Gentests in der Krebsmedizin

Die Zukunft hängt in den Seilen

Von Joachim Müller-Jung
 - 23:47
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Es klingt, als wäre die Angst vor Krebs mit einem Mal fast überflüssig, zerplatzt wie eine lästige Wasserblase unter der Haut: Für um die 500 Euro könne ein Bluttest künftig herausfinden, ob sich im Körper ein Tumor ausbreitet – für acht Krebsarten, die nicht weniger als sechzig Prozent der Krebsfälle ausmachen, und vor allem in einem so frühen Stadium, dass der Mensch weder davon etwas merkt, noch dass der Tumor Beschwerden auslöst oder Metastasen gebildet hat.

Dieses traumhafte Szenario breiteten soeben amerikanische Onkologen öffentlich aus. Ein großes Team von Forschern, an dem neben Nicolas Papadopoulos vom Kimmel Cancer Center in Baltimore und Joshua Cohen von der Johns Hopkins University School of Medicine auch dessen weltberühmter Kollege, der Krebsforscher Bert Vogelstein, beteiligt sind. Große Visionen brauchen große Unterstützung und eine große Plattform. „Science“ hat die Studie publiziert, und die hat die gewünschte Popularität erreicht. Tatsächlich aber stellen sich nach der Arbeit nicht nur für Wissenschaftler und Ärzte eine ganze Reihe kritischer Fragen. Auch für die Patienten bleibt der Plan vorerst eine Utopie. Und das liegt weniger an der Studie selbst, als vielmehr an den Umständen, wie mit solchen Bluttests auf Krebs – „Liquid Biopsy“ genannt – und mit Gentests generell in unseren Gesundheitssystemen umgegangen wird.

Zuerst allerdings zum amerikanischen Projekt „CancerSEEK“. So haben die Onkologen ihren Mehrfach-Krebstest bezeichnet. Die Idee ist bestechend einfach: Bei jedem Tumor zerfallen, wenn er eine gewisse Größe erreicht hat, die Krebszellen in ihre Bestandteile. Auch die nur bei den Krebszellen auftretenden Fragmente, Genmaterial ebenso wie kleine Proteinbruchstücke, werden mit dem Blut abtransportiert. Heutige Analysegeräte können theoretisch winzige Spuren dieser krebstypischen „Signale“ – Biomarker – erfassen und Alarm schlagen. Die Hoffnung ist, dass solche Bluttests eines Tages invasive und damit nicht selten schmerzhafte oder mit anderen Nebenwirkungen verbundenen Diagnostiken wie Gewebeprobenahmen (Biopsien) bei Krebs- Screenings oder Früherkennungsuntersuchungen ersparen können. Fast alle Liquid Biopsies auf dem Markt testen auf ein bestimmtes Merkmal, beispielsweise spezielle Mutationen oder molekulare Besonderheiten auf der Tumoroberfläche. Mit ihnen arbeiten Krebszentren, um abzuklären, ob für den Patienten maßgeschneiderte, individualisierte Krebsmedikamente verwendet werden können.

Entdeckungsrate zu niedrig

Bluttests für die Früherkennung, wie sie nun die amerikanischen Forscher entwickelt haben, sind noch im Frühstadium. Nicht zuletzt, weil an Diagnostika besonders hohe Anforderungen an die Zuverlässigkeit und Aussagekraft gestellt werden müssen. Die Frage nach der Qualität ist eine ganz entscheidende. Und in der Hinsicht gibt es bei dem jetzt präsentierten Achtfach-Bluttest noch erhebliche Lücken.

Der Test wurde an über tausend Patienten angewandt, von denen man wusste, dass sie tatsächlich Krebs im Frühstadium hatten: Eierstock-, Leber-, Speiseröhren-, Bauchspeicheldrüsen-, Darm-, Magen- Lungen- oder Brustkrebs in den Stadien „eins“ bis „drei“. Der Nachweis sollte über die Analyse von 16 Genen und acht krebsspezifischen Biomarkern erfolgen. Verglichen wurden die Testergebnisse mit denen anderer Probanden, von denen man ebenso wusste, dass sie gesund sind. Auf diese Weise konnte man zeigen, dass der Achtfachtest zwar sehr spezifisch ist und zu 99 Prozent falsch positive Diagnosen ausgeschlossen werden können. Aber die Empfindlichkeit für die Krebsbiomarker ist sehr unterschiedlich: Von 20 Prozent Entdeckungsquote bei Speiseröhrenkrebs und 33 Prozent bei sehr frühem Brustkrebs bis hin zu 100 Prozent bei Leberkrebs. Im Schnitt lag die Entdeckungsrate im Krebsstadium „eins“ bei 43 Prozent und bei 73 Prozent im Stadium „drei“.

Qualitätsprobleme in der Diagnostik

Für die Alltagstauglichkeit, das räumen auch die Wissenschaftler ein, ist der Mehrfachtest noch nicht gut genug. Ob er sich für Reihenuntersuchungen eignen könnte, um damit unangenehmere Verfahren wie die Darmspiegelung abzulösen, lässt sich mit dieser alltagsfernen Studie nicht beantworten, weil die Ärzte praktisch schon vorher alles über die Probanden wussten. Viel entscheidender aber könnte sein, was die Tübinger Medizinerin und Humangenetikerin Saskia Biskup allgemein über Liquid Biopsy sagt: „Das ist eine Riesenchance für die Präzisionsmedizin.“ Eine Chance, die allerdings gerade in Deutschland derzeit verspielt werde, so Biskup, weil die Bluttests anders als mitunter ebenso teure, aber invasive, unangenehme und weniger aussagekräftige Alternativen der Diagnostik wie die Leberbiopsie nicht von den staatlichen Krankenkassen erstattet würden. Nur die eine oder andere Privatkasse zahlt die zwei- bis zweieinhalbtausend Euro pro Test. „Nach dem Bluttest kenne ich sehr genau den aktuellen molekularen Status des Tumors, während die Ergebnisse von Gewebeproben oft monatelang alt sind und sich der Tumor seither so verändert haben kann, dass ich meine Therapie ändern muss.“

Dass die Kostenübernahme von Tests unterbleibt, liegt nicht zuletzt an der Diagnostikbranche selbst. Ein Streit der Experten tobt. „Die Zahl schlechter Labors ist leider viel zu groß, das zeigt sich bei Vergleichen von Testergebnissen immer wieder“, sagt Biskup. Für die aufwendige Gensequenzierungen beispielsweise fehlen Qualitätsstandards. Eine Akkreditierungspflicht für die Labore gibt es nicht. „In der Gendiagnostik herrscht Wildwuchs momentan“, so Biskup. Der Gemeinsame Bundesausschuss, die entscheidende Instanz für die Kostenübernahme durch die Kassen, treibt in ihren Augen aber noch eine ganz andere Sorge: „Die fürchten eine Kostenexplosion.“ Wenn immer mehr Patienten mit individualisierten, maßgeschneiderten und womöglich nebenwirkungsfreien Medikamenten und Tumorimpfstoffen behandelt werden sollen – und verständlicherweise behandelt werden wollen –, braucht es gute, aussagekräftige Daten. Doch die fehlen, weil es schon an präzisen Analysen mangelt. Weil auch Politik und Staat nichts regeln, wird so das Qualitätsproblem zur ernsthaften Hürde für die Präzisionsmedizin.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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