Arzneiwechselwirkungen

Was auf dem Rezept verschwiegen wird

Von Joachim Müller-Jung
 - 13:15
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Schöne verstaubte Gesundheitswelt. Damit soll jetzt Schluss sein, denn ab sofort soll sowieso alles einfacher, präziser, direkter und sicherer werden im Medizinbetrieb. „Wir hätten in den letzten vierzehn Jahren an der einen oder anderen Stelle den Hebel früher umlegen sollen.“ Der das jüngst vor großem Publikum sagte, der Unionspolitiker Jens Spahn, ist heute Bundesminister für Gesundheit und hat zwei Sätze vor diesem gesundheitspolitischen Offenbarungseid mitgeteilt, dass er selbst schon sechzehn Jahre lang in seiner Partei mit Regierungsverantwortung mit Gesundheitspolitik betraut ist. Jetzt gibt es jedenfalls eine Digitalisierungsabteilung in Berlin – aber auch einen Plan? Gute Ideen?

Die blühen einstweilen woanders, in Österreich, der Schweiz, in Großbritannien oder Frankreich. Hier wird erst mal ausgemistet. Spahn will beim Rohrkrepierer elektronische Gesundheitskarte anfangen. Ganz oben auf der Liste sollten auch die Rezepte stehen. Die Leitfossilien der medizinischen Analogwelt. Falsche, schlechte, unleserliche, unbrauchbare Verschreibungen, mit krakeliger Schrift auf dem Rezeptblock notiert, sind nicht einfach ein Übel. Sie sind die Ursache für ein weithin unterschätztes Sicherheitsrisiko: Jede zwanzigste Noteinweisung in deutschen Kliniken geht auf Medikamentenwirkungen zurück. Bei achtzehn Millionen Hospitalisierungen jedes Jahr nicht unerheblich. Die Zahl der Pillenschlucker steigt ständig, die der Vielpillenschlucker mit fünf und mehr Pillen pro Tag in einer alternden Gesellschaft sowieso: Polypharmazie wird deutlicher zum Risikofaktor.

In der Hälfte der Klinikeinweisungen sind toxische Wechselwirkungen zwischen Medikamenten die Ursache – Pillen, die besser nicht, oder nicht in der Dosis, in der Reihenfolge, in der Darreichungsform oder zu den angebenen Zeiten eingenommen worden wären. Seit zwei Jahren haben Patienten, deren Körper und Psyche an vielen Stellen gleichzeitig krankt und die deshalb mehrere Arzneien nehmen müssen, gesetzlich ein Recht auf einen persönlichen Medikationsplan. Ausgedruckt, lesbar und nach klaren Vorgaben.

Dieser bundeseinheitliche Medikationsplan soll, eine der vielen damit verbundenen Hoffnungen, unter anderem dafür sorgen, dass die Patienten ihre Medikamente auch wirklich einnehmen – und richtig nehmen. Gut die Hälfte der Pillen werden nicht wie im Beipackzettel angeordnet geschluckt, drei von hundert bleiben liegen, weil die Patienten Schluckprobleme haben, jede hundertste Tablette wird unsachgemäß oder gar unerlaubt geteilt, mit Messer, Zähnen oder Zangen, und damit quasi zerstört. Schon an der Stelle holt man aus dem Medikationsplan nicht heraus, was möglich wäre.

Walter E. Haefeli, Pharmakologe der Universitätsklinik Heidelberg, hat in Studien gezeigt, dass schon ein paar Zusatzinformationen, Erklär-Cartoons oder Symbole, den richtigen Umgang mit Medikamenten deutlich verbessern könnten. Solche optimierten Formate sind aber vom Gesetzgeber nicht vorgesehen. „So ist die Situation: Der Arzt schreibt auf, fertig. Der Apotheker schreibt auf, fertig. Keiner aber kann sehen oder kontrollieren, ob und wie die Medikamente eingenommen werden“, sagt Haefeli. Eine neue medizinische Kultur muss seinem Dafürhalten nach her, eine „Begleitphilosophie“. Statt nur zu verschreiben, müsse sich der Medizinbetrieb um das wachsende Heer von multimorbiden Langzeitpatienten echt kümmern. Interaktiv.

Mehr Verlässlichkeit und damit Arzneimittelsicherheit aber gibt es nur, wenn der Medikationsplan und die Verschreibungspraxis digitalisiert werden. Davon ist Haefeli überzeugt: „In Frankreich gibt es für Arzt und Apotheken einen Abschlag von zwanzig Prozent, wenn der Medikationsplan nicht elektronisch ausgeliefert wird.“

Tatsächlich elektrisiert die Digitalisierung derzeit die gesamte Arzneimittelbranche. Die einen, die Telemedizin pur und Fernbehandlung via Internet aus dem Ausland anbieten und gerade deshalb Bundesärztekammer-Präsident Montgomery auf dem Ärztetag zu bösen Kommentaren („Schmuddelrezepte“) provozierten, wie die anderen um Walter Haefeli, die auf eine Sicherheitswende in der Arzneimitteltherapie hoffen. „Der gesetzliche Medikationsplan war ein richtiger Schritt, da hier viele für die Digitalisierung wichtige Fragen nach Daten und Formaten entdeckt wurden“, sagt Jens Kaltschmidt, „gut wäre aber auch gewesen, zusätzliche Daten und Informationen aufzuführen mit dem Ziel, die Sicherheit zu erhöhen.“

Kaltschmidt arbeitet als Geschäftsführer von Dosing, einer Ausgründungsfirma der Uniklinik Heidelberg, seit zwölf Jahren mit Haefeli zusammen. Sie haben ein Konzept entwickelt, die Arzneimitteleinnahmen sicherer zu machen, vor allem riskante Wechselwirkungen auszuschließen. Schon früh gab es den Gründerpreis des Landes, die „AiDKlinik“-Software ist inzwischen an vierzig Prozent der deutschen Universitätskliniken und insgesamt mehr als zweihundert Krankenhäusern verbreitet. Und dennoch ist man im Land weit von einer grundlegenden Verbesserung der Situation entfernt. „Deutschland ist leider noch mit den Basics der Digitalisierung, mit einheitlichen Daten und Formaten etwa, beschäftigt“, sagt Kaltschmidt.

Die Potentiale großer Datensammlungen und elektronischer Warnsysteme liegen regelrecht brach – oder sie sind in der digitalen Flickschusterei der Gesundheitsbranche nicht zu erschließen. Medikationsfehler sind praktisch im System eingebaut. Als Haefeli und sein Team vor mehr als fünf Jahren in einer Studie die damals genutzten klinischen Entscheidungssysteme für die Arzneimittelsicherheit testeten, zeigte sich, wie defizitär die elektronischen Assistenzsysteme bis dahin waren. Die Computer haben zwar die Fehlerrate bei Verschreibung und Einnahme von Pillen, verglichen mit dem analogen System, deutlich verringert. Doch die Zahl der Fehlalarme war viel zu hoch. Ohne Dosisangaben beispielsweise erwiesen sich viele Informationen als unbrauchbar.

Ein häufiges Statin wie Simvastatin etwa kann eine gefährliche Auflösung von Muskelfasern herbeiführen, wenn ein Herzpatient gleichzeitg ein Kalziumantagonist wie Verapamil einnimmt – es sei denn, die Statindosis bleibt unter zwanzig Milligramm. Ciprofloxacin, ein Antibiotikum, kann zusammen mit einem Säureblocker im Magen regelrecht verklumpen und damit komplett seine Wirkung verlieren – es sei denn, die Mittel werden zeitlich versetzt eingenommen. Fehlerquellen gibt es viele.

Wie das Team um Haefeli weiß, das jede Woche weit über hundert Studien zu Arzneiwechselwirkungen auf Evidenz hin auswertet, gibt es sie überall. Auch in Kliniken, die mit vielen Ärzten und Apothekern ausgestattet sind und weit weg von Montgomerys „Schmuddelrezept“Lieferanten agieren. Ohne die notwendigen Informationen kann es zu verhängnisvollen Fehlern kommen. „Die Fehler summieren sich“, sagt Haefeli.

Lange ahnte niemand, wie hoch die Fehlerraten tatsächlich sind. Beispiel Medikamentenumstellung: Kommt ein Patient mit einem Medikationsplan ins Krankenhaus, werden die Präparate auf die Hausliste der Klinik umgestellt. Insgesamt gibt es etwa 50 000 Präparate auf dem Markt, die Apotheke der Uniklinik Heidelberg beispielsweise führt aber nur 2000 Präparate. In der Heidelberger Chirurgie wurden früher siebzig Prozent der Medikamente falsch auf die Hausliste der Uniklinik umgestellt, in der Inneren immer noch fünf Prozent.

Nach Einführung der AiDKlinik-Software mit ihren inzwischen mehr als 25 000 dokumentierten Wechselwirkungen wurde Haefeli zufolge die Zahl der Überdosierungen in der Uniklinik um ein Viertel gesenkt, die Zahl falsch ausgestellter Rezepte von dreißig auf unter ein Prozent. Auch die Patienten lernten, ausgestattet mit den elektronischen Informationen, korrekt mit den Dragees, Kapseln und Tabletten umzugehen: Das falsche Teilen von Tabletten wurde um die Hälfte verringert.

Softwarelösungen, die sichere Medikationslösungen ermöglichen sollen, gibt es inzwischen allein in Deutschland schon mehr als eine Handvoll. Auf der jüngsten „Conhit“ in Berlin, der zentralen Messe der Digitalgesundheitswirtschaft, haben sie alle Flagge gezeigt. Ihr Ziel: Präzisionsmedizin – endlich auch bei der Arzneimitteleinnahme. Maximale Wirkung bei größtmöglicher Sicherheit. Aber was heißt das schon, Präzision, wenn jeder Patient Arzneimittel anders verträgt, wenn die Nieren als Entgiftungsorgan bei dem einen früher, bei dem anderen später überlastet sind?

Maßgeschneidert geht nur, da ist sich Haefeli sicher, wenn den kleinen ersten Schritten in die Digitalisierung schnell größere folgen: „Wir müssen alle verfügbaren Evidenzen und Daten integrieren.“ Stichwort Künstliche Intelligenz. Dosing-Chef Kaltschmidt: „KI wird als eine weitere Quelle zukünftig eine große Rolle spielen. Es macht absolut Sinn, das händische Durchsuchen der Studien durch KI zu unterstützen oder teilweise ganz einer KI zu überlassen. Dies ist eine spannende Zukunft.“

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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