Medizin & Ernährung
Depression

Was in jungen Köpfen schiefgehen kann

Von Nicola von Lutterotti
© dpa, F.A.Z.

Kinder und Jugendliche mit Depressionen stellen für den Arzt eine besondere Herausforderung dar. Denn eine Psychotherapie, die Behandlung der ersten Wahl, schlägt für gewöhnlich erst nach Wochen bis Monaten an. Mitunter ist sie auch nicht verfügbar oder kommt für die Betroffenen und deren Angehörigen nicht in Betracht.

In solchen Situationen liegt der Griff zum Rezeptblock nahe. Die Schwierigkeit dabei ist: Ob und wie gut Antidepressiva bei Kindern und Teenagern wirken und vor allem, wie sicher sie sind, lässt sich bislang nicht mit Sicherheit sagen. Einmal mehr vor Augen führen das die Ergebnisse einer aktuellen Analyse, der die Daten von 34 einschlägigen Medikamentenstudien, und zwar sowohl veröffentlichten als auch unveröffentlichten, zugrunde liegen. Die darin einbezogenen Patienten, knapp 5300 Mädchen und Jungen im Alter zwischen neun und achtzehn Jahren, hatten an mäßiger bis schwerer Depression gelitten. Heranwachsende mit unterschwelliger und solche mit extrem starker Depression waren in der Analyse nicht berücksichtigt worden. Wie der Psychiater Andrea Cipriani von der Oxford-Universität und sein Team im „Lancet“ berichten, fanden sie keine Hinweise, dass die untersuchten 14 Antidepressiva besser wirken als Placebo. Es gab jedoch eine Ausnahme. So schien Fluoxetin, ein Vertreter der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer, die Beschwerden der Betroffenen nachhaltiger zu lindern als die Scheintherapie.

„Verstörende Implikationen für die Praxis“

Auch für dieses Medikament wollten die Wissenschaftler allerdings nicht ihre Hand ins Feuer legen. Die Datenlage sei viel zu dünn, schreiben die Wissenschaftler. Denn fast alle 34 Studien wiesen erhebliche Schwächen auf. Viele enthielten zu wenige Teilnehmer oder waren aus anderen Gründen extrem anfällig für Fehlinterpretationen. So gab es mehrere Studien, bei denen die Patienten teilweise wussten, welches Mittel - Antidepressivum oder Placebo - sie einnahmen. Eine solche „Entblindung“ kann die Wirkung des Psychopharmakons aber nachhaltig verstärken und jene des Scheinmedikaments zugleich stark verringern. Denn bei Depressionen und vielen anderen Erkrankungen gehen bis zu 30 Prozent des therapeutischen Erfolgs auf Placeboeffekte zurück.

Was die Sicherheit der untersuchten Psychopharmaka angeht, konnten Cipriani und seine Kollegen die bestehenden Bedenken nicht ausräumen. Ein Medikament schnitt dabei besonders schlecht ab, und zwar das zur Gruppe der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer zählende Venlafaxin. Dieses ging mit einem deutlich erhöhten Risiko für suizidale Gedanken und Handlungen einher. Wie die Autoren klarstellen, kommt das keineswegs einem Freibrief für die anderen 13 Medikamente gleich. Aufgrund der schlechten Datenlage hätten sie nämlich nicht klären können, ob und wie nachhaltig die einzelnen Antidepressiva das Auftreten von Selbsttötungsphantasien begünstigen oder verstärken. Diese Nebenwirkung, die vor allem Heranwachsende betrifft und vornehmlich in den ersten Therapiewochen beobachtet wird, hat die Arzneimittelbehörden schon vor Jahren dazu veranlasst, eine einschlägige Warnung auszusprechen. Besondere Vorsicht sollten Ärzte demnach walten lassen, wenn sie depressiven Kindern und Jugendlichen Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer verschreiben.

Laut Jon Jureidini von der University of Adelaide in Australien haben die Erkenntnisse des internationalen Forscherteams „verstörende Implikationen für die Praxis“. Wie der australische Kinderpsychiater in einem begleitenden Editorial betont, dürften die untersuchten Antidepressiva in Wahrheit noch schlechter abgeschnitten haben, als die Ergebnisse der vorliegenden Analyse suggerieren. Denn in einigen der 34 Studien seien unliebsame Ergebnisse unterschlagen worden. Zudem hätten sich manche Pharmafirmen geweigert, den Autoren die (anonymisierten) Daten der einzelnen Patienten zur Verfügung zu stellen. Diese Haltung bezeichnet Jureidini als „schockierend“. Probanden wissenschaftlicher Studien hätten schließlich ein Recht darauf, dass die mit ihrer Beteiligung gewonnenen Daten den größtmöglichen medizinischen Nutzen erzielen. Dennoch sieht der Kinderpsychiater keinen Anlass zu therapeutischem Nihilismus. Einfühlsame Ärzte, die eine gute Beziehung zu den jungen Patienten aufbauen, könnten diesen meist auch ohne Medikamente gut helfen.

Nicht dieselbe Funktion wie bei Erwachsenen

Tobias Banaschewski, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, warnt andererseits davor, das Kind mit dem Bade auszuschütten. „Einen fehlenden Wirksamkeitsnachweis darf man nicht mit dem Nachweis einer fehlenden Wirksamkeit gleichsetzen“, betont er. „Im Einzelfall können Psychopharmaka depressiven Kindern und Jugendlichen nämlich durchaus nützen.“ Um suizidalen Handlungen vorzubeugen, sei es allerdings wichtig, die Betroffenen vor allem in den ersten Behandlungswochen engmaschig zu betreuen. Denn zu Beginn führe die Therapie zu einer Antriebssteigerung, aber noch keiner Stimmungsaufhellung. In dieser Phase bestehe daher eine erhöhte Gefahr, dass suizidale Absichten in die Tat umgesetzt werden.

Auf längere Sicht könne aber möglicherweise das Gegenteil der Fall sein. „Nachdem die amerikanischen und europäischen Arzneimittelbehörden in den Jahren 2003 und 2004 davor gewarnt hatten, wurden depressive Kinder und Jugendliche sehr viel seltener als zuvor mit Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern behandelt. Danach ist die Häufigkeit von Suiziden aber nicht zurückgegangen, sondern vielmehr angestiegen.“ Das sei zwar kein Beleg für eine kausale Beziehung, zeige aber die Dringlichkeit, die Wirkung von Antidepressiva im Kindes- und Jugendalter eingehend zu untersuchen. „Wenn ein Medikament bei Erwachsenen wirkt, heißt das nicht, dass es auch Kindern zugutekommt“, sagt Banaschewski. Das müsse erst in eigenständigen Studien überprüft werden. Die Pharmafirmen hätten an solchen Untersuchungen allerdings wenig Interesse. Denn die Zahl der jungen Patienten, für die eine Behandlung mit Antidepressiva in Frage komme, sei nicht groß genug, um teure Medikamentenstudien zu rechtfertigen.

Plötzlicher Therapieabbruch mit starken Entzugssymptome als Folge

Die Arzneimittelbehörden fordern solche Studien allerdings schon länger ein. Seit 2006 verpflichten sie die Pharmahersteller dazu, neu zugelassene Medikamente auch bei Minderjährigen zu testen - offenkundig mit wenig Erfolg. Bislang sind nur Fluoxetin und Trizyklika, eine alte Gruppe von Antidepressiva, zur Behandlung depressiver Kinder und Jugendlicher zugelassen. Das Absurde an dieser Situation, so Banaschewski: „Laut Leitlinien sollten trizyklische Antidepressiva nicht zur Behandlung von Depression bei Kindern und Jugendlichen verwendet werden, weil sie bei diesen nicht wirken und obendrein mitunter lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen hervorrufen können. Dennoch werden sie den Betroffenen hierzulande nach wie vor verschrieben.“

Auch Johanniskraut sei im Kindes- und Jugendalter unwirksam und, anders als viele glaubten, nicht völlig unbedenklich. Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz, hält Studien unter anderem auch deshalb für dringlich, weil bislang unklar ist, welche Spuren Psychopharmaka im noch nicht ausgereiften Gehirn hinterlassen. Dieses sei sehr viel empfindlicher als jenes von Erwachsenen. Zugleich warnte er davor, die Antidepressiva von heute auf morgen nicht mehr einzunehmen. Wenn der Patient gut auf das Medikament anspreche, gebe es hierzu auch keinen Grund. Ein plötzlicher Therapieabbruch könne zudem starke Entzugssymptome hervorrufen. Es sei daher wichtig, mit dem Arzt zu sprechen und die Medikamente gegebenenfalls langsam abzusetzen.

Quelle: F.A.Z.
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