste hinterlassen. Wodurch fälschlich der Eindruck entstand, sie hätten sich in diesem Zeitabschnitt zunehmend rargemacht. Tatsächlich, so die Meinung der drei Paläontologen, sind die Pterosaurier auch im letzten Abschnitt der Kreidezeit noch in beachtlicher Vielfalt in Erscheinung getreten. Ihr Ende kam ähnlich wie bei den Dinosauriern womöglich ganz abrupt, als ein großer Meteorit auf die Erde stürzte.

Diese globale Katastrophe entpuppte sich als Chance für die Vögel. Vorher wurden sie anscheinend von den Flugsauriern kleingehalten: Aus der späten Kreidezeit ist kein einziger Vogel bekannt, der eine Flügelspannweite von mehr als zwei Metern hatte oder mehr als fünf Kilogramm wog. Das Privileg, über solche Dimensionen hinauszuwachsen, war offenbar den Flugsauriern vorbehalten. Erst nachdem diese ausgestorben waren, entwickelten sich große Seevögel, die im Gleitflug nach Beute suchten, Vorfahren der Pelikane, die im Süßwasser fischten, sowie Landbewohner aus der Verwandtschaft der Strauße. Allerdings erreichen selbst so stattliche Vögel wie der Kalifornische Kondor nur die Flügelspannweite eines kleineren Flugsauriers. Säugetiere haben ebenfalls davon profitiert, dass mit dem Ende der Kreidezeit diverse ökologische Nischen frei wurden. Vermutlich überlebten sie die Krisenzeiten dadurch, dass sie klein waren und mit kargen Ressourcen klarkamen.

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Quelle: F.A.Z.
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