Medizin & Ernährung
Kosmetika

Schöner leiden

Von Martina Lenzen-Schulte
© dapd, F.A.Z.

Geht es um die Wirkung von Schminke, Shampoos und Sprays, denken die meisten daran, ob solche Schönheits- und Pflegeprodukte auch das halten, was die Werbung verspricht. Ernsthafte gesundheitliche Schäden werden im Allgemeinen nicht mit Kosmetika in Verbindung gebracht. Die Arzneimittelzulassungsbehörden haben in den vergangenen Jahren zwar Nahrungsergänzungsmittel genauer unter die Lupe genommen und hier ihren Zuständigkeitsbereich erweitert. Aber Lotionen, Cremes und Puder segeln nach wie vor weitgehend unter dem überwachungsrechtlichen Radar. Das sollte sich ändern, fordert ein Report der amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde FDA. Die Nebenwirkungen aus dem Sektor Nahrungsmittel und Nahrungsergänzungsmittel (CFSAN) sind seit dem vergangenen Jahr öffentlich zugänglich. Dank der Daten aus diesem Meldesystem war es möglich, auch Alarmmeldungen zu unerwünschten und ernstlich gesundheitsgefährdenden Wirkungen von Schönheits-und Pflegeprodukten aufzuschlüsseln. In manchen Bereichen sind deutliche Anstiege zu verzeichnen, wie Michael Kwa und seine Kollegen von der Northwestern-Feinberg-Universitätsklinik in Chicago in der Zeitschrift „Jama“ schreiben.

Haarpflege, die Haarausfall verursacht

Von 2004 bis 2016 gab es pro Jahr durchschnittlich 396 auf Kosmetika bezogene Meldungen, die meisten betreffen Haarpflegeprodukte wie Shampoos oder Haarsprays. Aber im Jahr 2015 zeigte sich ein deutlicher Anstieg, hier lag die Zahl der Alarmmeldungen 78 Prozent über dem Mittelwert der Vorjahre, im Jahr 2016 sogar zu 300 Prozent darüber. Dies war vor allem den Beschwerden über das Haarpflegemittel „WEN“ des bekannten amerikanischen Hairstylisten Chaz Dean geschuldet. Dank sogenannter „infomercials“ mit Stars wie Brooke Shields boomte der Absatz des Mittels, das als cleansing conditioner Reinigung und Pflege vereinen sollte. 2014 begann die FDA zu ermitteln, nachdem 127 Klagen von Konsumenten darüber eingegangen waren, dass die Anwendung mit einem massiven Haarausfall, Reizungen der Kopfhaut und Verfärbungen einhergehe. Zuvor seien aber bereits 21 000 Beschwerden beim Hersteller selbst eingegangen. Immer noch wird überprüft, wie es zu den Schäden kam und ob „WEN“ dafür verantwortlich war, der Produzent bestreitet die Vorwürfe jedenfalls. Die FDA hat erst vor wenigen Wochen den Hersteller dazu aufgefordert, alle für die Erforschung der Zusammenhänge relevanten Informationen über das Produkt zur Verfügung zu stellen, und immerhin auch Ärzte gebeten, ihre Patienten auf mögliche Nebenwirkungen aufmerksam zu machen.

Für verstärktes Wimpernwachstum nehmen manche Frauen sogar das Risiko ernster Nebenwirkungen in Kauf.
© Picture-Alliance, F.A.Z.

An solchen Beispielen zeige sich, dass eine Behörde wie die FDA lediglich einen Bruchteil der Daten erfasse, heißt es in dem „Jama“-Bericht. Offenbar gebe es beträchtliche Lücken im System, was die Marktregulierung von Kosmetikprodukten angehe. Dies gilt nicht zuletzt für sogenannte Cosmeceuticals, schon dem Namen nach Zwitter aus Schönheits- und Arzneimittel. Ihre Inhaltsstoffe haben letztlich eindeutige pharmakologische Wirkungen wie Medikamente, unterliegen aber als Kosmetikprodukt nicht den gleichen Zulassungsvoraussetzungen. Zuletzt haben „Wimpernseren“, die Prostaglandin-Abkömmlinge enthalten, als Kombination aus Arznei und Schönheitsmittel von sich reden gemacht. Es handelt sich um PGF-2-Alpha-Analoga, deren Wirkung auf das Wachstum von Wimpern zufällig entdeckt wurde. Denn diese Mittel werden eigentlich dazu verwendet, den Augeninnendruck beim grünen Star (Glaukom) zu senken, und hierfür ins Auge getropft. So gelangten sie aber auch an die Wurzeln der Wimpern und verstärkten deren Wachstum – manche Patientinnen zeigten sich über diese Nebenwirkung beglückt –, so wurde ein Schönheitsserum daraus.

Unbekannte Nebenwirkungen

Zwar sind Glaukommittel hierzulande verschreibungspflichtig, auch in Wimpernseren. Allerdings sind in manchen dieser Produkte „lediglich“ die Abkömmlinge von Prostaglandinanaloga, was diese Seren zu frei verkäuflichen Schönheitsmitteln macht. Ob und in welchem Ausmaß diese die aus der Glaukombehandlung bekannten unerwünschten Nebenwirkungen wie Jucken, gerötete Augen oder auch Kopfschmerzen hervorrufen, ist nicht bekannt, weil nicht untersucht. Wenn sie wie Prostaglandinanaloga wirken – und das sollten sie, wenn sie die Wimpern verlängern –, verändern sie womöglich auch den Augeninnendruck und führen zu falschen Befunden beim Augenarzt. Für ein ungeborenes Kind sind Prostaglandin-Abkömmlinge ebenfalls nicht ungefährlich, daher enthalten sie als Arzneimittel einschlägige Warnhinweise für Frauen im gebärfähigen Alter.

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Derartige Beispiele zeigen, wie nahe Kosmetikprodukte an Medikamente heranreichen, obwohl beide in ihrem Nebenwirkungspotential gänzlich anders eingeschätzt werden und auch völlig andere Bedingungen erfüllen müssen, bevor sie an den Verbraucher gelangen. In Deutschland ist das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) für die Einschätzung der gesundheitlichen Risiken von Kosmetika zuständig (www.bfr.bund.de). Hier ist eine eigene wissenschaftliche Kosmetik-Kommission angesiedelt, die bei Bedarf Inhaltsstoffe von Kosmetika in Bezug auf ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit bewertet.

Gleichwohl heißt es auf Seiten des BfR: „Kosmetische Mittel sind nicht zulassungspflichtig.“ Zugelassen werden müssen nur bestimmte Zusatzstoffe, etwa Konservierungsmittel, aber für Kosmetika als solche gelten eben nicht die strengen Bedingungen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Das ist in vielen Ländern ähnlich. Schon vor zwei Jahren hat daher in den Vereinigten Staaten eine Senatorin aus Kalifornien, Diane Feinstein, ein Gesetz auf den Weg gebracht („Personal Care Products Safety Act“), das nicht nur zur Sicherheitsüberprüfung von häufig in Kosmetika enthaltenen Produkten verpflichten sollte. Es soll auch die dort zuständige FDA-Behörde mit dem Recht ausstatten, bestimmte Produkte rasch vom Markt nehmen zu können und die Hersteller verpflichten, die bei ihnen eingehenden Beschwerden der FDA zu melden. Zumindest die Bedingungen der strengeren Marktüberwachung, wie sie für Arzneimittel nach der Zulassung gelten, würden so zum Teil auch für Kosmetika verpflichtend.

Quelle: F.A.Z.
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FDA | Haarausfall