Offensive für „Open Access“

Die aggressive Logik der Öffnung

Von Joachim Müller-Jung
 - 15:28
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Ein Titel wie ein Schlachtruf: „Das Durchbrechen des Geschäftsmodells der Subskriptionsjournale für den notwendigen Umbau zum Open Access“. So steht das über einer neuen Studie der Max Planck Digital Library, ein Papier, das keine Gefangenen macht. Die Kernbotschaft lautet: Das gesamte derzeit profitabel arbeitende, aber verschwenderische System der Wissenschaftszeitschriften könnte innerhalb der nächsten Jahre komplett zerlegt und in ein offenes, sparsameres System für alle verwandelt werden - so wie das insbesondere die Wissenschaftsorganisationen, aber auch viele Hochschulen, seit Jahren anstreben. Jede Publikation und jedes Forschungsprojekt, die aus öffentlichen Mitteln finanziert werden, sollen möglichst vom Tag der Veröffentlichung an über das Internet für jeden frei verfügbar sein.

„Science Europe“, eine dieser Allianzen, die fünfzig der wichtigsten europäischen Forschungsorganisationen hinter sich weiß, hat dieses ultimative Ziel erst als Abschlussbotschaft ihrer Generalversammlung Mitte April formuliert: Vier neu vereinbarte Prinzipien, die „Minimalstandards“ für die Open-Access-Politik in allen Disziplinen, von den Natur- bis zu den Geisteswissenschaften, sicherstellen sollen.

Auf mindestens 13 Prozent wird in der Max-Planck-Studie der Marktanteil der wissenschaftlichen Artikel geschätzt, die in frei zugänglichen Open-Access-Zeitschriften erscheinen. Jährliche Steigerung: rund ein Prozent: „PlosOne“ ist innerhalb weniger Jahre nach der Gründung zum größten Wissenschaftsmagazin der Welt aufgestiegen, sowohl was die Zahl der Aufsätze als auch die für die Gewichtung (den berühmten „Impact-Faktor“) wichtigen Zitierungen angeht. Dennoch: Ein Prozent Wachstum jährlich im Open-Access-Sektor ist nicht gerade gewaltig, die allermeisten Artikel erscheinen eben immer noch im klassischen Markt der Subskriptionszeitschriften, die sich ihre Wochen- oder Monatsabos von öffentlich finanzierten Instituten und vor allem Bibliotheken üppig bezahlen lassen. In der Max-Planck-Studie wird ein durchschnittlicher Preis von 3800 bis 5000 Euro pro Artikel angegeben bei 1,5 bis 2 Millionen publizierten Artikeln (je nachdem ob alle, oder nur die via „Web of Science“ zugänglichen Aufsätze betrachtet werden).

Macht unter dem Strich globale Ausgaben von 7,6 Milliarden Euro, die zum allergrößten Teil aus Mitteln der öffentlichen Hand fließen. Was, haben nun die Max-Planck-Bibliothekare ausgerechnet, würde passieren, wenn man diese in Abos fließenden Bibliotheksmittel in die Publikationsgebühren für Open Access stecken würde. Das Open-access-Modell sieht vor, dass nicht der Käufer oder Leser des Artikels, sondern der Erzeuger - sprich: die Autoren - eine Gebühr und damit die Herstellungskosten des Artikels (inklusive Begutachtung) übernehmen. Derzeit liegen den Berechnungen aus der Max-Planck-Bibliothek zufolge die durchschnittlichen Herstellungskosten je Artikel in reinen Open-Access-Zeitschriften zwischen 1100 und rund 1300 Euro. Die Werte stammen aus den eigenen, zehn Jahre währenden Open-Access-Erfahrungen der Max-Planck-Gesellschaft sowie den vom Cern in Genf gestarteten „SCOAP3“-Projekt und den vom „Wellcome-Trust“ in Großbritannien gesammelten Daten.

„Hybrid-Modelle“ für den Übergang?

In den sogenannten „Hybrid-Publikationsstrategien“, die seit einiger Zeit vermehrt von den Großverlagen verfolgt werden und nur einen bestimmten Teil der Artikel als Open Access „vermarkten“, ergibt sich eine andere Kostenstruktur. Die Preise pro Artikel dürften höher liegen, weil auch der Verlagsaufwand über den reinen digitalen Herstellungskosten liegt. Die Max-Planck-Autoren kalkulieren, dass derzeit von einem Aufwand für solche Open-Access-Artikel in einem Hybridsystem von rund 2000 Euro auszugehen ist. Auch dieser Wert ist noch halb so hoch wie der veranschlagte mittleren Artikelpreis unter dem Abonnementmodell.

Stellt man die Durchschnittszahlen nebeneinander, wird schnell klar, dass die Mehrkosten deutlich auf Seiten des marktüblichen Subskriptionsmodells liegen. Allerdings wird bei der Kostenberechnung keineswegs zwischen kleinen und - vor allem in den Naturwissenschaften üblichen - Großverlagen unterschieden. Die Profite liegen klar vor allem auf Seiten der global agierenden Wissenschaftsverlage. Vielleicht auch deshalb sind die vier Autoren in ihrer Studie mit dem Begriff Zerschlagung vorsichtig. Unmissverständlich ist die Forderung trotzdem: Für die Umsteuerung auf ein reines Open-Access-Modell sei nun „die Zeit reif“, auch wenn das „gegenwärtige gut funktionierende Subskriptionssystem deutlich mache, welche Herausforderungen vor einem liegen, um das System zu überwinden“.

Die Forderungen gehen deshalb weniger an die Verlage als an die Politik der Länder und Staaten, die Forschungsmittel zugunsten der Bibliotheken umzulenken. Drei Länder hat man exemplarisch untersucht, Frankreich mit einer bisher eher zurückhaltenden Open-access-Kultur, Großbritannien mit einem - auch von der Regierung stark geförderten - Open-Access-Bewegung und Deutschland.

Für die kalkulierten rund 70.000 Original- und Übersichtsartikel mit Beteiligung deutscher Forscher, die im Jahr 2013 für Open Access in Frage gekommen wären, rechnet man bei Durchschnittskosten von 2000 Euro einen Open-Access-Gesamtaufwand von 140 Millionen Euro. Wie groß die tatsächlichen Aufwendungen der Unibibliotheken und Institute waren, ist in keiner offiziellen Statistik erfasst. Die Schätzungen der Max-Planck-Forscher belaufen sich „nach Expertenmeinung“ auf mindestens 200 Millionen Euro. Ergo: „Deutschland könnte ohne große Schmerzen die Transformation zu Open Access in die Wege leiten“, heißt es in dem Papier. In der Pressemitteilung formuliert man etwas zurückhaltender: „„Eine konzertierte internationale Umschichtung der Subskriptionsetats ist ohne finanzielles Risiko möglich, eventuell sogar mit insgesamt sinkenden Kosten“, so Hauptautor Ralf Schimmer.

Die Rechnung der Universitäten

Einige deutsche Universitätsbibliotheken haben schon vor Jahren damit begonnen, eigene Publikationsfonds aufzulegen - Gelder, die zum großen Teil von Förderern wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingeworben wurden. Die Universität Gießen etwa hat ihren Publikationsfonds für Open Access zwischen 2011 und 2015 von 35.000 auf 99.000 Euro aufgestockt. Etwa der gleiche Betrag wird nochmal von der Universitätsbibliothek aufgebracht. Auf die Weise hat man bisher etwas mehr als zweihundert Open-Access-Artikel finanziert. Durch Mitgliedschaften bei Open-Access-Organisationen wie BioMedCentral können Kosten nach Ansicht von Peter Reuter von der Unibibliothek weiter gesenkt werden. Der Vorteil für die Autoren: „Durch Publikationsfonds und die Etablierung von Open-Access-Beauftragten kann ein einfaches Antragsverfahren etabliert werden, formlos per Mail oder Telefon“, so Reuter.

Auch in der Max-Planck-Studie ist die Euphorie des Umbruchs deutlich zu spüren: „Nach Jahren verbreiteter Angst und viel Stress liegt jetzt endlich der Rahmen für einen groß angelegten Übergang in ein neues, folgerichtiges System vor.“ Die Max-Planck will da vorangehen: „Wenn wir das als forschungsintensive Organisation tun können, sollten die meisten anderen Organisationen diesen Übergang ebenso innerhalb der verfügbaren Budgets möglich machen können.“

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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