Tierische Kommunikation

Flughunde, die Mundart reden

Von Diemut Klärner
 - 09:00

Dialekte gibt es nicht nur in menschlicher Sprache. Auch bei tierischer Kommunikation lassen sich mitunter regionale Unterschiede ausmachen. Wer sich entsprechend auskennt, kann zum Beispiel mühelos heraushören, ob ein singender Buchfink aus der Gegend von Hamburg stammt oder vom Alpenrand. Den jeweiligen Dialekt lernen diese Singvögel von ihren Eltern. Mit unterschiedlichen Dialekten kommunizieren aber auch manche Fledermausarten. Ihre Jungen lernen ebenfalls von den Alten, im Gegensatz zu Singvögeln allerdings nicht speziell von den Eltern oder den allernächsten Nachbarn. Stattdessen wird die Stimme der heranwachsenden Fledermäuse von der vielstimmigen Schar am notorisch unruhigen Ruheplatz geprägt. Das haben Zoologen um Yosef Prat und Lindsay Azoulay von der Universität Tel Aviv herausgefunden.

Als Forschungsobjekt diente ihnen der Nilflughund (Rousettus aegyptiacus). Wie die meisten Fledermäuse aus der Gruppe der Flughunde ist er etwa so groß wie eine Krähe und ernährt sich mit Vorliebe von Früchten. Wobei Nilflughunde manchmal auch Obstplantagen plündern. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Ägypten bis in den Süden der Türkei und nach Zypern. In Israel haben die Wissenschaftler hochträchtige Weibchen gefangen, sie in schallisolierten Käfigen einquartiert und dort ihren Nachwuchs aufziehen lassen. Zwar fehlten die Hunderte von Artgenossen, mit denen ein Nilflughund üblicherweise seinen Ruheplatz in einer Höhle teilt. Doch die Geräuschkulisse stimmte: Wie die israelischen Zoologen in der Online-Zeitschrift „Plos Biology“ berichten, beschallten sie ihre tierischen Probanden mit passend zusammengestellten Tonaufnahmen. Anders als der Gesang eines Buchfinken bestehen die Laute eines Flughunds nicht aus einzelnen Silben. In der Tonhöhe lassen sich jedoch regionale Unterschiede erkennen. Weshalb die Beschallung der jungen Nilflughunde entsprechend variiert wurde.

Prägendes Stimmengewirr

Während die Kleinen heranwachsen, wird ihre hohe Kinderstimme zunehmend tiefer und erreicht nach etwa einem halben Jahr die Stimmlage erwachsener Artgenossen. Der Grundton der Kommunikation liegt nun meistens zwischen 400 und 1000 Hertz. Wie häufig die im Dienst der Wissenschaft eingesperrten Nilflughunde dann auch deutlich höhere oder tiefere Töne von sich gaben, hing von dem Stimmengewirr ab, dem sie an ihrem Ruheplatz ausgesetzt waren: Tiere, die viel niederfrequente Stimmen hörten, äußerten auch selbst häufig Laute mit tiefer Grundfrequenz. Eine Beschallung mit überdurchschnittlich hohen Frequenzen führte dagegen zu einem vergleichsweise großen Anteil von Lauten mit hoher Grundfrequenz. Offenbar sind junge Nilflughunde ganz Ohr für den Chor ihrer lautstarken Artgenossen und lernen dadurch, welcher Ton in dieser Gemeinschaft angesagt ist.

Lernfähig zeigen sich Fledermäuse auch, wenn es um fette Beute geht. Hungrige Langfuß-Fledermäuse zum Beispiel tummeln sich mit Vorliebe über Teichen oder Seen. Dort fangen diese im Mittelmeerraum heimischen Tiere nicht nur fliegende Insekten. Mit ihren langen, krallenbewehrten Füßen können sie sich ihre Beute auch von der Wasseroberfläche klauben. Manche schnappen sich dabei diverse Insekten, andere haben es stattdessen auf Fische abgesehen. Dass die fischenden Fledermäuse ihre Echoortung modifiziert haben, haben Wissenschaftler von der Universität Kopenhagen und von der Universität des Baskenlands in Leioa beobachtet. Ostaizka Aizpurua und ihre Kollegen studierten zum einen Langfuß-Fledermäuse, die sich ausschließlich von Insekten ernähren. Was sich beim sorgsamen Aussieben von fünf Kilogramm Fledermauskot bestätigte. Zum anderen wurde eine Population getestet, bei der Fisch auf dem Speiseplan steht.

Diese Fledermäuse holen sich ihre Mahlzeiten aus einem Teich, in dem es von Moskitofischen wimmelt. Ursprünglich waren die nur wenige Zentimeter großen Fische mit dem wissenschaftlichen Namen Gambusia holbrooki im Südosten der Vereinigten Staaten zu Hause. Mittlerweile wurden sie jedoch auch nach Spanien und in andere Länder des Mittelmeergebiets eingeschleppt. Hart im Nehmen, haben sich die Moskitofische dort breitgemacht. Sie bevölkern Gräben und Flüsse ebenso wie Seen und Lagunen – nicht selten auf Kosten einheimischer Arten. Von diesem Neuling der mediterranen Fischfauna profitiert mancherorts die Langfuß-Fledermaus: Um sich Nahrhaftes einzuverleiben, streckt der Moskitofisch nämlich oft seine Oberlippe über den Wasserspiegel. Dann hat die Fledermaus eine Chance, ihn mit ihrer Echoortung aufzuspüren.

Angepasste Echoortung

In der Online-Zeitschrift „Plos One“ schildern die Forscher, wie sie ihre tierischen Probanden im Freiland auf die Probe stellten: Sie plazierten tote Moskitofische derart im Wasser, dass wie bei lebenden die Oberlippe an die Oberfläche kam. Mit einer entsprechenden Apparatur konnten sie den Köder aber auch zeitweilig abtauchen lassen. Auf jeden Fall gingen die Langfuß-Fledermäuse leer aus, denn die toten Fische waren an einem Faden befestigt. Wenn eine Fledermaus ein mutmaßliches Beutetier entdeckt hat, verändert sie ihre Echoortung: Während sie sich nähert, taktet sie die Ortungslaute zunehmend dichter. Wobei das breite Frequenzspektrum zunächst noch erhalten bleibt. Erst in der Endphase wird es schmaler, und die durchschnittliche Frequenz sinkt merklich ab. Ließen die Forscher das angepeilte Ziel abtauchen, fiel diese Phase der Echoortung kürzer aus. Bei den ausschließlich insektenfressenden Fledermäusen allerdings nur ein wenig. Die versierten Fischer ließen die niederfrequente Phase ihres Sonars dagegen fast vollständig verschwinden. Dafür verlängerten sie die vorhergehende Phase, in der die Ortungslaute noch mehr und höhere Frequenzen enthalten. Die Echos lieferten dadurch wohl mehr Informationen über die Wellen, die ein abgetauchter Fisch hinterlässt. So erleichterten sie vermutlich einen gezielten Zugriff.

War der Köder von der Oberfläche verschwunden, streckten alle Fledermäuse ihre Füße länger und tiefer ins Wasser. Was ihnen im Dienst der Wissenschaft zwar nichts half, sonst aber die Chance verbessern dürfte, doch noch einen Fang zu machen. Erstaunlicherweise führten die an Insektennahrung gewöhnten Fledermäuse ihre Füße selbst dann schnurstracks zum Maul, wenn sie die Beute nicht einmal berühren konnten. Die im Fischfang geübten ließen das bleiben. Wahrscheinlich weil sie erwartet hatten, einen fetten Brocken zu angeln, dann aber nichts in den Krallen hielten. Von kleinen Insekten kommt womöglich keine so eindeutige Rückmeldung.

Offenbar haben Langfuß-Fledermäuse grundsätzlich die Fähigkeit, sich auch Fische zu angeln. Mit zunehmender Übung scheinen sie ihre Technik des Fischfangs aber zu optimieren. Wie lange es dauert, bis sie ihre Echoortung angepasst haben, ist noch eine offene Frage. Ebenso ungeklärt bleibt, ob sich die hierzulande heimische Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) ähnlich gelehrig zeigt wie die Langfuß-Fledermaus (Myotis capaccinii). Wasserfledermäuse sind etwas kleiner als ihre Verwandten südlich der Alpen, haben jedoch ebenso auffällig lange Füße.

Quelle: F.A.Z.
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