Mediziner machen Fehler

Die schwierige Gesprächskultur in den Krankenhäusern

Von Nicola von Lutterotti
 - 19:43

In der Medizin besteht gemeinhin die Tendenz, Fehler lieber unter den Teppich zu kehren, als offen zuzugeben. Dahinter verbirgt sich die Angst, den Versicherungsschutz zu verlieren und für etwaige Behandlungsfehler persönlich haften zu müssen. Laut einer Reihe von Beobachtungen ist diese Sorge aber unbegründet. Den gleichen Schluss erlauben nun auch die Ergebnisse einer neuen Erhebung, an der sechs Krankenhäuser im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts mitgewirkt haben. Ziel des Projekts war die Klärung der Frage, wie sich ein offener Umgang mit medizinischen Zwischenfällen – ob nun vom Klinikpersonal verschuldet oder nicht – auf die Häufigkeit von Schadensersatzklagen auswirkt. Vorausgegangene Untersuchungen hatten nämlich Anhaltspunkte geliefert, dass ein solches Vorgehen die Zahl an Kunstfehlerklagen eher verringert als erhöht.

Sich etschuldigen kommt an

In dieselbe Richtung weisen nun auch die Resultate der aktuellen Studie. Die daran beteiligten Kliniken hatten sich bereit erklärt, alle medizinischen Zwischenfälle eines bestimmten Schweregrads abteilungsübergreifend mit dem Programm „Communication, Apology and Resolution“, kurz Care, anzugehen. Dieses bestand darin, den Patienten detailliert über die erlittene Komplikation aufzuklären, sich gegebenenfalls dafür zu entschuldigen und geeignete Lösungsvorschläge zu unterbreiten. Während eines Testlaufs von rund zweieinhalb Jahren wurde das Programm bei insgesamt 989 medizinischen Zwischenfällen angewandt. Gemäß dem Studienprotokoll handelte es sich dabei um vermeidbare oder nicht vermeidbare Ereignisse, die einen längeren Krankenhausaufenthalt, einen Eingriff oder wiederholte Arztbesuche nach sich gezogen hatten.

Wie die Gesundheitswissenschaftlerin Michelle Mello von der Stanford University School im Journal und die anderen Forscher im Journal „Health Affairs“ berichten, erwies sich die Kultur der Offenheit als ausgesprochen nützlich. Denn hiermit gelang es in fast allen Fällen, eine einvernehmliche Lösung zu finden. Einige Betroffene verweigerten sich allerdings dem Gespräch, und andere verständigten einen Anwalt, noch bevor sie mit dem Klinikpersonal Kontakt aufgenommen hatten. Was die Ursache der 989 Zwischenfälle anbelangte, waren bei 241 gängige Versorgungsstandards verletzt worden. Von diesen kamen 140 für einen Schadensersatzanspruch in Betracht. Bis zum Ende der Studie hatten die zuständigen Versicherungen dann rund einem Drittel der eingereichten Anträge stattgegeben und eine Entschädigungssumme von durchschnittlich 75 000 Dollar bezahlt, was für amerikanische Verhältnisse ausgesprochen moderat ist. Die übrigen Gesuche waren zu jenem Zeitpunkt noch in Bearbeitung oder abgewiesen worden, weil kein Behandlungsfehler nachgewiesen werden konnte oder ein nur minimaler Gesundheitsschaden bestand.

Lehren ziehen aus Zwischenfällen

Wie aus der Studie ferner hervorgeht, kam das Care-Programm auch der Patientensicherheit zugute, da die Krankenhäuser aus den Zwischenfällen Lehren zogen. So sorgten sie beispielsweise dafür, dass hochriskante Medikamente besser beschriftet und chirurgische Checklisten konsequenter angewandt wurden. Auch führten sie Techniken ein, die es erlauben, chirurgisches Material zu orten und damit zu verhindern, dass Operationsmaterial im Körper des Patienten zurückbleibt. Das offene Gespräch mit dem Patienten – eigentlich eine Selbstverständlichkeit – hat aber noch weitere Vorzüge. So baut es Misstrauen ab und trägt damit zur Genesung bei. Denn wie etliche Beobachtungen zeigen, können Unehrlichkeit im Umgang mit Behandlungsfehlern und Vertuschungsversuche den Betroffenen nachhaltig belasten und seiner Gesundung damit im Wege stehen. Gesprächsbedarf besteht allerdings nicht nur bei offensichtlichen „Patzern“. Laut dem Aktionsbündnis Patientensicherheit ist er auch dann dringend gegeben, wenn der Patient einen Schaden lediglich vermutet oder ein solcher gerade noch abgewendet werden konnte. Der erlittene Gesundheitsschaden ist nämlich oftmals nicht der einzige Grund, weshalb ein Patient den Rechtsweg einschlägt. Wie britische Forscher schon vor zwanzig Jahren zeigen konnten, ziehen viele Betroffene auch deshalb vor Gericht, weil sie den Eindruck haben, nicht ernst genommen zu werden und kein Mitgefühl zu erfahren. Hartwig Bauer, ehemaliger Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, hält es für wahrscheinlich, dass es auch bei uns vermutlich deutlich weniger Kunstfehlerklagen gäbe, wenn Ärzte besser kommunizieren könnten. Oft sagten die Betroffenen: Wenn er wenigstens mit mir geredet hätte, er hat sich aber immer verweigert. Empathie zeigen und sich entschuldigen zu können seien wichtige ärztliche Fähigkeiten, sagt der Chirurg und fügt hinzu: „Eine Entschuldigung ist noch kein Schuldeingeständnis, das wissen viele Ärzte nicht.“

Gespräche müssen geübt werden

Wünschenswert wäre, so Bauer, wenn Gesprächskompetenz in der medizinischen Aus- und Weiterbildung mehr berücksichtigt würde. Das sei derzeit noch nicht Fall. Was die Fehlerkultur im Krankenhaus angeht, habe sich in den letzten Jahren allerdings viel getan. In Deutschland verfügten mittlerweile die meisten Krankenhäuser über Fehlermeldesysteme. Diese erlauben es, in anonymisierter Form hinterbrachte Zwischenfälle auszuwerten und daraus zu lernen. Werden diese Systeme aber überhaupt genutzt? Das sei noch nicht klar, denn es gebe keine regelmäßigen Kontrollen, sagt Bauer, „damit muss das Krankenhaus aber immer rechnen. Spätestens, wenn etwas passiert, wird nämlich geprüft, ob und wie konsequent das Fehlermeldesystem angewandt wurde.“

Quelle: F.A.Z.
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