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Sportmedizin

In Topform wie die Alten

Von Michael Brendler
 - 20:55
Der Brite Buster Martin, 101 Jahre alt, trainiert für den London Marathon. Bild: Rezac, Jiri, F.A.S.

Mit seinen größten sportlichen Erfolgen hat sich Robert Marchand lange Zeit gelassen. Zweifacher Weltrekordhalter darf sich der Franzose seit Anfang diesen Jahres nennen, nach seiner einstündigen Rekordfahrt auf der Radrennbahn in Saint-Quentin-en-Yvelines, die er mit 105 Jahren absolviert hat. Vor fünf Jahren hatte er in sechzig Minuten 26,927 Kilometer geschafft und damit mehr als jeder andere über Hundertjährige. Diesmal waren es nur noch 22,547 Kilometer. Aber er ist inzwischen ja auch ein wenig älter geworden.

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Der ehemalige Feuerwehrmann, Holzfäller und Gärtner aus Paris hat also bewiesen: Selbst im Greisenalter ist der Mensch noch in der Lage, mit gezieltem Training Spitzenleistungen zu vollbringen und manche Funktionen seines Körpers sogar zu verbessern. Sportmediziner hatten bislang angenommen, dass mit jeder Dekade, die das Leben nach dem dreißigsten Geburtstag voranschreitet, die maximale Sauerstoffaufnahme um zehn Prozent abnimmt. Im Rentenalter geht es sogar noch steiler bergab. Dieser sogenannte VO2max-Wert ist der Parameter, um den sich bei Langstreckenläufern oder Triathleten alles dreht. Die Geschwindigkeit, mit der es das Herz schafft, den aufgenommenen Sauerstoff aus der Lunge zu den Muskeln zu pumpen, und die Effizienz, mit der diese das Gas in Kraft umsetzen, gilt als maßgeblich dafür, wie erfolgreich jemand beispielsweise ein Marathonrennen hinter sich bringt.

Mit einer genau auf ihn abgestimmten Mischung aus harten und leichteren Trainingseinheiten ist es Marchand als erstem Probanden gelungen, diesen Verfall aufzuhalten. Seine maximale Sauerstoffkapazität war nach zwei Jahren Schufterei sogar um dreizehn Prozent angestiegen, berichtete die Sportwissenschaftlerin Véronique Billat von der französischen Universität Evry-Val-d’Essonne dieses Jahr im Journal of Applied Physiology . „Das zeigt“, sagt die Wissenschaftlerin, „dass wir die Effekte des Alters nicht nur aufhalten können; wir können selbst mit einhundert Jahren unsere Leistungsfähigkeit noch steigern.“

Hochbetagte „Master-Athleten“ wie der Franzose haben inzwischen noch ganz andere sportliche Schallmauern durchbrochen. Mit 2:54:48 Stunden, die der 73-jährige Kanadier Ed Whitlock vor dreizehn Jahren für die Marathon-Strecke benötigte, hätte er zum Beispiel 1896 bei den ersten modernen olympischen Spielen in Athen eine Goldmedaille gewonnen. Die damalige Siegerzeit auf der Hundertmeterbahn hat inzwischen ein 61-Jähriger unterboten. „Die Master-Athleten haben uns gezeigt: Wir haben die potentielle Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers lange unterschätzt. Mit dem entsprechenden Training kann man einem Abbau im Alter wirkungsvoll entgegensteuern“, sagt auch Albert Gollhofer vom Institut für Sport und Sportwissenschaften der Universität Freiburg.

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Hans-Georg Predel vom Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln betreut seit fünfzehn Jahren acht Master-Triathleten, mittlerweile sind sie Ende siebzig. Hochtrainierten Sportlern, berichtet Predel, gelinge es zum Beispiel, den klassischen Abbauprozessen im Herz-Kreislauf-System entgegenzusteuern. Anders als bei ihren Altersgenossen schlägt ihr Herz fast genauso kräftig wie früher und bei maximaler Belastung fast genauso schnell. Auch ihre Gefäße versteifen längst nicht in dem Ausmaß, das die Mediziner sonst von ihren alternden Patienten gewohnt sind, was sich an deren stetig steigenden Blutdruckwerten zeigt. Bei den Aktiven ist diese Entwicklung gebremst, außerdem funktioniert ihr Sauerstoffaustausch in der Lunge nicht schlechter als in einem jüngeren Körper.

Selbst wenn jemand erst sehr spät mit dem Sport beginnt, kann er noch Beeindruckendes erreichen. In einer Studie gelang es 85- bis 95-Jährigen in gerade mal zwölf Wochen, ihre Muskelkraft glatt zu verdoppeln. Die Chance, gesund zu altern, also keine schweren chronischen Krankheiten, Gedächtniseinschränkungen, Behinderungen oder psychische Gesundheitsprobleme zu entwickeln, verdreifachen sich, wenn man als Rentner beginnt, sich sportlich zu betätigen. Das jedenfalls fanden britische Forscher vor drei Jahren heraus. Peilt man ehrgeizige Trainingsziele an, steigen die Chancen fast auf das Vierfache. „Der Körper reagiert bei älteren Menschen prinzipiell nicht weniger auf Trainingsreize als bei jüngeren“, sagt Hans-Georg Predel. Allerdings kehre er schneller wieder auf das Ausgangsniveau zurück, wenn man den Sport einstellt.

Es gibt allerdings auch eine Kehrseite der Medaille. Immer wieder überschätzen Senioren die Erfolge ihrer sportlichen Bemühungen und stolpern über die kleinen Steine, die das Alter ihren Ambitionen in den Weg legt. In den Bergen kann das besonders gefährlich werden. Erst vergangenes Wochenende stürzten in den Zillertaler Alpen Mitglieder einer Seilschaft in den Tod; vier der Teilnehmer waren im teils fortgeschrittenen Rentenalter. Wer einen Berg unter Normalbedingungen noch gut bewältige, sagt Reto W. Kressig, Professor für Geriatrie an der Universität Basel, könne nicht automatisch davon ausgehen, dass dasselbe auch für Grenzsituationen gelte.

„Gerade die Sturzgefahr ist in höherem Alter nicht nur eine Frage von Kraft und Kondition“, sagt Kressig. Hier komme auch der Faktor Bewegungskoordination ins Spiel. Und da hat fast jeder ältere Mensch deutliche Einbußen zu verzeichnen: Ein Drittel der Muskulatur geht ab dem 55. Lebensjahr verloren, betroffen ist davon vor allem die sogenannte weiße, die schnelle Muskulatur. Diese sei aber, erklärt der Altersmediziner, zur Stabilisierung des Gleichgewichts besonders wichtig. Aufgabe der schnellen Muskeln ist es unter anderem, falschen Bewegungen in Sekundenbruchteilen entgegenzusteuern. Zudem werden verlorene Muskelfasern oft durch Bindegewebe ersetzt. Das versteift nicht nur die Gelenke, sondern bremst auch die Bewegungsabläufe. Dass die Nervenleitung im Alter ebenfalls an Geschwindigkeit verliert, verlangsamt die Reaktionen zusätzlich. Auch unterschätzen viele, wie wichtig Regenerationsfähigkeit und Erholung sind. Wer im Rentenalter auf einen anstrengenden Bergtag gleich den nächsten folgen lässt, wie er es in besseren Zeiten gewohnt war, wird seinen müden Muskeln nur noch bedingt trauen können.

Aber dieser Verfall muss nicht zwangsläufig sein. Das zeigt das Beispiel der Master-Athleten. Aufbau und Zusammensetzung ihrer Muskelfasern, so konnten Wissenschaftler belegen, entsprechen denen von jüngeren Sportlern, denn sie haben die weißen Muskelfasern gezielt trainiert. „Höhere Intensitäten fahren“, heißt das im Fachjargon. Das bedeutet, dass man beim Einsatz der Körperkräfte regelmäßig an seine Grenzen geht und sie dabei zu achtzig bis einhundert Prozent auslastet. Um die Koordinationsfähigkeit und Schnelligkeit nicht zu verlieren, müssen vor allem jene weißen Muskelfasern regelmäßig aktiviert werden, die im Alltag nicht zum Einsatz kommen. Sonst ginge diese Reserve des Körpers verloren, sagt der Freiburger Sportwissenschaftler Albert Gollhofer,

Ob es sich wirklich lohnt, in allen Aspekten den Master-Athleten nachzueifern, bezweifelt Gollhofer. „Nicht jeder hat beispielsweise die entsprechende genetische Ausstattung.“ Und vielleicht als Trost: Auch der größte Trainingsweltmeister muss sich irgendwann den Gesetzen der Biologie beugen. Die Orthopädin Vonda Wright von der Universität Pittsburgh hat aktive Seniorensportler vom fünfzigsten Lebensjahr an über 35 Jahre hinweg begleitet und ihre Wettkampfzeiten gemessen. Im Schnitt wurden sie alle zwölf Monate um 3,5 Prozent langsamer. Nach dem 75. Lebensjahr, berichtete Wright im American Journal of Sports Medicine, sei der Abbau noch dramatischer gewesen.

Selbst Ed Whitlock brauchte mit 85 für seinen letzten Marathon-Rekord schon mehr als eine Stunde länger. Robert Marchand steckt sich trotzdem ehrgeizige Ziele: Im nächsten Jahr will er einen neuen Weltrekordversuch starten. Bei seinem letzten, sagt der Radfahrer, hätte er durchaus schneller sein können.

Quelle: F.A.S.
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