Ebola-Spätfolgen

Vom Virus geheilt, aber dennoch krank

Von Hildegard Kaulen
 - 11:24
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Tödliches Ebola Konfliktzonen erschweren Impfungen

Im Osten Kongos weitet sich derzeit offenbar eine neue Ebola-Epidemie aus. Und auch zwei Jahre nach dem offiziellen Ende der Epidemie in Westafrika besteht kein Zweifel daran, dass das Unglück dort noch nicht vorbei ist. 75 Prozent der Überlebenden – manche Studien sprechen sogar von 90 Prozent – leiden unter Symptomen, die als Post-Ebola-Syndrom bezeichnet werden.

In einem Beitrag in der Zeitschrift „Emerging Infectious Diseases“ beziffern Janet Scott von der Universität Liverpool und ihre Kollegen jetzt das neurologische und psychiatrische Spektrum dieses Syndroms. Dabei scheinen vier Erkrankungen zu dominieren: Kopfschmerzen, vor allem in Form von Migräne, Schlaganfälle sowie Sensibilitätsstörungen und isolierte Nervenschädigungen an Armen und Beinen. Ein Teil der untersuchten Patienten leidet unter Augenschmerzen und Sehstörungen. Nicht wenige zeigen zudem in der Computertomographie einen Verlust an Hirnsubstanz. Zu den häufigsten psychiatrischen Erkrankungen zählen Depressionen und Angststörungen.

Was diese neurologischen und psychiatrischen Spätfolgen für die Betroffenen bedeuten, machen Scott und ihre Kollegen an zwei Schicksalen deutlich. In beiden Fällen schien die Infektion zunächst unkritisch zu sein. Ein 41 Jahre alter Soldat in körperlich guter Verfassung musste nur acht Tage stationär behandelt werden. Drei Tage nach seiner Entlassung traten massive Sprachschwierigkeiten und eine deutliche Schwächung der linken Körperhälfte auf. Die spätere Untersuchung zeigte, dass der Mann einen Schlaganfall erlitten hatte und die Viren seine Augen geschädigt hatten. Er starb ein Jahr darauf an einem nicht zuzuordnenden Fieber.

Die Epidemie zählte so viele Opfer wie nie zuvor

Das zweite Schicksal ist das eines zwölfjährigen Mädchens, das bis zur akuten Infektion ebenfalls völlig gesund war. Das Mädchen wurde mit einer hohen Viruslast in die Klinik eingeliefert, erholte sich durch die Behandlung, wurde aber nach drei Wochen zunehmend apathischer und bekam abermals Fieber. Ihr Zustand besserte sich zwar zeitweise, aber nicht dauerhaft. Knapp eineinhalb Jahre nach dem Beginn der Infektion ist das Mädchen blind, taub und geistig behindert. Es muss rund um die Uhr gepflegt werden und lebt in einem Waisenhaus.

Mit 28.616 Infektionen und knapp 17.000 Überlebenden zählt die Ebola-Epidemie von 2013 bis 2016 in Liberia, Sierra Leone und Guinea zu den schwersten der Geschichte. Nie zuvor hat es derart viele Betroffene, aber auch derart viele Überlebende gegeben. „Wir wussten, dass schwere Erkrankungen wie Ebola die Überlebenden mit erheblichen Problemen konfrontieren, aber es hat mich erschüttert zu sehen, dass junge und zuvor aktive Menschen nicht mehr in der Lage sind, eine Seite ihres Körpers zu bewegen, zu sprechen oder ihre Kinder hochzuheben“, schreibt Janet Scott in einer Erklärung und fordert mehr Unterstützung für die Betroffenen. Es sei auch nötig, dass die Ausbildung von Spezialisten vor Ort gefördert werde, damit mehr Ärzte den Kranken helfen können.

Die Forscher um Scott haben das Schicksal von 334 Überlebenden betrachtet, die in einer Klinik in Freetown behandelt worden waren. 111 Überlebende zeigten neurologische und psychiatrische Störungen und wurden zur weiteren Diagnostik eingeladen. Allerdings nahmen nur 40 Überlebende diese Einladung tatsächlich an. Warum die anderen trotz mehrfacher Aufforderung fernblieben, ist unklar. Es kann sein, dass sie ihren Zustand als zufriedenstellend beurteilen, es kann aber auch sein, dass sie so krank oder alleingelassen sind, dass sie nicht teilnehmen konnten.

Chronische Belastungen

Wie sind diese neurologischen und psychiatrischen Spätschäden zu erklären? Scott und ihre Kollegen kennen keine genauen Ursachen, äußern aber Vermutungen. Es könnte sein, dass im Gehirn auch nach dem Abklingen der akuten Infektion noch infizierte Zellen vorhanden sind, die Spätfolgen auslösen. Untersuchungen haben gezeigt, dass Ebola-Viren noch in der Rückenmarksflüssigkeit nachweisbar sind, wenn sie aus dem Blut bereits verschwunden sind. Auch eine chronische Entzündung des Gehirns oder der Hirnhäute könnte eine mögliche Ursache für die Spätfolgen sein. Offen ist auch, wie sich der bei einigen Patienten beobachtete Schwund an Hirnsubstanz auswirkt. Nach einer Masernerkrankung kann eine ähnliche Spätkomplikation auftreten.

Das Risiko für Schlaganfälle könnte damit zu tun haben, dass Ebola-Viren innere Blutungen auslösen. Als mögliche Ursache für die anhaltende Schwäche haben Scott und ihr Kollege Malcolm Semple im vergangenen Jahr in der Zeitschrift „Lancet“ die chronische Fatigue ins Gespräch gebracht, eine oft nach Infektionen einsetzende langanhaltende Ermüdung, die unter Umständen auf eine chronische Belastung des Immunsystems zurückzuführen ist. Allerdings tappen die Ärzte auch bei den Ursachen der Fatigue noch im Dunkeln: Die Untersuchungen von Scott und ihren Kollegen zeigen zweifelsohne, dass die klinischen Folgen der Ebola-Infektion noch besser verstanden werden müssen, um für zukünftige Epidemien angemessen gewappnet zu sein.

Quelle: F.A.Z.
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