Antibiotika-Krise

„Eine Milliarde ist eine faire Zahl“

Von Joachim Müller-Jung
 - 14:35
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Das Versagen von immer mehr Antibiotika forciert die globale Gesundheitskrise und zwingt die Politik zum Handeln. „AMR“ – antimikrobielle Resistenzen, so gab Bundesforschungsministerin Johanna Wanka, kurz danach zu Protokoll, zwingen uns, „gemeinsam Lösungen für drängende Herausforderungen zu finden“. 700 000 Todesopfer jährlich, so offizielle Schätzungen, kostet die Ausbreitung von Bakterien, die gegen immer mehr Antibiotika resistent sind – insbesondere weil diese zu oft und unsachgemäß angewendet werden. Seit Jahrzehnten gibt es keine neuen Mittel mehr auf dem Markt, die Industrie war aus der Antibiotika-Entwicklung ausgestiegen, jetzt sollen Staat und Steuerzahler helfen. Der Marktzugang soll gefördert und „Marktanreize durch die WHO und OECD“ geschaffen werden, so steht es in dem G-20-Abschlussdokument, eine neue internationale „Plattform“ soll die Länder im Kampf gegen das Versagen der lebensrettenden Mittel zusammenführen. Aber nicht nur die, auch die Firmen und Akademiker Der Kölner Biologe Holger Zimmermann, seit zwei Jahren CEO des mittelständischen Biotech-Unternehmens Aicuris, das sich lange schon mit der Entwicklung von antiviralen und antibakteriellen Mitteln befasst, würde statt der Worte lieber endlich Taten sehen.

***

FRAGE: In der Abschlusserklärung der G-20-Regierungschefs wird eine neue Initiative gestartet, eine, wie es heißt, „neue internationale Plattform für die Zusammenarbeit in der Forschung und Entwicklung“. Bringt das die Wende?

ANTWORT: Es zeigt, das Thema ist angekommen. Und eigentlich ist die Politik auch auf einem guten Weg. Es muss jetzt nur umgesetzt werden, was auf dem Tisch ist. Die Regierungen schaffen Anreize, sie fördern inzwischen auch die gemeinsame Entwicklung von Antibiotika durch die akademische Forschung und Industrie. Lessons learned, würde ich sagen. Es sind allerdings sehr große, aber deshalb auch sehr träge Konsortien. Die sind nicht zwangsläufig schlagfertig. Wenn die Konsortien kleiner und flexibler wären, wäre es besser.

FRAGE: Der Pharmaindustrie geht es sehr gut. Trotzdem hört man von dort immer wieder Stimmen, die fordern, der Staat müsse jetzt eingreifen und investieren, zum Beispiel in eine Art Erfolgsprämie von einer Milliarde Euro für ein neues Antibiotikum. Auch von der ,Beam Alliance‘ der mittleren und kleinen europäischen Unternehmen, der Sie angehören, wird dies gefordert.

ANTWORT: In der Industrie überlegt man sich natürlich sehr genau, auf welchen Gebieten man aktiv sein möchte. Da steht die Antibiotika-Forschung in Konkurrenz zu anderen Indikationen, und das Budget ist daher ebenfalls begrenzt. Wenn wir als Biotech-Firma ein Projekt starten, denken wir an zweierlei: Erstens, gibt es einen medizinischen Bedarf, und zweitens, bekomme ich meine Entwicklungskosten wieder herein? Wenn ich starte,und ich meinem Investor nicht sagen kann, ob man damit hinterher Geld verdienen kann, dann ist das kritisch. Das ist das Dilemma.

FRAGE: Antibiotika werden aber nun mal in großen Mengen gebraucht, Sie sagen uns also, Antibiotika sind am Ende einfach zu billig auf dem Markt zu bekommen?

ANTWORT: Antibiotika haben das Problem, dass sie gerade nicht so stark in der Breite eingesetzt werden sollen. Es wird wie jetzt auch in dem G-20-Dokument staatlicherseits empfohlen, so wenig wie möglich einzusetzen. Als Pharmafirma mit den gewaltigen Entwicklungskosten muss ich abwägen. Die Entwicklungskosten für ein Herzmedikament sind etwa gleich, da habe ich einen chronischen Patienten dauerhaft mit einem Medikament zu versorgen. Mit dem Antibiotikum behandle ich eine Woche, rette ein Leben, aber danach wird das Mittel nicht mehr gebraucht. Hinten raus ist immer die Frage: Wie wird das Medikament erstattet? Wenn keine Sicherheit da ist, wie das Medikament eingesetzt wird, wenn ich nicht weiß, ob es schmal und erregerspezifisch eingesetzt wird oder breit, was schon für die Entwicklung des Mittels und der Diagnostik wichtig ist, dann sind das schon große Unsicherheiten. Der Unternehmer muss sich fragen: Wer zahlt mir genug, wenn ich in eine Nische gedrückt werde? Deshalb finde ich neue Ansätze richtig wie die ,Pull-Mechanismen‘, dass man also mal eine Milliarde als Anreiz für eine erfolgreiche Entwicklung und Zulassung auf den Tisch legt. Es gibt uns eine gewisse Sicherheit.

FRAGE: Unternehmerische Unsicherheit führt dazu, dass nicht massiv genug an neuen Antibiotika geforscht wird?

ANTWORT: Eine ökonomische und eine regulatorische Unsicherheit, ja, durchaus.

FRAGE: Könnte mit einer fetten Anschubfinanzierung für die Zulassung der Bann gebrochen werden?

ANTWORT: Für unsere kleinen und mittelständischen Unternehmen gilt das schon. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, wir haben ein Medikament, das einen Bedarf bedient, aber es ist in lukrativer Hinsicht eine Katastrophe. Was mich allerdings verhalten optimistisch stimmt, ist der medizinische Bedarf. Die Zeit wird weisen, dass wir immer dringender Lösungen brauchen. Gleichzeitig bleibt immer weniger Zeit zum Diskutieren.

FRAGE: Dazu ist der G-20-Gipfel allerdings unkonkret geblieben, denn am Ende wird ja die Frage sein, wer das bezahlen soll.

ANTWORT: In der Tat, das ist ein globales Problem, keines eines einzelnen Staates. Man kann aber kleinere Lösungen finden, innerhalb Europas vielleicht. Es hat ja solche Business-Regelungen schon gegeben, etwa bei den Schweine- und Vogelgrippeimpfungen. Da haben die Länder auch Medikamente gekauft und gehortet, um sie für den Notfall zu haben. Im Fall der Antibiotika könnte es ja ähnlich laufen, dass ein Staat sich Reserveantibiotika zulegt, um sie zu haben, aber es sich auch leisten kann, sie so wenig wie möglich einzusetzen.

FRAGE: Wie schnell könnten denn die gewünschten innovativen Antibiotika auf den Markt kommen? Gibt es denn gute neue Ansätze?

ANTWORT: Wenn der Ruf nach komplett neuen Ansätzen für Antibiotika laut wird, kann ich nur sagen: Das ist unrealistisch, dass in fünf Jahren etwas völlig Neues auf den Markt kommt. Die Entwicklungszyklen sind einfach lang. Ich glaube ohnehin, wir müssen beides: die herkömmliche Antibiotika-Forschung fortführen und neue Konzepte entwickeln. Was wir ganz sicher brauchen, sind viele Ansätze gleichzeitig. Wir sind in einem kontinuierlichen Wettkampf mit den Bakterien, da brauchen wir möglichst viele Waffen. Wir wissen derzeit noch nicht, wie sich die Mittel in der Pipeline, die jetzt in Phase 2 sind, in der entscheidenden Phase 3 mit vielen Patienten bewähren. Ganz neue, zu entwickelnde Substanzen brauchen noch die üblichen zehn Jahre.

FRAGE: Besteht nicht die Gefahr, dass die Firmen so lange, wie über die Bezahlungsfrage und -modi diskutiert wird, nicht weiter investieren? Schadet die öffentliche Debatte dem Fortschritt?

ANTWORT: Man muss jedenfalls schon sehr überzeugt sein von dem medizinischen Bedarf und einen gewissen Optimismus haben, dass es sinnvolle Lösungen gibt, um da momentan etwas voranzutreiben. Das Geschäft ist schon risikoreich genug. Noch mal: Der medizinische Bedarf ist da, und dafür muss es eine medizinische Lösung geben. Es ist deshalb auch gut, dass die Öffentlichkeit ungeduldig ist, der Druck muss aufrechterhalten werden. Aber die Entwicklungszyklen sind, wie sie sind.

FRAGE: Trotzdem steht da weiter die Forderung nahezu aller Experten, den Antibiotika-Verbrauch zu minimieren. Können die Unternehmen damit leben?

ANTWORT: Es geht nicht darum, dass Antibiotika möglichst wenig eingesetzt werden, sondern dass sie richtig eingesetzt werden. Es gibt Situationen, wenn man etwa keine Zeit hat, dann muss man mit den Antibiotika breit gehen. Das wünschen sich auch die Ärzte. Breit wirkende Mittel haben die größte Wahrscheinlichkeit, dass sie sofort wirken. Die Ansichten, welches die beste und richtige Behandlungsstrategie ist, sind da durchaus unterschiedlich. Wir brauchen aber auf jeden Fall auch ein breiteres Arsenal.

FRAGE: Ohne starke Anreize vom Staat, glauben Sie, wird es also nicht vorangehen?

ANTWORT: Anreize, das klingt immer so nach Subvention, als müsste der Staat den Firmen etwas schenken.

FRAGE: ... wie immer wir es bezeichnen, es sind Steuermittel.

ANTWORT: ... nein, denn selbst wenn ich weiß, das wird mir später erstattet, so ist das Risiko der Entwicklung, dass es nämlich schiefgeht, immer noch vorhanden. Das nimmt mir keiner. Ich bekomme ja nur im Erfolgsfall die Erstattung. Eine Milliarde Euro, das sind hundert Millionen über zehn Jahre, das ist ja auch kein Riesenpharmaprodukt. Ich glaube, es ist eine faire Zahl, wenn man die Entwicklungskosten und das Risiko in Betracht zieht.

FRAGE: Eine kritische Frage, die Sie angesprochen haben, die aber im G-20-Papier komplett ausgespart wird, betrifft die Zulassung. Was müsste da geschehen?

ANTWORT: Es muss hier einfach auch Sicherheit geschaffen werden. Ich brauche die Verlässlichkeit, dass das, was ich entwickelt habe, auch zur Zulassung gebracht werden kann.

FRAGE: Welche konkreten Hürden gibt es da? Zielen Sie auf Sonderzulassungsregeln für Antibiotika ab?

ANTWORT: Es geht hier vornehmlich darum, wie die regulatorischen Anforderungen zu erfüllen sind und wie der Aufwand und die Entwicklungszeiten zu optimieren sind. Es ist wichtig, verlässliche Rahmenbedingungen zu haben, die uns Planungssicherheit geben.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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