Antibiotika-Debatte

Kommt die Gefahr stets aus dem Stall?

Von Christina Hucklenbroich
 - 15:00
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Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland glauben einer aktuellen repräsentativen Befragung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zufolge, dass Antibiotikaresistenzen am ehesten durch die Tierhaltung verursacht werden. 53 Prozent hält den Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung für ausschlaggebend. Nur ein Viertel der Befragten nennt die Humanmedizin als Ursprung. Wird die Ursache für Antibiotikaresistenzen im Antibiotikaeinsatz beim Menschen gesehen, so wird am häufigsten die fehlerhafte Verschreibung vom Arzt (43 Prozent) angeführt, ein Drittel vermutet eine fehlerhafte Anwendung der Medikamente durch die Patienten.

„Antibiotikaresistenzen betreffen aber die Humanmedizin ebenso wie die Tiermedizin und die Landwirtschaft“, heißt es in der Mitteilung des Berliner Instituts. „Die Herausforderungen können nur gemeinsam gelöst werden.“ Das Bundesinstitut hat Ende Januar auch die Bedeutung dieser Resistenzen in den Tierbeständen und auf Lebensmitteln für den Menschen in einer umfassenden Analyse bewertet. Dabei kommen die Risikoforscher zu dem Schluss, dass der Beitrag der Antibiotikaresistenzen, die in Tierställen auftreten und gegebenenfalls über Lebensmittel zum Menschen gelangen, zu den Resistenzen, die in der Humanmedizin insgesamt auftreten, je nach Keim und Resistenz unterschiedlich zu bewerten ist.

Untergeordnete Bedeutung?

Im Fall der multiresistenten Staphylococcus aureus (MRSA)-Keime seien die Stämme, die aus Tierställen stammen (Livestock associated-MRSA) derzeit von untergeordneter Bedeutung für die Infektionen beim Menschen. Eine Ausnahme stellen Menschen dar, die in häufigem Kontakt mit Nutztieren stehen, etwa Landwirte und Tierärzte. Sie können Träger von Livestock associated-MRSA sein. Diese Personengruppen sollten beispielsweise vor Klinikaufnahmen auf die Keime untersucht werden. Allerdings machen Nachweise dieses „LA-Keims“ nur fünf Prozent aller MRSA-Nachweise aus. „Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 95 Prozent der nachgewiesenen MRSA aus dem Bereich der Humanmedizin stammen“, heißt es in dem Gutachten des Instituts. Zudem werde das Risiko einer Übertragung von MRSA über Lebensmittel auf den Menschen als gering eingeschätzt. Eine Gefährdung könnte sich nur durch den direkten Kontakt verletzter Haut mit dem Erreger ergeben. Wichtig sei deshalb, dass die Regeln der Küchenhygiene eingehalten werden.

Eine größere Rolle könnten Tiere bei den sogenannten ESBL-Bildnern einnehmen. Diese Bakterien bilden Enzyme (die ESBL, Extended-spectrum Betalactamasen), die eine Ringstruktur in bestimmten Antibiotika auflösen können und die die Keime auf diese Weise resistent gegen die Medikamente werden lassen. Betroffen sind wichtige Antibiotika, etwa Cephalosporine. Die Gene für die ESBL-Bildung können zwischen Bakterien ausgetauscht werden. „Es können also verschiedene Eigenschaften kombiniert werden und so gefährlichere Keime entstehen, die sowohl beim Menschen als auch beim Tier im Falle einer therapiebedürftigen Infektion problematisch sein können“, heißt es in dem Gutachten. „Eine Exposition des Verbrauchers kann über Lebensmittel, aber auch über den direkten Kontakt mit Tieren erfolgen. Zudem spielt die Mensch-zu-Mensch-Übertragung in Krankenhäu-sern und in der Allgemeinbevölkerung eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von ESBL-bildenden Keimen.“

Transport von Resistenzgenen

Doch noch besteht Unklarheit, zu welchem Anteil diese ESBL-bildenden Keime aus der Tierhaltung stammen, wenn Menschen sich mit ihnen infizieren. Es bestehe die Möglichkeit, dass manche Keime nur als Transportmittel für die Resistenzgene dienen und diese Gene dann im menschlichen Körper auf andere Keime übertragen werden, so die Risikoforscher. In diesem Fall sei der Übertragungsweg oft nicht vollständig nachvollziehbar, „weil der Infektionskeim und das Resistenzgen unterschiedliche Quellen haben“.

Auch die Wissenschaft ist sich also noch nicht einig, wer der Hauptschuldige ist. Sie empfehlen aber eine verbesserte Schlachthygiene, um die Verschleppung von Keimen zu verhindern, und mahnen auch technologisch bessere Systeme an, mit denen die Emission von Keimen aus Tierställen eingedämmt werden könnten.

Zwei Drittel sind beunruhigt

Die Experten für Risikokommunikation wissen nun durch die bevölkerungsrepräsentative Befragung auch immerhin, dass die große Mehrheit der Verbraucher in Deutschland bereits von antibiotikaresistenten Bakterien gehört hat und fast zwei Drittel aufgrund der damit verbundenen Gefahren auch beunruhigt sind. „Allerdings vermuten die meisten Befragten solche Keime eher nicht im eigenen Haushalt,“ erklärt Andreas Hensel, Präsident des BfR. „Krank machende Bakterien werden generell seitens der Bevölkerung weniger im eigenen Haushalt, sondern im öffentlichen Raum und in Krankenhäusern sowie in Tierställen vermutet.“

Das BfR hat zur Beantwortung der Frage, wie die deutschen Verbraucher das Thema Antibiotikaresistenzen einschätzen, eine repräsentative Flash-Befragung organisiert. Laut dieser Umfrage stehen Antibiotikaresistenzen bei der großen Mehrheit der Verbraucher im Vergleich mit anderen Verbraucherthemen an vorderster Stelle. 82 Prozent der Befragten gaben an, bereits von Antibiotikaresistenzen gehört zu haben. Obwohl die Problematik in weiten Teilen der Bevölkerung bekannt ist, hält es nur eine Minderheit von knapp zwanzig Prozent für wahrscheinlich, im eigenen Haushalt mit Krankheitserregern in Kontakt zu kommen.

Weitere Befragungen

Deutlich wahrscheinlicher ist es aus Sicht der Befragten, in der Öffentlichkeit, zum Beispiel in Bussen und Bahnen, mit resistenen Keimen in Kontakt zu kommen – dies erwarten fast sechzig Prozent. Neunzig Prozent der Befragten und damit die überwiegende Mehrheit sagen, dass sie wissen, wie man sich im eigenen Haushalt vor krankheitserregenden Bakterien schützen kann. Genannt werden hier vor allem häufiges Händewaschen, das Achten auf Hygiene und die Verwendung von Desinfektionsmitteln.

Die Ergebnisse zeigten, dass es ein ausgeprägtes Bewusstsein für das Problem der Entstehung und Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen in der Bevölkerung gibt, heißt es beim BfR. Diese ersten Daten, die jetzt im aktuellen „BfR-Verbrauchermonitor Spezial“ veröffentlicht sind, werden in wenigen Wochen durch weitere Ergebnisse aus einer umfassenden Untersuchung über die Wahrnehmung und Einstellung von Verbrauchern und weiterer relevanter Gruppen wie Veterinär- und Humanmedizinern ergänzt werden. Dabei soll auch die Frage geklärt werden, inwieweit die Risikowahrnehmung der Öffentlichkeit medial geprägt und beeinflusst ist.

Quelle: FAZ.NET
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