Paarungsverhalten

Was für ein toller Kerl

Von Sonja Kastilan
 - 15:57

Herr Jennions, derzeit wird viel über Geschlechterrollen debattiert. Was kann die Biologie zu dieser Diskussion beitragen?

Wenn man Tiere betrachtet, sind die Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen meist sehr klar. Schaut man Fische, Frösche oder Insekten an, finden man sie eigentlich überall. Es wirkt nun mal bei den meisten Arten ein völlig anderer Selektionsdruck auf weibliche oder männliche Tiere. Biologen können über unterschiedliche Verhaltensweisen, Körpergrößen oder sogar Aspekte, die das Gehirn betreffen, sprechen. Man sollte allerdings vorsichtig sein, diese Sichtweise einfach auf den Menschen zu übertragen.

Was können wir über uns selbst lernen, wenn es dabei doch um Fische oder Winkerkrabben geht?

Es wäre sicherlich falsch, spezielle Merkmale in ihrer Bedeutung auf den Menschen zu übertragen, etwa Farbenpracht oder Körpergröße. Will man wissen, was für Menschen attraktiv erscheint, muss man es auch am Menschen herausfinden. Natürlich gibt es Prinzipien, die für mehrere Arten gleichermaßen gelten, weil die natürliche und die sexuelle Selektion unterschiedliche Merkmale für weiblich und männlich begünstigen. Das findet sich auch auf der genetischen Ebene. Vereinfacht ausgedrückt: Ein Gen, das einen tollen Kerl prägt, würde wohl kein gutes Weibchen ausmachen. Wir sprechen dann von einem „interlocus sexual conflict“. Solche Prinzipien dürften für den Menschen ebenfalls gelten.

Können Sie ein Beispiel dafür geben, was unter Winkerkrabben als attraktiv gilt?

Deren Weibchen sind Männchen mit größeren Scheren zugetan. Sie bevorzugen auch Männchen, die schneller damit winken. Und für eine Art von Krabben, bei der die Männchen synchron winken, wirken offenbar jene interessanter, die den anderen ein bisschen voraus zu sein scheinen.

Wie lässt sich in den Beobachtungen ein tieferer Grund erkennen?

Die Frage nach den Zusammenhängen ist tückisch, in der Evolutionsbiologie ebenso wie in den Sozial- oder Wirtschaftswissenschaften. In der Biologie haben wir den Vorteil, dass wir dazu Experimente machen können, indem wir etwa äußerliche Merkmale verändern und die Folgen betrachten. So können wir kausale Effekte bestimmen. Und wir können uns den evolutionären Stammbaum vornehmen, um nachzuschauen, wo und wann die fraglichen Merkmale entstanden sind, vielleicht gemeinsam mit anderen. Wenn beispielsweise eine neue Säugetierart in der Arktis oder Antarktis zu weißer Fellfärbung tendiert, deutet das darauf hin, dass ihr Weiß mit ihrer Existenz dort zusammenhängt und es wahrscheinlich der Camouflage dient. Eine Herausforderung ist, die Theorie in der Praxis zu testen. Also unsere Annahmen zu überprüfen, wie Tiere sich verhalten müssten, um möglichst viele Nachfahren zu zeugen. Immerhin haben wir ein ganz gutes Verständnis dafür, wie natürliche Selektion funktioniert. Und solche Studien an Tieren oder etwa an Bakterien helfen uns, grundlegende evolutionäre Effekte zu erkennen. Das kann für uns sehr relevant sein, weil es zum Beispiel erklären kann, wie Antibiotikaresistenzen von Bakterien entstehen.

Sie haben sich aber auch schon den Menschen vorgenommen – und zwar den Einfluss der Penisgröße auf die Attraktivität des männlichen Geschlechts . . .

Das stimmt. In erster Linie, um zu demonstrieren, wie die Methode funktioniert, und wo ihre Grenzen liegen. Und auch um zu klären, was populäre Artikel in Magazinen oft einfach behaupten. Bei Grillen oder Fischen würden wir genauso vorgehen, also bestimmte Merkmale manipulieren. In diesem Fall ging es um Penisgröße, Körpergröße und -form.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Das geschah natürlich nicht an Personen, sondern mit Hilfe schematischer Darstellungen. Und die Penisgröße scheint tatsächlich eine Rolle zu spielen, ebenfalls die Körpergröße, und Frauen finden Männer mit V-Figur attraktiv.

Statistik ist für Ihre Arbeit unentbehrlich. In einem Artikel haben Sie sich über die Signifikanz und das Herumfummeln mit dem p-Wert ausgelassen. Können Sie das erläutern?

In der statistischen Analyse müssen Sie die Wahrscheinlichkeit berücksichtigen, dass etwas auch rein zufällig geschehen kann. Um Befunde veröffentlichen zu können, sollten diese möglichst signifikant sein, worüber der p-Wert Auskunft gibt. Nun spielen viele Forscher so lange mit ihren Daten herum, bis sich die Signifikanz erhöht, indem sie unpassende Messwerte nicht miteinbeziehen oder nur eine Versuchsreihe gelten lassen. Doch das stellt eben nicht dar, was wirklich passiert ist. Ich halte ein solches Vorgehen für äußerst schädlich, auch wenn ich die sehr menschlichen Gründe nachvollziehen kann, die einen Forscher dazu verleiten. Allerdings ist Wissenschaft in meinen Augen der einzige Weg, die natürliche Welt zu hinterfragen und zu verstehen, also müssen wie sie richtig betreiben. Die gute Nachricht ist: Wissenschaftler sind selbstkritisch und sich des Problems bewusst, man versucht jetzt ein „p-hacking“ zu verhindern. Zum Beispiel werden Resultate weniger oft geschönt, wenn man Studien und die Art ihrer Analyse schon im Vorfeld anmelden muss.

Wissenschaftler müssen sich jetzt immer häufiger gegen Vorwürfe von Populisten wehren. Deshalb wird am 22. April weltweit zum „March for Science“ aufgerufen. Beteiligen Sie sich?

Auf jeden Fall! Auch meine Kollegen hier, gleich welcher Disziplin, eigentlich jeder, der daran interessiert ist zu erforschen und zu berichten, was man beobachtet oder mit Instrumenten misst. Es geht um die Situation der Wissenschaft allgemein, nicht nur um Trumps Tweets oder Probleme in einzelnen Länder wie Ungarn oder der Türkei, von wo mir Kollegen berichteten, dass es schwieriger wird, Evolutionsbiologie zu unterrichten. Wissenschaft steht unter Druck, und das geht uns alle an. Ich glaube, vielen ist nicht bewusst, dass praktisch alles, was wir verwenden, ob Smartphone oder Medikamente, Produkte der Wissenschaft sind. Selbst politische Entscheidungen beruhen darauf, sie werden oft mit Hilfe von Modellen und Simulationen gefällt. Die wissenschaftliche Methode ist schlicht ein Verfahren, die Welt auf Basis gesammelter Informationen und Daten zu begreifen. Das möchte wohl jeder vernünftige Mensch, selbst wenn es Probleme wie das p-hacking gibt oder das große Pharmageschäft missfällt. Damit können wir umgehen, kein System ist perfekt.

Abgesehen von diesem Marsch gehen Sie neben ihren Studien am Wissenschaftskolleg noch einem persönlichen Wanderprojekt nach. Haben Sie alle Berliner Straßen abgeklappert?

Ich habe rund 75 Prozent geschafft, mit der Ringbahn als Außengrenze, und bis Juli bleibt mir noch Zeit. Zur Not wandere ich nächtelang. Während ich gehe, kann ich wunderbar entspannen, über Wissenschaft, Literatur oder Kunst nachdenken. Einfach das verrückte Berlin anschauen, und seien es Kühe an einer Hauswand. Sehr bizarr, ich mag so was.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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