Löwen

Im Schutz der Vuvuzela

Von Sonja Kastilan
© Foto Brent Stapelkamp/Polaris/Laif, F.A.S.

Ein erlegter Springhase oder eine Giraffe hätte wohl kaum so einen Wirbel ausgelöst. Als jedoch der Tod von Cecil, dem Löwen, im Sommer 2015 bekanntwurde, stand plötzlich die ganze Welt kopf. „Die Nachricht berührte alle, gerade weil es sich um einen Löwen handelte, denn zwischen uns Menschen und diesen Tieren besteht seit Jahrtausenden eine besondere Beziehung. Man schenkte deshalb unserer Arbeit mehr Beachtung und hinterfragte die Trophäenjagd“, erklärt Brent Stapelkamp, der seither versucht, das öffentliche Interesse aufrechtzuerhalten und für das Überleben der Großkatzen in ihrer natürlichen Umgebung zu nutzen. Nicht nur in Zimbabwe, wo der 39-jährige Naturschützer mit seiner Familie lebt: Am liebsten sähe er Löwen als „World Heritage Species“ anerkannt und dementsprechend unter Schutz gestellt als ein Erbe, zu dessen Erhalt alle etwas beitragen, nicht nur diejenigen, die direkt betroffen sind, weil ihre Felder und Viehweiden von Afrikas berühmten und in ihrer Existenz bedrohten „Big Five“ heimgesucht werden.

Auf dem afrikanischen Kontinent leben nur noch 20.000 bis 30.000 Löwen, und rund eine Milliarde Dollar wären vermutlich jährlich nötig, um den Fortbestand ihres bereits dramatisch geschrumpften Lebensraums zu sichern. Für Brent Stapelkamp, der einige Jahre im Hwange-Nationalpark in Zimbabwe für The Wildlife Conservation Research Unit (WildCRU) der Oxford-Universität forschte, ein überaus wichtiges Vorhaben. „Wir sollten mit Selbstbewusstsein auftreten und stolz sein, dass es diese Tiere noch gibt. Warum sollten wir unser Erbe an einen amerikanischen Zahnarzt verkaufen?“

Unbezahlbares Gut

Für 50.000 Dollar etwa? Die hatte der Amerikaner Walter Palmer angeblich für den Abschuss von Cecil mit Pfeil und Bogen an den einheimischen Jäger Theo Bronkhorst bezahlt. Während Palmer ohne Strafe davonkam, muss sich Bronkhorst jetzt erneut vor Gericht für die illegale Jagd auf den imposanten Löwen verantworten. Nein, es sei unbezahlbar, bekräftigt Stapelkamp. Und wenn man die Löwen rette, rette man gleichzeitig viele andere Arten und deren Lebensraum, denn sie nähmen einen zentralen Platz im Ökosystem ein.

„Der Fall Cecil hat mein Leben verändert und mir einigen Ärger von Seiten der Jagdindustrie eingebracht. Aber es geht nicht nur um diese eine Jagd, für die ich mir nach wie vor Gerechtigkeit wünsche. Es hat Dutzende ähnlicher Fälle gegeben.“ Für Stapelkamp geht es um alles, Löwen bedeuten für ihn die ganze Welt. Er hofft, mit seiner Leidenschaft auch andere für diese Tiere zu begeistern, damit sie sich engagieren und Projekte fördern, die dem Schutz dienen. Wie das gelingen könnte und auf welche Weise der schon über zwölf Jahre alte, aber immer noch gesunde und kräftige Cecil das Opfer einer illegalen Jagd wurde, erzählt uns Brent Stapelkamp beim Frühstück in der privaten Ivory Safari Lodge, die außerhalb, aber doch in der Nähe des Hwange-Nationalparks gelegen ist.

Für Tiere gibt es keine Ländergrenzen

Kein Zaun trennt das Schutzgebiet von den umliegenden Wäldern, daher finden sich hier nicht nur Elefanten, Giraffen oder des nachts mal ein Schakal am Wasserloch ein, das sich von der Ivory Lodge aus gut beobachten lässt. Auch Löwen, Hyänen und Leoparden verlassen den 14650 Quadratkilometer großen Nationalpark und sorgen für Konflikte. „Straßen bilden die Grenzen. Wir befinden uns hier in einer Art Pufferzone“, sagt Sharon Stead, Eigentümerin dieser und zweier weiterer Lodges im Land. Man sei eben Teil der Kaza, der Kavango-Zambezi Transfrontier Conservation Area, einer grenzenübergreifenden Schutzzone im südlichen Afrika, und stolz darauf. Dass ihre Familie mit deutschen Wurzeln einst auch Tiere an Zoos verkaufte, beschämt Stead heute noch. Umso mehr will sie verhindern, dass Löwen ihr Dasein künftig in Käfigen und Gehegen fristen müssen: „Wilde Tiere gehören in die Wildnis.“

Touristen kommen nach Afrika, um ein besonderes Naturerlebnis zu erfahren. Sie gehen auf Fotosafaris, die Arbeitsplätze schaffen und, rechnet man die Ausgaben mehrerer Reisender zusammen, Land und Leuten ein Vielfaches von dem einbringen, was eine einzelne Jagdlizenz kosten würde, von der meist nicht die Menschen profitieren, die das Geld dringend brauchten, sondern nur ein paar wenige. Deren Geschäfte liefen bisher bestens, was eine Erhebung des International Fund for Animal Welfare annehmen lässt: In den Jahren 2004 bis 2013 wurden weltweit mehr als zehntausend Trophäen von frei lebenden Löwen gehandelt, hinzu kamen fünftausend, die von Löwen in Gefangenschaft stammten, ganz zu schweigen von den Millionen anderer Wildtiere, wie etwa Elefanten. Mittlerweile haben jedoch zahlreiche Länder den Import solch umstrittener Jagdtrophäen verboten. In Europa darf Frankreich als Vorreiter gelten, die EU zog nach, einige Fluglinien verweigern inzwischen den Transport, Lufthansa zum Beispiel seit Ende Mai 2015.

Der Einfluss der Touristen

Im Gegensatz zur Jagd könne ein „transformierender Tourismus“, wie sie es nennt, die Leute und ihr Denken verändern, davon ist Sharon Stead überzeugt: „Wer einmal in Zimbabwe auf Safari war und den Sonnenuntergang im Busch erlebt hat, mit einem Gin Tonic in der Hand, dem geht es ins Blut über. Das vergisst man nicht, man möchte es wieder erleben und sogar von zu Hause etwas dafür tun.“ Immerhin helfen die Übernachtungskosten, ein Teil kommt den Schutzgebieten direkt zugute. Neben ihrer eigenen Stiftung setzt sich

Stead gemeinsam mit drei anderen Lodge-Besitzern für nachhaltige Projekte ein, die einerseits dem Naturschutz dienen und zum Beispiel gegen Wilderei vorgehen, indem Suchtrupps nach tückischen Drahtschlingen Ausschau halten. Andererseits werden die umliegenden Dörfer unterstützt.

Rund fünfhundert Löwen leben derzeit im Hwange-Nationalpark, wobei es Verbindungen zu den Löwen im benachbarten Botswana gibt; für die Tiere existieren keine Landesgrenzen. „Seit 2009 hat der Nationalpark 91 Löwen verloren, weil sie Wilderern zum Opfer fielen oder vergiftet oder erschossen wurden, nachdem sie sich übers Vieh hergemacht hatten. Für diese kleine Population ist das ein großer Verlust“, sagt Brent Stapelkamp. Zumal diese Zahl noch nicht die von Trophäenjägern erlegten Tiere einbezieht. Ebenso wenig die anschließend getöteten Jungen, wenn nach dem Tod eines dominierenden Männchens ein anderes sich das Rudel aneignet.

Brent Stapelkamp, Kämpfer für Afrikas Löwen
© sks, F.A.S.

Forscher wie Stapelkamp sprechen dann von einem Infantizid, durch den das fortan herrschende Männchen den Zyklus der Weibchen beeinflusst, damit diese sich nicht mehr um ihre Kleinen kümmern müssen und so schneller wieder empfängnisbereit für seinen Nachwuchs sind. Auch nach Cecils Tod, dem seine prächtige dunkle Mähne zum Verhängnis wurde, befürchtete man ein solches Morden. Das blieb dem Rudel jedoch erspart: Sein langjähriger Gefährte Jericho übernahm zunächst die Führungsrolle und zeugte zwei Jungtiere; ihn hatte Walter Palmer damals verschont, obwohl er als erster in Reichweite des Bogens aufgetaucht war, was ein Zeuge beobachtete; seine blonde Mähne genügte aber offenbar nicht. Stapelkamp nimmt an, dass Cecil von vornherein das Ziel gewesen sei, was die Jäger bestreiten. Allerdings erscheinen einige ihrer Angaben zweifelhaft. Auch hätte ein Park-Ranger bei dieser Jagd mit Pfeil und Bogen anwesend sein müssen, und Cecils Senderhalsband wurde anschließend zwei Tage lang bewegt, vermutlich um sein Ableben zu verschleiern. Und wie es nun für Theo Bronkhorst in Zimbabwe weitergeht, wird das Gericht vielleicht schon in der kommenden Woche verkünden.

Plastiktröten statt Gewehre

Manch eine der Löwinnen versucht den drohenden Infantizid abzuwenden, indem sie samt Nachwuchs aus dem Nationalpark flüchtet. „Sie rennt davon, weil sie im Park auf andere Löwen treffen würde, die ihre Jungen ermorden“, sagt Stapelkamp. Etwas anderes bliebe ihr schlicht nicht übrig, weil das Schutzgebiet beschränkt sei, also überquert sie die Straße. Damit fangen die Probleme allerdings erst richtig an, denn die auf sich gestellten Mütter sorgen ebenso wie unerfahrene „Youngsters“, die den Kampf mit stärkeren Männchen scheuen, häufig für Ärger, weil sie eben Kühe, Esel oder Ziegen reißen anstelle von Impalas oder Zebras. „Also treiben wir sie zurück in den Nationalpark, mit dröhnenden Vuvuzelas. Und das immer wieder, denn die Alternative wäre eine Kugel, mit der man sie erschießt“, erklärt Stapelkamp und lacht, als er unsere überraschten Gesichter sieht. Nicht Gewehre, sondern Plastiktröten genügen also zur Gegenwehr?

Ein Löwe sei letztlich nichts anderes als „just a big cat“ und würde Menschen eigentlich meiden. Allein schon unsere aufrechte Haltung behage ihm nicht, sagt der Forscher, der den Dorfbewohnern die Angst nehmen möchte, damit sie selbstbewusst den Raubtieren entgegentreten. Mit Vuvuzelas und beweglichen Gehegen fürs Vieh. Mehrere Generationen von Farmern hätten keine der Großkatzen selbst gesehen, nur deren Fährten oder die Spuren der Verwüstung. Die ursprüngliche Beziehung zwischen Mensch und Löwe sei daher gestört. „Ich habe mich im Rahmen des WildCRU-Projektes jahrelang mit Löwen beschäftigt, doch eher aus Perspektive der Tiere und des Nationalparks. Jetzt möchte ich ihnen helfen, indem ich mehr die Perspektive meiner Nachbarn einnehme.“ Deren Sichtweise versucht der schlanke, bärtige Mann auf vielfältige Weise zu verändern und lebt vor, was er sagt. Mit seiner Frau Laurie Simpson und Sohn Oliver wohnt er seit zweieinhalb Jahren in einer der typischen Dorfgemeinschaften von Mabale am Rande das Hwange-Nationalparks.

Ganz im Sinne einer Permakultur

Beim Hausbau haben sie statt auf Zement auf natürliche Materialien gesetzt, die Architektur wurde dem Klima sowie dem Lauf der Sonne angepasst, das Dach trägt Solarzellen und sammelt Regenwasser, im Garten gedeihen allerlei nützliche Pflanzen, nur dem Avocadobäumchen ist es zu heiß. Die Familie versucht mit ihrer auf Nachhaltigkeit bedachten Permakultur zum Vorbild zu werden, sei es in Fragen von Wassernutzung und Kompost oder bei der Gestaltung von irdenen Herdöfen, die viel weniger Holz benötigen als die sonst üblichen offenen Feuerstellen. „Das schont die Wälder, und die Frauen müssen seltener ins Territorium der Raubkatzen vordringen“, sagt Stapelkamp, der selbst in der Hauptstadt Harare privilegiert aufgewachsen ist. Um jetzt dem achtjährigen Sohn und Nachbarkindern den fünf Kilometer langen Schulweg zu ersparen, bei dem sie auf Löwen oder Elefanten treffen könnten, und um ihnen eine bessere Bildung zu ermöglichen, plant die Familie jetzt, eine Schule in der Nähe zu errichten, die dem Waldorf-Konzept von Rudolf Steiner folgen soll, nach dem Oliver derzeit zu Hause unterrichtet wird.

Das ist nur eines der zahlreichen Projekte, für die sich Laurie Simpson und Brent Stapelkamp engagieren. Sie haben eine „Soft Foot Alliance“ ins Leben gerufen, weil nicht nur Löwen für Konflikte sorgen, sondern auch Elefanten, Hyänen, Honigdachse und Paviane. Ihre Allianz kooperiert unter anderem mit der Organisation Panthera und mit dem Oxford-Doktoranden Lovemore Sibanda, der im WildCRU-Team die Arbeit von Stapelkamp fortsetzt: „Ein brillanter Kerl, der zwar von hier stammt, aber nichts über Löwen wusste, bevor er als Student in unserem Projekt mitarbeitete“, stellt er den 29-Jährigen vor, der uns vom Erfolg der „Long Shields Lion Guardians“ berichtet.

Warnung via Whatsapp

Während des Studiums hätten ihn Kollegen wie Brent mit ihrer Begeisterung für die Löwenprojekte angesteckt, erzählt Lovemore Sibanda, der nun jeden Morgen auf seinem Laptop als Erstes GPS-Signale kontrolliert, um festzustellen, wo sich Löwen mit Senderhalsband aufhalten. Nicht alle seien damit ausgestattet, aber genug, um die Bewegungen der Rudel zu erforschen und um gegebenenfalls Dörfer und Hirten zu warnen, dass sich Löwen nähern. „Wenn das der Fall ist, sende ich via Whatsapp eine Nachricht an unsere Helfer, die dann aufs Rad springen und betroffene Nachbarn alarmieren“, sagt Sibanda, der bereits etliche solcher Nachrichten verschickt hat im Bewusstsein, dass jede verlorene Ziege oder Kuh für die Menschen ein enormer Verlust wäre, „als ob man ihr Bankkonto gehackt hätte“. Also verscheucht man die Löwen mit Licht, Feuer und Vuvuzelas.

Oxford-Doktorand Lovemore Sibanda
© sks, F.A.S.

Auf vierzehn solcher Helfer, in Anlehnung an frühere Krieger „Long Shields“ genannt, kann Sibanda zurückgreifen. Sie patrouillieren täglich ein bestimmtes Gebiet ab und ermutigen ihre Dorfgemeinschaften, das Vieh ordentlich zu hüten, denn diese durchaus entscheidende Aufgabe wurde in den letzten Jahren zunehmend vernachlässigt. Junge Männer haben heute andere Ziele, als sich wie schon ihre Ahnen um Kühe zu kümmern. „Es ist wichtig, die verschiedenen kulturellen Werte und Unterschiede zu verstehen, will man neue Methoden einführen und Ideen verbreiten“, betont Sibanda. Seine Mutter gehört zur Volksgruppe der Ndebele, sein Vater wiederum zu den Tonga, das habe sein Gespür geschärft, sagt der gutgelaunte 1,95-Meter-Mann, dessen Name auf das familiäre Totem des Löwen verweist, dem er nun weit mehr als nur Respekt zollt.

Durch seinen Einsatz für die mobilen „Bomas“, in denen das Vieh hinter Planen versteckt wird, lassen sich die Dorfbewohner vielleicht leichter von den Vorzügen überzeugen, ihre Nutztiere zusammen in größeren Gruppen zu halten. Im Prinzip schlägt man ein paar Pfosten in die Erde und lässt Vorhänge herunter, die selbst in entlegenen Gegenden verhindern, dass ein umherstreifender Löwe in Kühen und Ziegen eine leichte Beute erkennt: „Er kann sie hören, riechen, aber nicht sehen und würde deshalb niemals einfach hineinspringen. Das Vieh ist darin sicher und gerät nicht in Panik, weil es die Bedrohung ebenfalls nicht sieht“, erklärt Stapelkamp. In den vergangenen drei Jahren habe man in solchen Bomas nicht eine einzige Kuh verloren.

„Gleichzeitig wird dadurch der Boden gedüngt und der Ackerbau verbessert“, ergänzt Lovemore Sibanda. Untersuchungen des Teams haben gezeigt, dass Nutzpflanzen wie Mais nicht nur kräftiger und höher wuchsen, sondern außerdem mehr Erträge lieferten: „Auf diese Weise lassen sich Konflikte zwischen Löwen und Menschen verhindern, man schützt das Vieh und sichert die Ernährung.“ Um das Interesse an den gemeinschaftlichen Bomas zusätzlich zu schüren, setzt Stapelkamp auf Ausbildung. Indem sich die Männer abwechseln, lernen die einen beispielsweise Möbel zu schreinern, während die anderen das Vieh hüten. Davon profitieren ihre Familien, die Gemeinschaft und am Ende natürlich die Löwen.

Weitere Informationen:

www.wildcru.org, www.ifaw.org,

www.worldheritagespecies.org,

www.softfootalliance.com

Quelle: F.A.S.
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