Wesenstest für Hunde

Spielt er oder killt er?

Von Von Georg Rüschemeyer
 - 23:15

Wenn es einen Pokal für den gutmütigsten Hund gäbe, Greta wäre eine Top-Anwärterin. Die stets mit dem Schwanz wedelnde Jagdhündin lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Weder durch andere Hunde noch durch Menschen, die sie anbrüllen, mit einem Stock vor ihr herumfuchteln oder sie im Fahrstuhl eng in ihre Mitte nehmen. Greta meistert solche Situationen mit Bravour, wie ein Videomitschnitt auf Youtube eindrucksvoll beweist.

Bei zwei anderen Hunden wird sich das noch zeigen müssen. In dem einem Fall geht es um den Staffordshire-Terrier-Mischling Chico, der in der Nacht zum 4. April in Hannover seinen 27-jährigen Halter und dessen 52-jährige Mutter durch Bisse derart verletzte, dass sie verbluteten. Der zweite Fall ereignete sich vergangenen Montag im südhessischen Bad König, wo ein sieben Monate alter Junge vom Hund der Familie in den Kopf gebissen wurde. Das Baby starb wenig später in einer Mannheimer Klinik.

Statt ihn einzuschläfern, schickt man den Täter zum Test

Die beiden Fälle haben wieder einmal eine Diskussion über den Umgang mit gefährlichen Hunden ausgelöst. Die einen sprechen von Kampfhunden, denen das Zubeißen quasi mit ins Wurfkörbchen gelegt sei. Fürsprecher der Tiere dagegen verorten das Problem ausschließlich am anderen Ende der Leine. So haben mehr als dreihunderttausend Menschen eine Online-Petition unterschrieben, die eine zweite Chance für Chico fordert, der offenbar unter übelsten Verhältnissen lebte. Am Montag wurde der Rüde dann aber doch während einer medizinischen Untersuchung unter Narkose aufgrund einer schweren, kaum heilbaren Kieferverletzung eingeschläfert. Zum anberaumten Wesenstest kam es nicht mehr.*

Standardisierte Tests für die Verhaltenseigenschaften eines Hundes dienten früher nur der Auswahl von Tieren mit gewünschten Merkmalen für die Zucht. Dann kam es im Sommer 2000 in Hamburg zum tödlichen Angriff eines Pitbull-Terriers auf den sechsjährigen Jungen Volkan, der arglos auf einer Wiese spielte. Das löste eine zuvor kaum geführte Debatte über die Haltung von Kampfhunden aus. Die meisten Bundesländer reagierten rasch mit entsprechenden Verordnungen. Es wurden Listen bestimmter Rassen angelegt, die als besonders gefährlich eingestuft wurden; bereits auffällig gewordene Tiere sollten von Amts wegen überprüft werden.

Gestörtes Aggressionsverhalten

Einen der ersten Tests dieser Art entwickelte damals Hansjoachim Hackbarth, Leiter des Instituts für Tierschutz und Verhalten an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. „Ziel ist es, ein eventuell gestörtes Aggressionsverhalten des Tieres zu erkennen“, sagt Hackbarth. Die Prüfung, die in Niedersachsen von speziell ausgebildeten Veterinären durchgeführt wird und rund 400 Euro kostet, beginnt mit einer medizinischen Untersuchung und einem Test auf die Verabreichung von Beruhigungsmitteln, mit denen Halter immer wieder versuchen, ihre angriffslustigen Tiere zu zahmen Lämmern zu machen. Es folgen 36 Aufgaben, mit denen das Verhalten des Hundes in potentiell brenzligen Situationen untersucht werden soll.

Dabei müssen die Prüflinge nicht alles schwanzwedelnd über sich ergehen lassen, sondern dürfen durchaus ein der Situation angemessenes Verhalten an den Tag legen, erklärt Hackbarth. „Problematisch wird es erst, wenn die typischen Eskalationsstufen übersprungen werden.“ Reagiert ein Hund auf eine wahrgenommene Bedrohung nicht mit ängstlichem Rückzug, zeigt er normalerweise ein abgestuftes Aggressionsverhalten. Wenn Zähneblecken und Knurren den vermeintlichen Angreifer nicht verscheuchen, folgen kontrollierte Rempeleien und Schnappen. Erst auf der letzten Stufe geht es mit ungehemmten Beißattacken ums Ganze. Gefährlich sind vor allem Hunde, die quasi ohne Vorwarnung von null auf hundert schalten. Im Detail unterscheiden sich solche Wesenstests von Bundesland zu Bundesland. Insgesamt hält Hackbarth sie aber durchweg für aussagekräftig, auch wenn sie immer nur eine Momentaufnahme der psychischen Verfassung des fraglichen Vierbeiners liefern könnten.

In den meisten Fällen geht es dabei nicht um die Alternative zwischen leben lassen oder einschläfern. Sondern darum, den Haltern eine realistische Einschätzung ihres Hundes zu vermitteln. Oder bei Bedarf Auflagen wie Leinen- und Maulkorbzwang zu erteilen. „Auch eine Resozialisierung kann Erfolg versprechen“, sagt die Hamburger Tierärztin Barbara Schöning, die Niedersachsens Wesenstest mitentwickelt hat und als Verhaltenstherapeutin für Hunde arbeitet. Ähnlich wie beim Menschen gehe es darum, den Hund gegen stressauslösende Reize zu desensibilisieren und ihm alternative Strategien beizubringen.

Das Etikett „gefährliche Rasse“ ist Unfug

Die in den meisten Bundesländern üblichen Listen jener Hunde, für die ein Wesenstest obligatorisch ist, lieferten Wissenschaftlern wie Hackbarth eine gute Datenbasis, um die potentielle Gefährlichkeit verschiedener Rassen zu untersuchen. Dabei zeigten sich allerdings kaum systematische Unterschiede. In einer von Hackbarth betreuten Doktorarbeit fand sich unangemessen aggressives Verhalten unter Listenhunden genauso selten wie unter Golden Retrievern, die allgemein als besonders freundlich gelten.

Auch unter Hunden, die bereits wegen tatsächlicher Verhaltensauffälligkeiten zum Test antanzen mussten, lassen sich keine klaren Tendenzen für die eine oder andere Rasse erkennen. Meist führen nicht die Listenhunde, sondern Schäferhunde und Mischlinge die Beißstatistik an. Das variiert jedoch stark und hängt natürlich auch davon ab, wie häufig eine bestimmte Rasse unter Deutschlands gegenwärtig rund sieben Millionen Hunden vertreten ist. Zudem richtet nicht jeder bissige Köter den gleichen Schaden an. Kleine Rassen wie Dackel und Chihuahua beißen zwar häufiger, aber längst nicht so stark zu wie ein dreißig Kilo schwerer Staffordshire Bullterrier.

Auch Testsieger beißen zu Hause gerne mal zu

Rasselisten hält Hackbarth wie die meisten Experten angesichts solcher Ergebnisse für populistischen Unfug. Wenn ein Hund auffällig werde, liege das an Fehlern in der Erziehung und der häufig fehlenden Kenntnis der Halter über den Charakter ihres Hundes. Die Genetik der jeweiligen Rasse spiele dabei höchstens eine untergeordnete Rolle. Deshalb hält Hackbarth Maßnahmen wie einen Hundeführerschein für wesentlich sinnvoller. Die Einsicht sei zudem gewachsen, dass ein Hund stets unter die Kontrolle von Herrchen oder Frauchen gehört. „Auch als passionierter Jogger habe ich den Eindruck, dass Hundehalter heute mehr Rücksicht auf ihre Mitmenschen nehmen“, sagt Hackbarth. Das liege wohl nicht zuletzt daran, dass selbst unangenehme Pitbull-Halter aus dem Milieu zunehmend das Risiko scheuen, zu einem kostspieligen Wesenstest vorgeladen zu werden.

Die Berliner Hundetrainerin Sophia Heiduk allerdings, der die eingangs erwähnte Jagdhündin Greta gehört, bezweifelt, dass die heute verwendeten Testverfahren der Weisheit letzter Schluss sind. „Es kann sein, dass sich ein Hund beim Wesenstest sehr nett präsentiert. Zu Hause auf seinem eigenen Territorium beißt er dann aber zuverlässig jeden Besucher.“ Selbst ihre Greta, die als Meutehund zur Rasse Griffon Fauve de Bretagne gehört, sei nur durch konsequente Erziehung davon abzuhalten, spontan auf Wildtiere und Katzen loszugehen.

* Aktualisiert am 17. April 2018

Quelle: F.A.S.
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