50 Jahre Herztransplantation

Es muss eben noch schlagen

Von Richard Friebe
 - 18:52

Auf der Main Street in Kapstadts Stadtteil Salt River fährt ein Mann zwei Frauen an. Der 36-jährige Handelsvertreter Frederick Prins ist angetrunken und erwischt beide, Mutter und Tochter, mit voller Wucht. Nur Letztere, die 25-jährige Bankangestellte Denise Darvall, überlebt, schwer am Kopf verletzt. Schaulustige bilden eine Menschentraube, als auf der anderen Straßenseite Ann Washkansky langsam vorbei fährt, auf dem Heimweg vom Krankenhaus, wo ihr Mann im Sterben liegt.

Ein paar Stunden später kreuzen sich die Wege der beiden Familien erneut. Denise' Kopfverletzung wird in den frühen Morgenstunden des 3. Dezembers 1967, heute vor fünfzig Jahren, von einem Neurologen als irreparabel, die junge Frau für todgeweiht erklärt. Louis aber, der 53-jährige Ehemann von Ann Washkansky, ist ein paar Stunden später umso lebendiger. Denn in seinem Brustkorb schlägt nun das Herz von Denise. Ihr Vater Edward Darvall hatte zugestimmt, dass es der Frau herausgeschnitten werden darf.

Es fehlte die Bereitschaft zum Tabubruch

Es wird Geschichte geschrieben im Kapstadter „Groote Schuur Hospital“. Der damals 45-jährige Chirurg Christiaan Barnard wird zur Ikone. Von 1967 bis zu seinem Tod 2001 ist er der Weltstar der Chirurgie. Jene erste Herztransplantation gehört in der populären Wahrnehmung zu den wichtigsten Ereignissen der Medizinhistorie überhaupt. Auch als Erfüllung eines uralten Menschheitstraumes wurde sie dargestellt.

Die Realität sieht etwas anders aus. Den Menschheitstraum vom Ersetzen und Erneuern von Organen etwa habe es nie gegeben, sagt Thomas Schlich, aus Deutschland stammender Professor für Medizingeschichte an der McGill University in Montreal: „Die Vorstellungen über Krankheit damals hatten nichts mit Organen und Organversagen zu tun, sondern mit dem Gleichgewicht der Säfte.“ Eine andere Fehleinschätzung ist aber viel bedeutender. Es ist die von der medizinisch-wissenschaftlichen Pioniertat: „Die Innovation im Dezember 1967 war keine wissenschaftliche, denn das war lange vorher geschehen“, sagt der Medizinhistoriker David Jones von der Harvard University. Jene „Innovation“ habe auf einem vollkommen anderen Gebiet gelegen: „Es war die Bereitschaft, einem Menschen ein Herz zum Zwecke einer Transplantation zu entnehmen.“ Ein noch schlagendes Herz.

Auf den Schultern von anderen

Tatsächlich war Barnard zwar ein begabter und ambitionierter Arzt, der auch nebenbei Forschung betrieb. Ein Transplantationspionier aber war er bis dahin nicht gewesen. „Die entscheidenden Entwicklungen hatten andere vorangebracht“, sagt Volkmar Falk, Transplanteur und Leiter des Deutschen Herzzentrums Berlin. Was Barnard an jenem Sonntagmorgen vor fünfzig Jahren anwandte, hatte er sich bei der echten Avantgarde abgeschaut. Es waren Leute, die über die Jahre in Tierversuchen Techniken entwickelt und verfeinert hatten und die seit Jahren Operationen am offenen Herzen vornahmen, Klappen transplantierten, Herzfehler korrigierten.

Es waren Leute wie Thomas Starzl, von dem Barnard 1967 bei einem Besuch an der University of Colorado die Grundlagen der Unterdrückung des Immunsystems gelernt hatte. Und wie Wilford Neptune in Boston, der Mitte der fünfziger Jahre Verfahren entwickelte, Tierkörper und Spenderorgan so zu kühlen, dass eine kombinierte Herz-Lungen-Transplantation möglich war. Oder Norman Shumway und Richard Lower, die in Standford und Richmond, Virginia, Versuche an Hunderten Hunden vornahmen und bei denen Barnard hospitiert hatte. Oder James Hardy in Jackson, Mississippi, der aus Mangel an Alternativen 1964 einem Kind ein Schimpansenherz einpflanzte, das nur eine Stunde schlug.

Chirurgisch keine Herausforderung mehr

Hardy wäre im selben Jahr auch beinahe der Erste gewesen, der ein Herz von Mensch zu Mensch verpflanzte. Aber niemand in seinem Team, so die australische Medizinhistorikerin Helen MacDonald, habe sich damals bereitgefunden, die Beatmungsmaschine des Spenders abzuschalten. Ähnlich ging es Adrian Kantrowitz in New York, der ebenfalls über reichlich Erfahrung verfügte. Er hatte im Juni 1966 von beiden Elternpaaren die Erlaubnis, einem Kind, bei dem keine Hirnfunktion mehr festzustellen war, das Herz zu entnehmen und einem anderen Kind mit schwerem Herzfehler einzusetzen. Zwei Mitglieder seines Teams verhinderten aber, dass Kantrowitz bei noch schlagendem Herzen den kleinen Körper öffnete. Als der Herzstillstand schließlich doch eingetreten war, versuchte es Kantrowitz noch. Das Organ war, als es vor ihm lag, jedoch schon schwer geschädigt und nicht mehr verwendbar.

Sie alle waren also technisch längst bereit. Der Eingriff war sogar deutlich einfacher als andere, etwa OPs zur Korrektur angeborener Herzfehler. Was ihnen fehlte war die Bereitschaft oder die Erlaubnis, einem Menschen ein Herz herauszuschneiden. Die Befunde aus Tierversuchen, dass die Chancen deutlich besser waren, wenn das Herz bei der Entnahme noch schlug, machten es nicht einfacher. Shumway versuchte seine Chefs vom Konzept des Hirntods zu überzeugen, das es bis dahin nicht offiziell gab. Kantrowitz machte sich, so Jones, die makabre Hoffnung auf das Herz eines ohne Gehirn geborenen Babys. Ein solches Wesen hätten Behörden, Öffentlichkeit und klinikinterne Aufsicht dann vielleicht als „nicht wirklich lebendig angesehen“.

Jeder wollte auf das Cover des „Time Magazine“

Die amerikanischen Kollegen beäugten einander gegenseitig. Sie wollten Patienten helfen, aber sie wollten auch Medizingeschichte schreiben. „Jeder wollte auf das Cover des 'Time Magazine'“, sagt Jones. Auf dem prangte am 15. Dezember 1967 dann Barnard. „Es war neben Wagemut auch ein gewisses Maß Zufall im Spiel“, sagt Schlich, „andere hätten es genauso gekonnt.“

Barnard konnte es vor allem deshalb, weil niemand verhinderte, dass er Denise ihr noch schlagendes Herz entnahm. Dafür benötigte er in Südafrika nur das Okay des zuständigen Neurologen und seines Chefs. Trotzdem war es auch für ihn ethisch und rechtlich zumindest so problematisch, dass er später stets behauptete, Denises Herz habe von allein aufgehört zu schlagen, bevor es entnommen wurde. Das allerdings, sagt Jones, sei nachweislich nicht so gewesen.

Was sich als wirklich schwierig herausstellte, war die Nachsorge. Ob ein Organ akut vom Empfängerkörper abgestoßen wurde, ließ sich damals nicht rechtzeitig feststellen. Das war schon für die Pioniere der Transplantationsmedizin, etwa den Schweizer Theodor Kocher, ein Problem gewesen. Dieser verpflanzte Ende des 19. Jahrhunderts Patienten, denen er die Schilddrüse entfernt hatte, fremdes Schilddrüsengewebe. Den Patienten ging es zunächst besser, weil das Transplantat gespeicherte Hormone freisetzte, doch bald wieder schlechter. Dass hier ein Muster zugrunde lag – nämlich, dass der Empfängerkörper das Transplantat schlicht abstieß – erkannten Kocher und seine Nachfolger erst später. Barnard versuchte, seinen Patienten mit hohen Dosen Immunsuppressiva zu schützen, und erkannte zu spät, dass er damit eine Infektion fatal verschlimmerte. Louis Washkansky starb nach 18 Tagen an einer Lungenentzündung.

Was im Jahr 1968 folgte, war, wie es die New York Times nannte, eine Epidemie von Herztransplantationen. Viele der mehr als hundert Versuche endeten desaströs. Die meisten Chirurgen, die es nun auch versuchen wollten, waren noch weitaus schlechter präpariert als Barnard. Sie wussten auch oft kaum etwas darüber, wie man nach der Operation den Patienten am Leben erhielt. Selbst wenn dieser noch auf dem OP-Tisch starb, ließen viele sich als Nationalhelden feiern, etwa Prafulla Kumar Sen in Bombay im Februar 1968. Die Medien heizten den Hype an, begannen ihn aber auch zu kritisieren. Manche Chirurgen, die ein Stückchen vom Ruhm abhaben wollten, „stolperten über ihre sterilen OP-Schürzen, um möglichst schnell Statements vor der Kamera machen zu können“, schrieb ein britischer Journalist damals. Und nur sehr wenige Patienten überlebten die Operation länger als ein paar Monate.

Das Hirntod-Konzept und neue Ängste

Aber was 1968 auch folgte, waren die ersten Richtlinien dazu, wann ein Patient wirklich für tot erklärt werden kann. Das Hirntod-Konzept wurde auf Konferenzen in Harvard und Sydney ausformuliert. Damit war eine Grundlage gelegt, wann Organe – Zustimmung von Betroffenen oder Angehörigen vorausgesetzt – für Transplantationen zur Verfügung gestellt werden können. Es ist kein Zufall, dass dies kurz nach der ersten Herztransplantation passierte. Es ist auch kein Zufall, dass es das bis dahin vorherrschende Konzept, dass ein Leben endet, wenn das Herz aufhört zu schlagen, verdrängte. Denn schlagende Herzen, die brauchte man. Und bei sämtlichen anderen Organen war es ebenfalls wichtig, dass sie möglichst bis zur Entnahme von einem schlagenden Herzen versorgt wurden.

Die Revolution, die Barnards erster Versuch auslöste, sie bestand nicht in der neuen Technik. Sie bestand in einer neuen, für die medizinische Praxis wichtigen, aber bis heute diskutierten Definition von Leben, Lebensperspektive und Tod. Sie ging einher mit einer Medialisierung mit allen Begleiterscheinungen von Hype bis Bashing. Sie erzeugte nach größtmöglicher Euphorie auch erstmals eine breite gesellschaftliche Skepsis gegenüber Medizinern, so beschreibt es die Kulturhistorikerin Ayesha Nathoo von der University of Exeter. Erzeugt worden sei diese vor allem durch das riskante und egozentrische Verhalten mancher Operateure, aber auch durch Ängste vor einer bevorstehenden Jagd nach Organen. Das wiederum mündete in die fortschrittskritischen Strömungen, die sich in den siebziger Jahren etablierten und bis heute nachwirken.

Echte Fortschritte gab es erst später

Und so wie die für eine Transplantation notwendigen Fortschritte Barnards erstem Versuch weit vorausgegangen waren, so folgten die Innovationen, die Patienten mit Spenderherz tatsächlich signifikant Zeit und Lebensqualität schenkten, deutlich später. Entscheidend war unter anderem das Medikament Ciclosporin, mit dem sich Abstoßungsreaktionen oft lange und gut in den Griff bekommen lassen.

Vielleicht stehen weitere Innovationen noch bevor. Der Berliner Herzchirurg Falk etwa arbeitet mit Kollegen aus Zürich an neuen Kunstherzen mit komplett biologischer Oberfläche. Das soll die bei Patienten mit solchen Implantaten häufigen Schlaganfälle verhindern. Studien an Stammzellen, die geschädigte Herzen wieder kräftigen, und andere, wo aus ihnen komplette Organe gezüchtet werden sollen, laufen ebenfalls. Anderswo wird nach Möglichkeiten gesucht, dem Immunsystem Toleranz für Spenderherzen anzuerziehen. Wäre dies erfolgreich, kämen auch Schweine als Organspender in Frage, sagt Joren Madsen vom Massachusetts General Hospital. Das wäre dann wirklich eine Innovation. Es würde jene 1967 begründete Praxis – einem Menschen ein schlagendes Herz herauszuschneiden – tatsächlich zu Medizingeschichte machen. Ob oder wann derlei Praxis werden wird, ist nicht abzuschätzen. Bis dahin ist das Innovativste, was jeder Einzelne tun kann, sich einen Organspenderausweis ins Portemonnaie zu stecken.

Quelle: F.A.S.
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