Antidepressiva

Teuer und null Wirkung

Von Martina Lenzen-Schulte
 - 11:37

Antidepressiva sind pharmakologische Diven. Ob diese Medikamente den Patienten aus der Trübnis herausholen können, hängt von seiner individuellen Reaktion und seiner genetischen Disposition ab: Bei dem einen klappt es, bei dem anderen nicht. Oft ist es ein mühseliges Austesten, das oft wochenlang dauere. So hieß es bis vor kurzem. „Verkürzen Sie diesen aufwendigen Prozess mit Hilfe des Antidepressiva Tests!“, lockt die Firma Stada Diagnostik mit Sitz in Bad Vilbel.

Da hebt sich die Stimmung doch schon fast von selbst, wenn der niedergedrückte Patient erfährt, dass er dort für schlappe 395 Euro einen Labortest erstehen kann, der ihm rascher Auskunft gibt, ob ein verabreichtes Antidepressiva etwas nützen würde. Und Chapeau, welch geschickte Formulierung. Denn so unterläuft man Kritik. Schließlich heißt es ja nicht, dass der Patient dank des Tests eher wieder gesund ist.

Kein gutes Zeugnis

Mitglieder der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, allesamt mit ausgewiesener psychiatrischer Expertise, stellen dem Stada-Test allerdings kein gutes Zeugnis aus. Dass sich damit schneller ein Erfolg erzielen lasse, sei eben „nicht durch klinische Studien gedeckt“, lautet ihr Urteil. Aber dann umsonst so viel Geld für den Schnelltest ausgegeben zu haben, drückt womöglich noch mehr aufs Gemüt der bereits geplagten Betroffenen. Somit könnte der Gentest glatt den gegenteiligen Effekt hervorrufen.

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Antidepressiva: Die pharmakologische Diven

Ein weiterer solcher Test – der ABCB1-Test der HMNC Value GmbH in München – ist zwar billiger, aber auch nicht wirklich verlässlich, so die kritischen Arzneimittelprüfer. Dass uns der ABCB1-Test von Prof. Dr. Dr. Dr. h. c. mult. Florian Holsboer, dem ehemaligen Leiter des Münchener Max-Planck-Institutes in München und dem jetzigen CEO der Firma angedient wird, ändert daran nichts. Ebenso wenig wie die wortreich-verschwurbelte Werbebotschaft von Mazda Adli, dem Chefarzt der Fliedner Klinik in Berlin: Es gibt mittlerweile zuverlässige Erkenntnisse, die zeigen, dass eine Depressionstherapie unter Berücksichtigung der jeweiligen Eigenschaften der Blut-Hirn-Schranke eines Patienten, also seines ABCB1-Genotyps, eine höhere Chance hat, in vorgegebener Zeit eine Verbesserung für den Patienten zu erreichen.“

Nun ist es einerseits ein kompliziertes Geschäft mit den Antidepressiva, andererseits aber auch nicht. Denn eine Arbeit aus dem online schon vorab erschienenen Septemberheft der Fachzeitschrift „Archives of Neuropsychiatry“ sagt uns jetzt bereits einen Monat im Voraus, dass künftig die Wirksamkeit von Antidepressiva vergleichsweise simpel feststellbar sein wird. Wirken sie, dann wirken sie innerhalb der ersten Woche, sonst wirken sie vermutlich selbst dann nicht, wenn man sie viele Wochen gibt, so das Fazit der Veröffentlichung. Diese Erkenntnis kostet die Patienten keinen müden Cent. Und die Geduld der Ärzte wird obendrein auch nicht überstrapaziert.

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Quelle: F.A.Z.
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