Mauersegler in Gefahr

Nur ein kleines Schlupfloch

Von Andreas Frey
 - 09:34

Früher nannte man den Mauersegler auch Teufelsvogel. Sein schwarzes Gefieder, sein schrilles Geschrei und seine geheimnisvolle, plötzliche Rückkehr im Frühjahr wirkten auf die Menschen unheimlich. Wie aus dem Nichts tauchen die Zugvögel auch jetzt wieder am Himmel auf. Die Reise war weit und mühsam, die meisten sind direkt aus Afrika eingeflogen. Sie haben die Sahara überquert und das Mittelmeer, waren monatelang in der Luft, haben geschlafen und gegessen, ohne je den Boden zu berühren. Pünktlich zum Sommerhalbjahr kehrt der Mauersegler nach Deutschland zurück.

Heute freuen sich die Menschen auf seine Ankunft. Denn sie bewundern seine Art, zu fliegen. Mauersegler (Apus apus) sind die Draufgänger unter den Vögeln. Wie Pfeile schießen sie durch Häuserschluchten, steigen Hunderte Meter empor, stürzen wie Kamikazeflieger Richtung Boden oder gleiten in der Abenddämmerung elegant über unsere Dächer. Sieht man sie einmal nicht, hört man immer noch ihr „Sriii-Sriii“.

Die Wohnungsnot in den Städten bekommen auch die Vögel zu spüren

Der Mauersegler ist dem Menschen in die Stadt gefolgt. Aber in seinen Augen ist die Stadt nichts anderes als ein kleines Gebirge. Er sieht in jedem Haus einen Felsen, einen möglichen Nistplatz, ein Zuhause. Mauersegler sind treue Untermieter. Wenn sie nach Monaten der Abwesenheit ihr altes Nest wiederfinden, vollführen sie wahre Flugspielchen und trillern in kurzen Abständen. Doch es gibt da ein Problem: Ihre Brutplätze finden die Mauersegler heute immer seltener. Viele Nester sind versperrt oder entfernt worden.

„Die Situation für Gebäudebrüter wird immer schlimmer“, sagt Lorena Heilmaier vom Landesbund für Vogelschutz in München. Die Wohnungsnot in den Städten bekämen jetzt auch die Tiere zu spüren. In München sei es wohl am schlimmsten, sagt sie. Viele Häuser werden saniert, gedämmt, aufgestockt. In seiner Bauwut zerstört der Mensch die Lebensräume der Vögel, sei es aus Unwissenheit oder weil es ihm egal ist. „Viele wissen nicht, dass da jemand unter dem Dach wohnt“, sagt Heilmaier. Die Auswirkungen allerdings seien jetzt schon messbar: Europaweit nimmt die Population ab, berichten verschiedene Umweltverbände. In Bayern steht der Mauersegler sogar auf der Vorwarnliste.

Anspruchslose Untermieter

Dabei ist der Mauersegler gar nicht anspruchsvoll. Ihm genügt schon ein kleiner Mauerschlitz, ein Dachvorsprung oder ein Rollladenkasten, um sein Nest unterzubringen. In der Luft erreicht er zwar eine Spannweite von 35 Zentimetern, aber die Öffnung zu seinem Unterschlupf muss nicht größer als ein paar Zentimeter sein. Gerne haust er in Attiken oder in der unteren Ziegelreihe eines Schrägdaches. In den Zwischenräumen dahinter ist genug Platz, um ungestört den Nachwuchs aufzuziehen. Viel Nestmaterial verbaut er dabei nicht. Es reichen schon ein paar Halme und Federn, die er mit seinem Speichel verklebt. In China gelten die Nester einer verwandten Art wegen dieses Speichels als Delikatesse. Fälschlicherweise werden sie als Schwalbennester angeboten.

Im Nest betreut der Mauersegler den Sommer über seine Jungen. Die Vögel sind Nesthocker. Einmal erwachsen, können sie locker zwanzig Jahre alt werden. Nach dem Schlüpfen bleiben sie etwa vierzig Tage im Nest, ehe sie flügge werden. Die Eltern sind permanent in der Luft, um Insekten zu jagen. Der Standort unter dem Dach kann den Jungvögeln in heißen Sommern zum Verhängnis werden. Während der Hitzewelle im Jahr 2015 stürzten viele in den Tod. Das Nest hatte sich unter dem Dach in einen Backofen verwandelt.

Glasfassaden werden zu Todesfallen

Es sind aber nicht nur Gebäudesanierungen, die den Mauerseglern das Leben schwermachen. In Neubauten finden die Vögel oft keine Einschlupflöcher. Schuld daran ist der moderne, durchgestylte Baustil mit glatten Fassaden und polierten Flachdächern. Die kubischen Zweckbauten bieten weder Hohlräume noch Dachvorsprünge. Es gibt keinen Stuck, keine Ziegel, keine Nische. Stattdessen Fassaden aus Glas, und damit potentielle Todesfallen für alle Vögel.

Die Folgen dieser Entwicklung spüren nicht nur Mauersegler, sondern alle Gebäudebrüter wie Schwalben, Hausrotschwanz oder Fledermäuse. Lorena Heilmaier schockierte im vergangenen Jahr die Münchner, als sie davon berichtete, dass nur noch eine einzige Spatzenpopulation in der Münchner Altstadt beheimatet ist. „Ich glaube nicht, dass sie überleben wird“, sagt sie heute. Ähnlich schwer hätten es die Schwalben, die einmal als Glücksbringer galten. Rauchschwalben etwa bevorzugen Ställe, Arkaden und Carports. Doch geduldet werden sie dort wegen ihres Kots immer seltener. Noch schwerer hat es die Mehlschwalbe, die ihr Nest an der Außenfassade anbringt. Mangelnde Toleranz gegenüber ihren Exkrementen ist das eine Problem, das andere ist das Baumaterial. Sie findet in der Stadt heute kaum noch Pfützen mit Lehmkügelchen, aus denen sie ihr Nest baut. „Jedes Fitzel Fläche wird zugebaut“, sagt Heilmaier. Die Mehlschwalbe steht mittlerweile auf der Roten Liste. In zehn Jahren ist bundesweit mehr als die Hälfte der Population verschwunden.

Die Nester zu entfernen ist nicht erlaubt

Dabei ist die Rechtslage eindeutig. Das Entfernen oder Verschließen von Nestern ist nach dem Bundesnaturschutzgesetz nicht erlaubt. Ob das aus Absicht oder Versehen geschieht, ist nicht immer klar; wer sich dumm stellt, kommt meist mit einem Ordnungsgeld davon. Auch deshalb lässt der Vogelschutzverband bestehende Brutplätze kartieren und leitet die Pläne an die Untere Naturschutzbehörde in Bayern weiter. So muss sich jeder Hausbesitzer bei Neu- und Umbauten mit dem Problem der Gebäudebrüter auseinandersetzen.

In der Schweiz hingegen sind Mauersegler und Konsorten kaum geschützt. Nur während der Brutzeit dürfen die Vögel nicht gestört werden. Doch sind sie im Herbst ausgeflogen, darf der Hausbesitzer die Nester entfernen. „Wir sind immer Bittsteller“, sagt der Ornithologe Hans Schmid von der Vogelwarte Sempach, und nicht immer zeigen sich die Hausbesitzer kooperativ. Denn auch in der Schweiz wird viel gebaut und renoviert. Der Schweizer Perfektionismus beim Bauen lasse den Vögeln kaum noch Platz zu nisten, es gebe keine Lücke mehr, in die Vögel schlüpfen könnten, sagt Schmid. Allmählich gehen die Bestände zurück.

Was also tun? „Das Schicksal der Segler und Schwalben liegt in unserer Hand“, sagt der Vogelexperte Matthias Schmidt bei einem Ortstermin in Freiburg. In der Stadt im Breisgau sind die Segler-Bestände seit einigen Jahren stabil. Beim großen Bruder des Mauerseglers, dem Alpensegler, den man an seinem weißen Bauch erkennt, haben sie sich in den vergangenen dreißig Jahren sogar verdreifacht.

Mit einem Nistkasten kann sich der Mauersegler anfreunden. Der Hausbesitzer meistens auch

Wie das gelingen konnte, demonstriert Schmidt beim Gang um einen Wohnblock im Stadtteil Wiehre. Nach ein paar Schritten hält er vor einem Altbau. Mit bloßem Auge ist das Nest nicht zu erkennen. Um zu sehen, ob sie ihre Nester schon bezogen haben, reicht ein Blick zu Boden. „Keine Kotspuren“, sagt er und geht weiter. Das heißt: Noch sind die Mauersegler nicht zurück. Schmidt sagt, er habe Achtung vor allen Lebewesen. Nur bei der verwilderten Haustaube macht er eine Ausnahme. Wenn es um den Schutz der Vögel geht, setzt er auf Kooperation statt auf Konfrontation, schließlich würden sich vor Gericht im Zweifel meist die Hausbesitzer durchsetzen – Naturschutzgesetz hin oder her. „Es ist wichtig, dass der Mensch die Gebäudebrüter akzeptiert“, sagt er.

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Im Sturzflug vom EiffelturmMit den Augen eines Seeadlers

Wie diese Kooperation konkret aussehen kann, zeigt sich ein paar Meter weiter. Unter einem Dachvorsprung hat Schmidt zwei Nistkästen aufhängen lassen. Voriges Jahr hatten sich unter dem Balkon einer Wohnung zwanzig junge Alpensegler-Singles in einem Gruppenschlafplatz versammelt. Sie machten Lärm, sie produzierten Kot – irgendwann war der Eigentümer mit seinen Nerven am Ende. „Verständlich“, sagt Schmidt, deshalb habe man nun diese Lösung gefunden.

Nistkästen können ebenfalls helfen, wenn ein Umbau ansteht. Am besten wäre es für die Vögel, der Hausbesitzer nimmt frühzeitig Kontakt mit den Vogelexperten auf und verlegt die Arbeiten am Gebäude in die Winterzeit. Ist das nicht möglich, sollte das Nest zumindest zugänglich bleiben. Die Vögel wollen ja nicht viel. Sie wollen bloß einen kleinen Unterschlupf.

Quelle: F.A.S.
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