Rudertechnik

Geschmeidig zum Sieg

Von Sanja Methner
 - 11:11

Mit einer Länge Vorsprung hat der Deutschland-Achter gerade bei der traditionellen Henley Royal Regatta gegen Gastgeber Großbritannien gesiegt. An diesem Wochenende kann sich das deutsche Team nun beim Weltcup in Luzern beweisen. Wenn die Leistungssportler elegant und in Perfektion übers Wasser gleiten, vergisst man als Zuschauer schnell, wie schwer es schon ist, allein ein wackeliges Ruderboot über einen See zu steuern. Obwohl bei den Profis bis zu neun Menschen in einem Boot sitzen, scheint doch nur ein Körper zu rudern, so synchron sind ihre Bewegungen.

Diese Harmonie spielt neben Ausdauer, Material und Technik eine große Rolle für den Sieg. „Im Mannschaftsboot ist es wichtig, sich einem Mannschaftsrhythmus unterzuordnen“, sagt Stefan Mühl, der sich am Institut für Natursport und Ökologie an der Deutschen Sporthochschule in Köln vor allem dem Wanderrudern widmet. Mit speziellen Übungen lasse sich die Synchronizität trainieren, denn für ein Mannschaftsboot sei der gemeinsame Bewegungsablauf entscheidend. Im Einer wiederum lassen sich Technik und Gleichgewichtssinn schulen und die individuellen Leistungen besser vergleichen.

Gemeinsam zum Flow

Ein gemeinsames Ziel haben natürlich auch die rund 25.000 Ruderer, die sich regelmäßig in ihrer Freizeit zu mehrtägigen Touren aufmachen. Oft zu viert im Boot, brechen sie in größeren Gruppen auf. Bei ihnen spielen vor allem soziale und naturbezogene Motive eine Rolle, hat Mühl in seiner Doktorarbeit über die Wanderruderer herausgefunden. In Gesellschaft neue Gewässer erkunden, das ist für sie ein Gewinn. Auch Freizeitsportler können einen sogenannten Flow erleben, wenn alles wie von selbst läuft: „Das Boot gleitet durch das gemeinsame Setzen und Beschleunigen der Ruderblätter und das gemeinsame Nach-vorn-Rollen auf dem Rollsitz. Das erzeugt ein positives Gefühl, vorausgesetzt die Technik erlaubt das“, beschreibt es Mühl. „Der Rhythmus ist wichtig, und der muss im Leistungssport richtig gut gelingen.“

Die Frage, wie Mannschaften zum Erfolg rudern, beschäftigt Sportler und Wissenschaftler, seit sich Ruderer im Wettkampf messen. Die ersten Regatten fanden Ende des 18. Jahrhunderts in England statt. Seit 1829 treten die englischen Elite-Universitäten Cambridge und Oxford gegeneinander an; in diesem Jahr konnten die Männer aus Oxford das „Boat Race“ auf der Themse für sich entscheiden, während bei den Frauen das Team aus Cambridge gewann, immerhin zum 42. Mal, nachdem sie 1927 zum ersten Mal untereinander konkurriert hatten. Zuvor war das Rudern über Jahrzehnte Männern vorbehalten geblieben.

Auch in Deutschland. Englische Kaufleute hatten den Sport und ein Boot nach Hamburg gebracht, wo sie 1830 den „English Rowing Club“ gründeten. Mit der Aussicht auf gemeinsame Ausflüge und Wettfahrten auf der Alster gründeten zehn Hamburger dann sechs Jahre später den „Hamburger Ruder Club“, exklusiv für Männer der Oberschicht. In einigen später gegründeten Vereinen waren Frauen zwar zugelassen, allerdings nur zum Stilrudern, bei dem ästhetische Bewegungen erwünscht waren. Erst 1976 starteten Frauen bei den Olympischen Spielen, sie mussten auf Regatten lange warten.

Schmierige Tricks

Seit den Anfängen hat sich beim Material inzwischen viel getan. So war das aus England importierte Boot des Hamburger Ruderclubs noch ein breites Holzboot für acht Ruderer mit festen Dollen, in welche die Riemen gelegt wurden. Die Sitzbänke waren versetzt angeordnet, das Gewicht lag bei ungefähr 440 Kilogramm. Der jetzt beim Weltcup in Luzern startende „Deutschland-Achter“ wiegt dagegen nur noch 96 Kilogramm. Rennboote bestehen heute aus Kunst- und Kohlenstoffen.

Den Weg zu leichteren, schmaleren und schnelleren Booten ebneten auch die Konstrukteure, die von 1830 an die Dollen auf einen Ausleger verlagerten und sie später beweglich gestalteten. Sie führten einen beweglichen Sitz ein, auf dem man erst glitt und später rollte. Dadurch konnten Ruderer auf eigenwillige Tricks verzichten: Sie mussten die Ruderbank nicht mehr mit Fett einschmieren und in Schaffellhosen schlüpfen, um rutschend den Oberkörperschwung zu verlängern.

Rudertechnik im Wandel

Vergleichsweise konservativ blieb lange Zeit die Rudertechnik. Mit geradem Rücken, gestreckten Armen und möglichst weitem Oberkörperschwung wurde noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts im „orthodoxen Stil“ gerudert. Beine und Oberkörper bewegte man nacheinander. Dass mehr Geschmeidigkeit von Vorteil ist, begriff man erst, als Steve Fairbairn mit seiner eigentümlichen Technik einfach besser war. Der Australier hatte in Cambridge nicht nur Jura studiert, sondern auch gerudert. Anfang der 1930er Jahre führte Fairbairn dann Mannschaften in der von ihm entwickelten Technik zum Sieg. Berühmt wurde ein Vierer, der 1933 in Deutschland mehrfach triumphieren konnte. Fairbairn setzte auf die Kraft der Beine und passte daran – entgegen aller Haltungsvorschriften – die Bewegungen von Oberkörper und Armen an. Die Ruderer mussten sich dabei stärker beugen, ihre Bewegungen geschmeidiger ineinander übergehen. Betrachter störten sich anfangs an der Optik, inzwischen hat sich diese Technik aber als ökonomischer und natürlicher durchgesetzt.

Beim Rudern lassen sich ganz allgemein zwei Phasen unterscheiden. Über den Ruderschlag wird Wasser nach hinten gedrückt und das Boot als Gegenreaktion nach vorn beschleunigt. Die Beine erbringen hier die größte Kraft, indem sie sich gegen das im Boot befestigte Stemmbrett strecken. Aber Oberkörper und Arme sind ebenfalls beteiligt, deshalb wird das Rudern als eine Sportart geschätzt, die nahezu alle Muskelgruppen beansprucht. Der durchgezogene Ruderschlag endet in einer Rücklage, und daraufhin erfolgt die Vorwärtsbewegung auf dem Rollbrett, mit der man den nächsten Schlag vorbereitet. Der Vortrieb des Boots ergibt sich dann aus Antriebsweg, Beschleunigung und Geschwindigkeit, dem höchstmöglichen Widerstand am Blatt und der Koordination der Mannschaft – so jedenfalls erklärt es Wolfgang Fritsch im Lehrbuch „Rudern Basics“.

Asynchron, aber nicht unkoordiniert

Ein gutes Team versucht, die unvermeidlichen Reibungsverluste mit gleichmäßigen synchronen Bewegungen möglichst gering zu halten. Allerdings wirken die am Vortrieb beteiligten Kräfte nicht kontinuierlich, was sich an dem Ruck zwischen zwei Ruderschlägen beobachten lässt. Während eines Rennens pendelt das Tempo deshalb um einen Durchschnittswert. In welchem Umfang das geschieht, hat eine Studie von Physikern an der École Polytechnique in Paris veranschaulicht. Sie hatten für den britischen Männer-Vierer bei den Olympischen Spielen 2012 eine Abweichung von zwanzig Prozent berechnet. Je mehr die Geschwindigkeit aber schwankt, desto größer wirkt die Reibung des Wassers am Schiffskörper. Deshalb verfiel man bereits 1929 im „Londoner Ruder Club“ auf die Idee, mit einer Technik des asynchronen oder synkopierten, also im Rhythmus verschobenen Ruderns zu experimentieren. Jedes Paar im Riemen-Achter führte dabei seine Bewegung asynchron zu seinen Nachbarn aus, nicht jedoch unkoordiniert.

Im Training erwies sich das als nicht ganz einfach. Manche zweifelten schon damals am Sinn, den gemeinsamen Rhythmus aufzugeben. Die aktuelle Forschung bestätigt das: Tests mit Sportlern auf einer Rudermaschine zeigten zwar, dass „antiphasisch koordiniertes“ Rudern die Schwankungen verringert und das Tempo so erhöht. Doch die Koordination blieb nicht perfekt stabil. Es fällt einer Mannschaft offenbar leichter, einen synchronen Rhythmus dauerhaft zu halten, als den asynchronen. Als das Physiker-Team aus Paris acht asynchron rudernde Roboter im Modellboot aufs Wasser setzte, reduzierte sich die Schwankung zwar. Doch nahm in diesem Versuch auch die Durchschnittsgeschwindigkeit ab.

Im Freizeit- und Breitensport spielen solche Überlegungen ohnehin keine Rolle. Stefan Mühl vermutet, dass bei Amateuren statt perfekt koordinierter asynchroner Bewegungen eher zusätzliche gegenläufige Kräfte erzeugt würden, die sich nachteilig auf das Gefühl der gemeinsamen Bewegung und die Bootsgeschwindigkeit auswirken. Wer nicht wettkampforientiert rudert, will außerdem nicht so schnell wie möglich sein, sondern sich aktiv erholen. Und wer einmal den Flow gespürt hat und weiß, wie gut sich Gesellschaft auf dem Wasser anfühlt, lernt vielleicht das Wanderrudern schätzen. Die Chronik des „Hamburger und Germania Ruder Clubs“ weiß jedenfalls über gelungene Fahrten im Jahr 1837 zu berichten, bei denen „Berge von Brot und Kuchen vertilgt und manche Flasche Wein getrunken wurde.“

Video zum synkopierten Rudern:

https://www.youtube.com/watch?v=zQ6fxsmo3V8

Quelle: F.A.S.
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