Obstkrankheiten

Der Apfel hat’s nicht leicht

Von Nadine Braun
 - 14:33
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Ordentlich in Reih und Glied stehen die Apfelbäume auf der Plantage des Obstgutes Stamm in Bad Soden. Hier am südlichen Rand des Taunus hat Andreas Stamm zwei Dutzend verschiedene Apfelsorten angepflanzt. Er hat sich für den kontrolliert integrierten Anbau entschieden, „irgendwo zwischen biologisch und konventionell“, wie er sagt. Das erlaubt ihm den Einsatz synthetischer Pflanzenschutzmittel und mineralischer Dünger. „Aber nur so viel wie nötig und nicht wie möglich“, sagt der Obstbauer. Einen rentablen Anbau zu betreiben, ohne in die Natur einzugreifen, hält er für einen Wunschtraum.

In diesem Jahr hat ihm die Natur trotzdem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zwar kam er bei dem späten Frost Ende April, der andernorts Ernteausfälle bis achtzig Prozent verursacht hat, noch vergleichsweise glimpflich davon; nur fünfzehn Prozent seiner Apfelblüten sind ihm erfroren. Doch dann kam am 1. August der Hagel. Längst nicht alle seiner Bäume konnten mit Hagelschutznetzen geschützt werden, und selbst durch deren enge Maschen dringt noch das eine oder andere Hagelkorn. Zerfledderte Blätter an den Zweigen zeigen das Ausmaß des Unwetters, drei Viertel der Früchte seiner potentiellen Apfelernte sind von tiefen Einschlaglöchern gezeichnet. Das ist nicht nur ein optisches Problem, denn solche Verletzungen ebnen Pilzen und Bakterien den Weg, die Krankheiten an den Bäumen auslösen können.

So oder so hat der Apfelanbau mit Schädlingen zu kämpfen. Da gibt es etwa den Frostspanner Operophtera brumata, einen zwei Zentimeter großen, bräunlichen Schmetterling mit fransigen Flügeln, dessen Raupen die Blätter des Apfelbaums mindestens so schmackhaft finden wie der Mensch dessen Früchte. Oder die nur zwei Millimeter kleine Blutlaus Eriosoma lanigerum, die ihren Namen der roten Körperflüssigkeit verdankt und liebend gerne den Pflanzensaft aus der Rinde saugt. „Bei einem Befall während der Ernte, bei der die Läuse zwangsläufig zerdrückt wurden, sahen unsere Arme einmal aus wie in Blut getränkt“, erinnert sich Andreas Stamm.

Ohne ständige Feldhygiene geht gar nichts

Nicht nur Insekten und kleine Säugetiere können dem Apfelbauern zu schaffen machen. Es sind vor allem Pilze, die für achtzig Prozent aller Pflanzenkrankheiten verantwortlich sind. Feuchtwarmes Wetter sagt ihnen besonders zu, dann setzen sie Unmengen von Sporen frei, die auf Blättern und Früchten zu neuen Pilzrasen auskeimen. Eine der häufigsten Krankheiten ist der Apfelschorf, verursacht durch den Schlauchpilz Venturia inaequalis. Befällt er die Früchte, führt das zu Ernteausfällen, breitet er sich auf den Blättern aus, raubt er dem Baum die Möglichkeit, Photosynthese zu betreiben. Apfelschorf ist besonders tückisch, weil er selbst bei tiefen Temperaturen im Winter sowohl am Baum wie im Falllaub ausharren kann.

Andreas Stamm setzt auf ständige Feldhygiene. „Infizierte Früchte müssen wir regelmäßig vor der Ernte entfernen“, sagt er und pflückt eine matschig braune Rubinette vom Baum. Ein süßlicher Geruch liegt in der Luft, der von den verfaulten Früchten aufsteigt, die zwischen den Plantagenreihen liegen und später zu Mulch zerkleinert werden. „Durch das Schreddern können Bakterien die Äpfel besser zersetzen, und Pilzen wird kein Angriffsraum geboten“, sagt Stamm. Einige eingetrocknete Fruchtmumien hängen als potentielle Krankheitsherde noch neben prallen, roten Äpfeln, die ein Fungizid rechtzeitig vor der Ansteckung bewahrt hat.

In heimischen Sorten steckt die Kraft

Doch Pflanzenschutz beginnt schon lange vor dem Einsatz potenter Mittel gegen Schädlinge. Die Wahl widerstandsfähiger Apfelsorten spielt eine entscheidende Rolle. Von den 1500 hier beheimateten Sorten werden in Deutschland nur ungefähr sechzig wirtschaftlich genutzt. Die anderen wachsen nicht schnell genug, tragen zu wenige Früchte oder erfüllen nicht die Wünsche der Verbraucher – mal sind sie zu sauer, vielleicht zu mehlig oder lediglich zu klein.

Für den Züchter allerdings sind sie so etwas wie ungeschliffene Diamanten. Denn in vielen ausrangierten Sorten schlummern Resistenzgene. Die heute gängigen Kultursorten sind jahrzehntelang auf Genuss selektiert und damit schadensanfällig geworden.

Als Urahn des Kulturapfels Malus domestica gilt der Asiatische Wildapfel Malus sieversii. Seine Heimat liegt in Kasachstan, dessen ehemalige Hauptstadt 1993 in Almaty, kasachisch für „Die Stadt der Äpfel“, umbenannt wurde. Almaty liegt am Fuße des Tianshan-Gebirges an der Grenze zu China. Dort erstreckt sich ein wahrer Garten Eden, in dem Wildäpfel vorkommen, die ausnahmsweise nicht bitter, sondern genießbar sind.

Die ersten Züchter waren die Braunbären

Diese wohl ältesten Apfelzüchtungen der Welt gehen nicht auf Menschen, sondern ursprünglich auf Braunbären zurück. Als Allesfresser haben sie bittere Äpfel eher verschmäht und die süßeren vorgezogen. Die ausgeschiedenen Kerne haben sie anschließend bei ihren Wanderungen weit verteilt.

Über alte Handelsstraßen fand der Apfel dann bereits in der Antike den Weg nach Süd- und Osteuropa, wo Griechen und Römer auf den Geschmack kamen und ihn kultivierten. Etwa hundert Jahre vor Christi Geburt brachten die römischen Feldzüge den Apfel über die Alpen hinweg bis nach Mittel- und Nordeuropa. Mittlerweile wird er auf allen Kontinenten angebaut.

Professionelle Apfelzüchter gehen selbstverständlich zielgerichteter vor als Braunbären. Sie wollen den süßen Kulturapfel wieder besser wappnen im Kampf gegen Schädlinge. In Dresden liegt eine dieser modernen Waffenschmieden direkt neben dem Schloss Pillnitz und seinem Schlosspark. Auf dem ehemaligen Gelände der königlichen Hofgärtnerei steht heute die Versuchsgärtnerei des Julius-Kühn-Instituts, in der Forscher der Abteilung für Züchtungsforschung an Obst auf zweitausend Quadratmetern resistente Obstsorten entwickeln. Dabei sind sie bemüht, so viele Apfelsorten wie möglich zu erhalten. Die genetische Vielfalt ist das Reservoir, aus dem sie sich bedienen, um Resistenzgene aus ungenießbaren Wildäpfeln in schmackhafte Sorten einzukreuzen. Besonderes Augenmerk liegt auf den im Apfelanbau wichtigsten Krankheiten Schorf, Mehltau und Feuerbrand.

Bis eine Sorte marktreif ist, braucht es zwanzig bis dreißig Jahre

Die Arbeit verlangt einen langen Atem. Es gehen zwanzig bis dreißig Jahre ins Land, bis eine neue Sorte marktreif ist. Apfelbäume durchlaufen eine ausgedehnte Kinderphase: Erst nach drei bis zehn Jahren setzen sie Blüten an, aus denen sich Früchte entwickeln. Und erst die können zeigen, ob die zufällige Verteilung der Gene zu einem brauchbaren Resultat geführt hat. Eine weiterentwickelte und vor allem schnellere Variante dieser klassischen Kreuzungszüchtung ist die Präzisionszucht. Statt nur die äußerlich sichtbaren Merkmale zu beurteilen, werden durch Analysen des Erbgutes passende Kreuzungspartner und deren vielversprechende Nachkommen ausgewählt. Das ist bereits vor der Ausprägung von Blüten und Früchten möglich, oft sogar schon bei Sämlingen, weil nur wenig DNA aus den Pflanzen benötigt wird. Dazu werden molekulare Marker eng an die Resistenzgene gekoppelt. Pflanzen, in denen der Marker nachweisbar ist, enthalten mit großer Wahrscheinlichkeit auch das Resistenzgen. Die Präzisionszucht vereinfacht zudem das sogenannte Pyramidisieren, bei dem unterschiedliche Gene kombiniert werden, die Resistenzen gegen ein und denselben Schädling bewirken. Das hat den Vorteil, dass die Erreger gleich mehrere Hürden auf einmal überwinden müssen, um die Pflanzenabwehr zu durchbrechen.

Momentan in der Entwicklung ist auch das „Fast-Breeding“, bei dem transgene Apfelbäume verwendet werden. In deren Genom wurde ein artfremdes Gen aus der Birke integriert, durch das die Pflanze schon im Jahr der Aussaat blüht. In weiteren Kreuzungsschritten wird dieses Gen zwar wieder entfernt, trotzdem zählen die so entstandenen Sorten zu den gentechnisch veränderten Organismen (GVO). Darunter fallen auch sogenannte cisgene Pflanzen, die nur arteigene Gene besitzen. Mit gentechnischen Methoden werden dabei gezielt einzelne Apfelgene isoliert und an zufälliger Stelle in das Genom anderer Kultursorten übertragen. Obwohl diese Pflanzen – über einen weitaus längeren Zeitraum – auch durch natürliche Kreuzung von Wild- und Kulturäpfeln entstehen könnten, sind in diesem Fall die Methoden für die GVO-Deklaration ausschlaggebend. Die aufwendigere Mutationszucht schließlich, bei der Strahlung oder Chemikalien zufällig und ungerichtet Mutationen in Samen oder Pollen herbeiführen, ist dagegen der natürlichen Kreuzungszucht gleichgestellt. Die so verursachten Mutationen würden lediglich häufiger auftreten, als es in der Natur der Fall ist, lautet die Begründung. Neben den angestrebten Resistenzentwicklungen entstehen im Gegensatz zu cisgenen Pflanzen aber auch weitere Mutationen, die nicht immer bemerkt werden.

Wenn Feuerbrand sich breitmacht, steht der Obstbauer mit leeren Händen da

Eine besondere Stellung bei der Züchtung resistenter Sorten nimmt die Forschung am Feuerbrand-Erreger ein, dem Bakterium Erwinia amylovora. Vor fünfzig Jahren wurde es von Amerika aus nach Südengland eingeschleppt und treibt seit 2006 auch in Deutschland sein Unwesen.

Obstbauer Andreas Stamm weiß: „Wenn man Feuerbrand nicht schnell genug bemerkt, müssen auch mal ganze Plantagen gerodet werden.“ Schon der Verdacht eines Befalls ist in Deutschland meldepflichtig, denn es gibt kein zugelassenes Bekämpfungsmittel. „Bis vor zwei Jahren durfte unter Sondergenehmigung noch das Antibiotikum Streptomycin verwendet werden“, sagt Stamm. Das Mittel nennt er „fragwürdig“, denn es ist in Honig nachweisbar, wenn Bienen den Nektar behandelter Blüten in ihren Bienenstock tragen. „Dadurch kann auch eine eventuelle Faulbrut so stark unterdrückt werden, dass Imker sie nicht bemerken und behandeln können.“ Glücklicherweise wurden Stamms Plantagen schon seit Jahren vom Feuerbrand verschont. „Die Bakterien brauchen nämlich mehrere Tage hintereinander schön warmes, feuchtes Wetter, um über die Blüte die Bäume infizieren zu können“, sagt er. Selbst ein einziger kühlerer Tag verhindert eine Infektion. Gegen einen rechtzeitig erkannten Befall hilft nur ein radikaler Rückschnitt ins gesunde Holz.

Andreas Stamm lässt seinen Blick über die Plantage schweifen. Die frühen Apfelsorten Elstar und Gala sind bereits gepflückt. Die Ausbeute war zufriedenstellend. Den Delbar dagegen hat der Hagel genau während der Ernte übel erwischt. Und – Resistenzen hin oder her – gegen Hagel ist kein Kraut gewachsen.

Quelle: F.A.S.
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