Desaströse Leichenschau

Was ist der Totenschein noch wert?

Von Hildegard Kaulen
 - 12:48

Am Ende des Lebens steht der Totenschein, der unter anderem die Todesart und die Todesursache benennt. Der Arzt füllt ihn aus, nachdem er die Leiche entkleidet und sorgfältig untersucht hat. Was sich wie eine überschaubare Aufgabe anhört, entpuppt sich in der Realität als ein extrem fehleranfälliges Geschehen, das seit Jahrzehnten in der Kritik steht. Unleserliche Angaben, Todesfälle, die als natürlich eingestuft worden sind, obwohl ein nicht natürlicher oder ungeklärter Tod hätte attestiert werden müssen, fehlende Angaben zu sicheren Todeszeichen und eine Todesursache, die nicht zu den Vorerkrankungen passt, sind nur einige der schwerwiegenden Fehler, die regelmäßig in deutschen Totenscheinen zu finden sind.

Dabei ist eine Todesbescheinigung keine Petitesse. Sie ist eine öffentliche Urkunde von erheblicher Relevanz. Der Totenschein legt fest, wie mit dem Toten umzugehen ist. Nur bei einem natürlichen Tod kann die Leiche ohne weiteres bestattet werden. Bei einem nicht natürlichen oder ungeklärten Tod müssen Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln, ob ein Fremdverschulden vorliegt. Auch die Angaben zur Todesursache sind von erheblicher Bedeutung, weil sie die Grundlage der amtlichen Todesursachenstatistik bilden und damit letztlich mit dafür verantwortlich sind, wie die Weichen in der deutschen Gesundheits- und Forschungspolitik gestellt werden. Auch die Lebensversicherungen klären Ansprüche anhand der Angaben im Totenschein.

Nur wenige Scheine sind ohne Mängel

Eine aktuelle Veröffentlichung von Fred Zack vom Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Rostock und seinen Kollegen zeigt besonders klar, wie fehlerbehaftet das Ausstellen der Totenscheine in Deutschland ist („Rechtsmedizin“, doi: 10.1007/s00194-017-0193-7). Von den zehntausend Bescheinigungen, die Zack und seine Kollegen vor dem Kremieren der Leichen noch einmal unter die Lupe genommen haben, enthielt jede dritte bis vierte Urkunde einen schwerwiegenden Fehler. „Legt man eine rigorose Fehlerdefinition zugrunde, nach der alles, was nicht vorschriftsmäßig ausgefüllt worden ist, als Fehler gewertet wird, sind sogar 97 Prozent der Urkunden fehlerhaft“, sagt Zack im Gespräch. „Verwendet man eine weniger rigorose Definition und ignoriert zum Beispiel fehlende Angaben zum Geburtsort des Toten, zum Kreis oder zu einer möglichen Schwangerschaft bei älteren Frauen, sind noch 90 Prozent der Todesbescheinigungen fehlerhaft.“

Nicht minder ernüchternd sind die Ergebnisse von Sabine Gleich und ihren Kollegen vom Referat für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München. Gleich und ihre Kollegen haben geprüft, wie vollständig und plausibel die beim Gesundheitsamt München eingegangenen Totenscheine zwischen 2010 und 2013 und zwischen 2014 und 2015 waren. In beiden Zeiträumen musste die Behörde jede zehnte Urkunde mit Bitte um Korrektur an die Ärzte zurückschicken („Rechtsmedizin“, doi: 10.1007/s00194-016-0132-z).

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Was sind die häufigsten schwerwiegenden Fehler? Bei zwölf Prozent der Totenscheine war laut Zack die Kette aus attestierter Todesursache und zum Tod führender Vorerkrankungen nicht plausibel. In einem solchen Fall hat der untersuchende Arzt entweder die Kausalkette falsch erfasst, was die Validität der amtlichen Todesursachenstatistik schmälert, oder der Tod war unnatürlich. Natürlich im Sinne des Totenscheins ist ein Ableben durch eine innere Krankheit, an dem kein rechtlich bedeutsamer, äußerer Einfluss beteiligt war. Stirbt zum Beispiel ein Grippe-Patient an einer Lungenentzündung, ist das ein natürlicher Tod. Die Todesursache ergibt sich aus der Grippe und ist ein Ereignis, mit dem man bei dieser Erkrankung leider rechnen muss. Stirbt aber jemand nach einem Oberschenkelhalsbruch an einer Lungenentzündung, weil er durch den Sturz bettlägerig wurde, ist das keine plausible Kausalkette für einen natürlichen Tod, sondern für einen unnatürlichen Tod. In diesem Fall muss die Ursache für den Sturz geklärt werden. Der Verstorbene kann ausgerutscht oder gestolpert sein, er kann aber auch geschubst oder gestoßen worden sein. Hinter einem nicht natürlichen Tod steht also nicht zwangsläufig ein Tötungsdelikt, aber die Umstände müssen geklärt werden. Dies wird durch das richtige Ankreuzen der Todesart veranlasst.

In weiteren zwölf Prozent der von Zack untersuchten Totenscheine hatten die Ärzte in der Leichenschau keine Angaben zu ihrer Person gemacht oder angegeben, wie sie bei Rückfragen zu erreichen sind. „Wir haben Totenscheine, auf denen die Unterschrift nur ein Kringel ist, sonst nichts“, sagt Zack. Kein Name, kein Stempel, keine Möglichkeit, denjenigen zu identifizieren und zu erreichen, der für die Urkunde verantwortlich ist. Bei drei Prozent der Totenscheine fehlten Angaben zu den sicheren Todeszeichen. Die Ärzte müssen dokumentieren, woran sie den Tod festgemacht haben. Das geschieht entweder über sichere Todeszeichen wie Totenstarre, Totenflecke, Fäulnis oder Verletzungen, die mit dem Leben nicht vereinbar sind, oder über die Feststellung des Hirntods, was dann entsprechend vermerkt werden muss. Bei drei Prozent der Totenscheine waren Angaben schlichtweg unleserlich.

Fehler können Tötungsdelikte verschleiern

In Rostock wurde bei jedem hundertsten Totenschein die Todesart falsch angegeben. In solchen Fällen besteht die Gefahr, dass ein Tötungsdelikt unentdeckt bleibt – nach Schätzungen sollen das 1200 bis 2400 pro Jahr sein – oder dass Polizei und Staatsanwaltschaft unnötig behelligt werden. In München sind zwischen 2010 und 2013 auch auf jedem hundertsten Totenschein nicht plausible oder fehlerhafte Angaben zur Todesart gemacht worden („Rechtsmedizin“, doi: 10.1007/s00194-015-0035-4). Daraufhin wurden in der bayrischen Landeshauptstadt mehr Fortbildungsveranstaltungen angeboten. Das hatte zur Folge, dass 2014 und 2015 nur auf jedem vierhundertsten Totenschein ein natürlicher Tod bescheinigt wurde, obwohl die Bescheinigung eines nicht natürlichen oder ungeklärten Todes richtig gewesen wäre. Bei 48 dieser 67 Fälle hatten die Ärzte sogar einen Unfall vermerkt und in 36 Fällen sogar Anhaltspunkte für den nicht natürlichen Tod attestiert, bescheinigten dann aber einen natürlichen Tod. Obduziert wurden nur sechs dieser 67 Toten. In Deutschland liegt die Zahl der Obduktionen im unteren Prozentbereich und ist im internationalen Vergleich sehr niedrig. Die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin fordert seit langem eine höhere Sektionsrate und eine konsequente Leichenöffnung bei ungeklärtem oder unnatürlichem Tod.

Obwohl in Deutschland immer wieder über die unzureichende Qualität der ärztlichen Leichenschau diskutiert wird, sind keine Änderungen in Sicht. Das hat auch damit zu tun, dass das Bestattungswesen Ländersache ist und jedes Bundesland über seine eigenen Regelungen und Totenscheine verfügt. Die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin hat vor zwei Jahren ihre Vorschläge zur Verbesserung der Leichenschau und zur Aufdeckung nicht natürlicher Todesfälle überarbeitet und veröffentlicht. Die Fachgesellschaft plädiert dafür, die Ausbildung der Mediziner zu verbessern und die approbierten Ärzte zu regelmäßigen Fortbildungen in der Leichenschau zu verpflichten sowie konsequenter zu obduzieren. Die Fachgesellschaft spricht sich in ihrem Positionspapier auch für die oft angefeindete Krematoriumsleichenschau aus. In fast allen Bundesländern werden die Toten vor dem Verbrennen einer zweiten Leichenschau unterzogen.

In Anbetracht der Qualität der ersten Leichenschau könne gegenwärtig nicht darauf verzichtet werden. Zack und seine Kollegen plädieren zudem für eine bundeseinheitliche Todesbescheinigung. „Wünschenswert wären außerdem eigens für die Leichenschau ausgebildete Kräfte“, sagt Zack. „Das müssen nicht einmal Ärzte sein. Diese Aufgabe könnte auch von speziell ausgebildeten medizinischen Fachkräften übernommen werden.“ Die Leichenschau gehört zu den unbeliebten Aufgaben der Ärzte. Viele betrachten die Untersuchung eines Toten nicht mehr als ärztliche, sondern als forensische Angelegenheit, die nicht zu ihrem Arbeitsgebiet zählt. Zudem ist neben den medizinischen Kenntnissen auch ein kriminalistisches Gespür notwendig, um die Begleitumstände richtig zu erfassen und zu deuten.

„Den Ärzten oder Fachkräften, die nichts anderes machen als Leichenschau, werden viel weniger Fehler unterlaufen als den Ärzten, die das nur gelegentlich machen“, sagt Zack. Er plädiert auch dafür, dass die Ärzte mehr Zeit für die Ausstellung des Totenscheins erhalten. Derzeit sind sie gesetzlich verpflichtet, die Urkunde unverzüglich ausstellen. Die Ärzte könnten den Tod aber zunächst auch nur feststellen, damit die Leiche abtransportiert werden kann, und den Totenschein dann in den nächsten zwölf Stunden ausfüllen. Das gäbe ihnen genügend Zeit, mit dem Hausarzt über Vorerkrankungen des Toten zu sprechen und formale Informationen einzuholen, wie den Kreis des Geburtsorts. Die Daten von Zack und Gleich lassen jedenfalls keinen Zweifel daran, dass die derzeitige Situation keinen zufriedenstellt.

Quelle: F.A.Z.
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