Tödliche Keime

Wie der Mensch sich mit Antibiotika selbst entwaffnet

Von Joachim Müller-Jung
 - 16:27

Die drohende medizinische Großkatastrophe, das „Pharmageddon“, hat viel mit der ökologischen Krise des Planeten gemeinsam: Die Gefahr ist real, doch die wenigsten spüren sie; ein Entrinnen wäre theoretisch möglich, aber in der Praxis wird blockiert. Die Menschheit läuft Gefahr, eine ihrer schärfsten Waffen im Kampf gegen Infektionskrankheiten – Antibiotika – unbrauchbar zu machen. Sie riskiert, dass vielleicht schon bald kleine Eingriffe an der Haut, ein winziger Schnitt, eine Wunde oder eine an sich harmlose Entzündung im Todeskampf enden.

Immerhin: Die weltumspannende Ausbreitung von gefährlichen Bakterien, denen die zwei, drei Dutzend verfügbaren Antibiotika nichts mehr anhaben können, weil die Mittel zu viel und falsch eingesetzt werden, ist nach vielen verlorenen Jahren zu einem weltumspannenden Politikum geworden. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde das Thema in New York in der Generalversammlung der Vereinten Nationen behandelt. Die G-20-Runde hat sich damit beschäftigt. Und in Parlamenten und Behörden auf der ganzen Welt wird nach Auswegen gesucht.

Die Gefahr lässt sich schwer auf eine Zahl bringen. Die am häufigsten zitierten Prognosen stammen aus Großbritannien, von der sogenannten O’Neill-Kommission: Im Jahr 2050 sollen zehn Millionen Tote auf das Konto des Antibiotikaversagens gehen; die Zahl der erwarteten Krebsopfer ist geringer. In einer Umfrage unter 375 der gut 2500 Wissenschaftler, die zum Thema publizieren, hat Markus Lehmkuhl vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) zwar nur eine Minderheit ermittelt, die diese Prognosen für belastbar hält. Doch sind auch zwei Drittel der Antibiotika-Fachleute der Auffassung, dass man gut begründet von einer drohenden globalen Katastrophe sprechen könne: „Fast alle, 98,4 Prozent, befürchten ernste oder sehr ernste Konsequenzen, sollte nichts gegen die Ausbreitung resistenter Erreger unternommen werden.“

Ob die weltweit zehn Millionen Todesopfer im Jahr 2050 realistisch sind, oder ob die 25.000 stimmen, die heute schon für Europa angenommen werden – Tatsache ist: Der Mensch entwaffnet sich selbst. Neunzig Jahre nach der Wiederentdeckung des Penizillins, als Alexander Fleming im St. Mary Hospital zu London die bakterientötende Wirkung des Schimmelpilz-Produkts in Staphylokokken-Kulturen entdeckte und damit jene schon im Jahr 1874 vom Wiener Chirurgen Theodor Billroth gemachte Beobachtung bestätigte, spricht vieles für das Ende einer goldenen Ära der Medizin. Die Präzisionswaffe Antibiotikum, die nur Bakterienzellen tötet, weil sie nur bakterienspezifische Verbindungen angreift und nicht etwa tierische oder menschliche Zellen, diese natürliche Wunderwaffe krepiert in unserer Hand. Und nicht nur das: Während wir immer wehrloser werden, werden die gefährlichen Keime immer gefährlicher. Fahrlässig brüten wir sie aus, wie Flugrost treibt das Übel um den Globus.

Ein natürliches Wettrüsten

Resistenzen an sich sind nichts Neues: Sie verbergen sich meist in winzigsten ringförmigen Genschnipseln, Plasmide genannt, die sich mit den Bakterien vermehren und ausbreiten können. Die Plasmide sind so programmiert, dass sie Enzyme produzieren, die die Wirkung der Antibiotika ins Leere laufen lassen und die Bakterien schützen. Seit Jahrmillionen gibt es solche Erfindungen der Natur, sie sind das Ergebnis eines natürlichen Wettrüstens. Aber als der Mensch Dutzende neue Wirkstoffe entwickelte und begann, diese tonnenweise und oft wahllos einzusetzen, schaukelte sich der Resistenzwettlauf hoch. Viele Bakterien enthalten inzwischen drei, vier und mehr Resistenzplasmide. Beispiel Tuberkulose: Ein an sich behandelbares Bakterium, das Mycobacterium tuberculosis, zählt inzwischen zu den hartnäckigsten und tödlichsten Keimen. Dagegen helfen heute praktisch nur noch Kombinationspräparate mit mehreren unterschiedlichen Wirkstoffen, und selbst die können versagen. 480.000 neue Fälle von multiresistenter Tuberkulose hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 2014 offiziell bestätigt, lediglich die Hälfte davon war behandelbar.

Antibiotika werden nicht rational eingesetzt

Dort, wo Antibiotika rezeptfrei und in rauhen Mengen abgegeben werden, vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern, wo sich die Mittel längst auch in Wasserreservoiren ansammeln und Resistenzen sich über diesen Weg ausbreiten, ist die Gefahr, dass eigentlich harmlose Bakterien zu gefährlichen Keimen werden, am größten. Aber auch in Europa, vor allem im Süden, steigt das Risiko des Wirkungsverlustes zusehends. „Krankenhauskeime“ werden gefürchtet, aber die Kliniken sind nur ein Teil des Problems. MRSA oder VRE, CRE oder ESBL – die Abkürzungen resistenter Bakterienstämme tauchen immer häufiger auf. Im „Deutschen Ärzteblatt“ haben Hygiene-Fachleute der Berliner Charité vor kurzem die prekäre Situation anhand von Surveillance-Daten skizziert, die seit 2001 in Krankenhäusern erfasst werden. Selbst auf den 77 Intensivstationen, die sich freiwillig beteiligten und deshalb keineswegs repräsentativ sein müssen, ist der Gesamtverbrauch an Antibiotika seitdem um 19 Prozent gestiegen.

Die Resistenz-Raten nehmen seit einigen Jahren vor allem bei den sogenannten gramnegativen Bakterien zu, etwa bei Klebsiella-pneumoniae-Bazillen, die auch gegen Notfall-Antibiotika wie Carbapeneme resistent sind, oder bei Enterokokken (VRE) aus dem Darm, denen Vancomycin nichts mehr anhaben kann. Die europäische Seuchenbehörde ECDC warnte unlängst insbesondere vor jenen auch in Deutschland gefundenen Darmkeimen, die vermehrt im Baltikum und in Südeuropa auftauchen und die gegen die dritte Generation von Cephalosporin-Antibiotika resistent sind, und vor Acinetobacter-Stämmen, die inzwischen praktisch gegen alle gängigen Antibiotika-Klassen gefeit sind. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Infektion mit solchen Erregern zu sterben, liegt bei fast fünfzig Prozent.

Häufig werden die Erreger eingeschleppt, aber in einem ist sich die Fachwelt sicher: Das Problem ist hausgemacht. In Wissenschaft und Gesundheitspolitik, unter Landwirten und Ärzten, überall gibt es gefährliche Missstände. Die Berliner Hygienespezialistin Elisabeth Meyer hat in einem für die Grünen-Bundestagsfraktion angefertigten Gutachten deutlich gemacht: Ein rationaler Einsatz von Antibiotika findet wider besseres Wissen nicht statt. Verordnungen von Antibiotika durch niedergelassene Ärzte seien zu einem Drittel „unnötig, falsch oder zu lang“, etwa weil die Infektionen durch Viren verursacht werden, denen Antibiotika überhaupt nichts anhaben können.

In Kliniken wird gut ein Drittel der Arzneien prophylaktisch vor Operationen gegeben, um Wundinfektionen zu verhindern, aber die Hälfte davon länger als einen Tag vorher, was gar nicht empfohlen wird. Hinzu kommt eine Art Antibiotika-Panik: Seitdem die resistenten „Killerbakterien“ wie ein Damoklesschwert über jedem Infektionspatienten schweben, wird oft schon mit der Einweisung und quasi blind mit einem Breitband-Antibiotikum auf die Erreger geschossen. Antibiotika-Berater sollen viele Probleme in Kliniken lösen, doch denen fehlt es an Geld und Personal.

Allein hierzulande gibt es laut Elisabeth Meyer einen Bedarf von mindestens tausend zusätzlichen Fachkräften. Helfen soll bis 2019 ein 460 Millionen Euro schweres Hygieneförderprogramm des Bundes. Es fehlt aber keineswegs nur an dieser Stelle. Wo mehr Pflegekräfte auf Intensivstationen arbeiten, etwa in Skandinavien, gibt es weniger Ansteckungen; hier liegt Deutschland laut Meyer mit bis zu zehn Patienten pro Pflegekraft weit abgeschlagen in Europa. Das Beispiel Niederlande wiederum zeigt, dass in weniger als zehn Jahren der Antibiotikaverbrauch der Ärzte drastisch gesenkt werden kann.

Das ist auf dem zweiten Markt, dem Veterinärsektor, nicht anders. Antibiotika werden in der Massentierhaltung seit Jahren nicht nur prophylaktisch und therapeutisch eingesetzt, sondern auch als Masthilfe: Sie vergrößern die Fleischmasse, weil sie die Darmflora zugunsten von Bakterien verändern, die mehr Energie aus der Nahrung holen. Seitdem auch die deutsche Politik den sektorübergreifenden Ansatz der WHO, die „One-Health“-Initiative, verfolgt und die Tiermedizin in die Antibiotika-Überwachung einbezieht, hat sich zwar etwas getan; die von der Pharmaindustrie an Tierärzte abgegebenen Antibiotika-Mengen sind zwischen 2011 und 2015 von 1706 auf 805 Tonnen gesunken. Aber damit ist Deutschland noch immer in der europäischen Spitzengruppe. „Neun von zehn Masthähnchen und Puten werden antibiotisch behandelt“, stellte Elisabeth Meyer fest.

Alternativen sind nicht in Sicht

Schließlich die große Pharma-Misere: Spätestens, seitdem von allen Seiten auf eine Verringerung des Antibiotika-Einsatzes gedrungen wird, haben die profitorientierten Pharmakonzerne wenig Anreiz, sich für neue Antibiotika ins Zeug zu legen. Ihre Blockbuster-Mentalität, wonach neue Mittel jährliche Millionen-Erträge bringen müssen, verbietet das. Ökonomisch haben sie das Feld schon vor dreißig Jahren aufgegeben, das wissenschaftliche Knowhow wurde verschlissen. Jetzt wird von Seiten der Politik versucht, mit Milliarden-Subventionen Anreize zu schaffen. Doch wo die in Aussicht gestellten Mittel hinfließen sollen, ohne zu versanden, ist ungewiss.

Das alles führt zur Frage, wie eine neue pharmakologische Selbstverteidigungsstrategie aussehen könnte, wenn die alte zusammenbricht und wir tatsächlich in ein „postantibiotisches Zeitalter“ eintreten. Klar ist: Die Wand, die da erklommen werden will, ist riesig. Ein paar neue Ansätze gibt es, aber wirklich neue Substanzen oder Pharmastrategien nicht. „Die Forschung muss regelrecht katalysiert und endlich stärker vernetzt werden“, sagt der Stuttgarter Chemiker Bernd Plietker, der jüngst zusammen mit dem Tübinger Mikrobiologen Friedrich Götz einen neuen Lösungsansatz präsentiert hat: Sogenannte PPAP, Naturstoffe, die ursprünglich aus kubanischem Bienen-Propolis für die Krebsforschung gewonnen und dann von Plietker künstlich nachgebaut und verändert wurden, haben sich in Zellkulturen als vielversprechender Antibiotika-Ersatz erwiesen. Anders als bei vielen anderen vermeintlichen Innovationen lassen sich die Substanzen vergleichsweise günstig und einfach – sogar von Laborpraktikanten – herstellen. Ein Liter der Ausgangssubstanz Acetylaceton kostet zwei Euro. Mikrobiologe Götz sagt: „Die ersten Prüfungen zusammen mit dem Forschungszentrum in Borstel haben gezeigt, dass wir es damit vielleicht sogar mit dem Tuberkulose-Erreger aufnehmen können.“

Ihr wöchentlicher Wissensvorsprung
Ihr wöchentlicher Wissensvorsprung

Kompakt. Fundiert. Hintergründig. Jeden Freitag. Auch Digital.

Mehr erfahren

Selbst wenn das zuträfe, die Entwicklung für die klinische Anwendung würde noch Jahre in Anspruch nehmen. Und Resistenzen wären langfristig, auch wenn die Substanzen offenbar völlig anders wirken als klassische Antibiotika, nicht auszuschließen. „Ob wir mit den Antibiotika scheitern, hängt heute zuerst vom Anwender und Konsumenten ab“, sagt daher Chemiker Plietker. Denn solange selbst die Forschung an den Universitäten auf die großen Geldtöpfe und weniger auf neue Ideen fixiert sei, bleibe die Bildung schlagkräftiger „interessegeleiteter“ Forschungsnetzwerke für neue Innovationen die Ausnahme.

Für seinen Kollegen Götz scheidet die Pharmaindustrie nach einschlägigen Erfahrungen als kapitalstarker Innovator aus. Nachdem der Mikrobiologe vor Jahren zusammen mit einem großen Konzern aus Staphylococcus gallinarum ein neues Antibiotikum entwickelt hatte, verlor er als Ko-Erfinder rasch die Patentrechte an die Industrie. Die blockierte die klinische Weiterentwicklung, so erzählt es Götz, weil es sich angeblich nicht lohnte. Das war das Aus für das Antibiotika-Projekt. Es war nicht das einzige.

Russland
Forscher entwickeln Antibiotika aus Höhlenbakterien
© dpa, reuters
Quelle: F.A.Z. Woche
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAntibiotikumWHOEuropaGeneralversammlung der Vereinten NationenDeutschland