Digitale Medizin

Alles auf eine Karte

Von Johanna Kuroczik
 - 09:31

Bitte merken Sie sich folgende Arzneinamen: Simvastatin, Metformin, ASS, Pantoprazol, Ramipril, L-Thyroxin. Schwierigkeiten? Sie sind nicht allein, nur jeder fünfte Patient, der täglich mehrere Medikamenten zu sich nimmt, kann bei Aufnahme im Krankenhaus vollständige Angaben zu seiner Medikation machen. Dieses Problem könnte bald einer analogen Vergangenheit angehören. Die in Verruf geratene elektronische Gesundheitskarte hat das Potential, den medizinischen Alltag von Arzt und Patient zu revolutionieren.

Im Krankenhaus beginnt nach der Aufnahme eines Patienten für die Ärzte eine regelrechte Detektivarbeit. Sie müssen bei Hausärzten Medikamente und Diagnosen in Erfahrung bringen, Arztbriefe von anderen Kliniken anfordern und lädierte CDs mit Röntgenbefunden ins System einlesen. Die Datenübertragung erfolgt per Post, Telefon oder Fax-Gerät. Das kann sich über Tage hinziehen und entspricht kaum dem Traum eines Datenschützers. Behandlungen werden unnötig doppelt durchgeführt, sei es, weil das aktuelle Röntgenbild nicht vorliegt oder der Impfstatus unklar ist. Das kostet Geld und Zeit, beides kostbare Güter im deutschen Gesundheitssystem.

Viel Lärm um nichts

„Die Komplexität der medizinischen Möglichkeiten kann man analog nicht mehr handhaben“, meint Franz Bartmann von der Bundesärztekammer. Die elektronische Patientenakte, in der Befunde und Arztbriefe gespeichert werden können, verspricht, Licht ins Dickicht zwischen Krankenhäusern, Hausärzten und Fachärzten zu bringen. Ende des Jahres soll sie in Deutschland eingeführt werden. Schlüssel zu der e-Akte ist und bleibt die elektronische Gesundheitskarte. „Momentan bringt die Karte nichts“, sagt ein bayrischer Hausarzt. Das neue Hard- und Softwaresystem, das alle niedergelassenen Ärzte bis Ende des Jahres installiert haben müssen, gibt derzeit nach Einlesen der eGK und Verbindung mit dem Server lediglich Auskunft über die Stammdaten und darüber, ob besagter Patient versichert ist.

Eine Milliarde Euro und fast fünfzehn Jahre Arbeit stecken hinter der Gesundheitskarte. Und das alles nur für ein Passbild, Adresse und den Versichertenstatus? Das ist ein bisschen so, als besitze man eine EC-Karte, die im Geldautomaten nur anzeigt, dass Geld auf dem Konto ist, jedoch nicht, wie viel, und abheben kann man auch nichts.

Ein Plan für den Notfall

Dabei könnte die Gesundheitskarte eigentlich viel mehr. Ein Datensatz für den Notfall ist nach Testläufen in Münster seit Mitte April offiziell einsatzbereit. Er enthält unter anderem relevante Erkrankungen, Vormedikationen und Allergien und wird direkt im Chip auf der e-GK gespeichert. Zweifelsohne eine Erleichterung für Hausärzte, die fremde Patienten in Vertretung betreuen, und potentiell lebensrettend für Menschen mit Medikamentenallergien etwa: Ein anaphylaktischer Schock nach Antibiotika-Gabe ist ein schwerer Notfall. In Deutschland gibt es jährlich eine Viertelmillion Krankenhausbehandlungen aufgrund von unerwünschten Arzneimittelwirkungen. Beim neuen e-Medikationsplan, der ebenfalls auf der eGK gespeichert werden soll, werden dem Arzt gefährliche Medikamenteninteraktionen schon bei der Eingabe der Mittel angezeigt.

Fast zwanzig Jahre nach dem Lipobay-Skandal wäre damit Gerhard Schröders „Leuchtturmprojekt“ vollendet. Während seiner Regierungszeit wurden mehr als fünfzig Todesfälle mit dem Cholesterin-Senker Lipobay in Verbindung gebracht, der in Wechselwirkung mit anderen Medikamenten starke Organschäden anrichtete. Besonders unglücklich war, dass es keine genaue Dokumentation der verschriebenen Arzneimittel gab. Die daraus entstandenen Pläne gelten als Geburtsstunde des elektronischen Medikamentenplans und somit der eGK.

Cyberangriffe auf Gesundheitsdaten

Dreh- und Angelpunkt aller digitalen Neuerung ist jedoch die Sicherheit der Daten, auch wenn Gesundheitsminister Jens Spahn mit Aussagen wie „Datenschutz ist was für Gesunde“ unlängst provozierte. Gesundheitsdaten gelten als Goldgrube und stehen im Visier von Hackern weltweit. Das Gesundheitssystem war 2018 bislang der am meisten von Cyberangriffen attackierte Sektor der Vereinigten Staaten, noch vor Banken oder Versicherungen, berichtete die „Washington Post“ aktuell über eine Studie von mehreren unabhängigen Sicherheitsfirmen. IT-Experten halten Krankenhäuser für besonders anfällig, da sie häufig veraltete Software nutzen.

Das trifft auch für die Software zu, die im Nachbarland Österreich bei der elektronischen Patientenakte zum Einsatz kommt. Dort werden seit Anfang des Jahres die e-Medikation und die e-Akte in einem Bundesland nach dem anderen eingeführt. Doch der Fortschritt täuscht: „Das war eine unreife Banane“, sagt der Vorsitzende der österreichischen Ärztekammer Michael Heinrich. Die Patientenakte beispielsweise ähnele einem vollgerümpelten Dachboden. Nur würden hier statt Urlaubsfotos und der jüngsten Steuererklärung unzählige Röntgenbilder, Laborwerte und Arztbriefe in vergessenen Ordnern vergilben. Wie beim analogen Ausmisten gebe es keine Suchfunktion: Um etwas Bestimmtes zu finden, müsse in Sisyphusarbeit jeder Ordner und jedes pdf-Dokument geöffnet werden. „Ein Ding der Unmöglichkeit“, urteilt Heinrich. „Zum Datensammeln nützlich, für die Arbeit ungeeignet.“ Und das Entrümpeln bleibt an den Ärzten hängen. „Bürokratiesteigernd, zeitfressend und in der Praxis oft fehlerhaft“, fasst Heinrich das Feedback aus österreichischen Krankenhäusern zusammen.

Die Angst vor der drohenden Datenflut und der damit verbundenen Bürokratie ist unter deutschen Ärzten ebenfalls verbreitet. Wer bleibt Herr über diesen Wust an Informationen, bei über einer Milliarde Arzt-Patient-Kontakten jährlich allein im niedergelassenen Bereich und unter akribischem Dokumentationszwang? Achtzig Prozent der deutschen Ärzte unterstützen nach einer Umfrage der „Ärztezeitung“ und der DAK die elektronische Patientenakte dennoch. Wann sie endgültig kommt, steht aber immer noch nicht fest.

Quelle: F.A.S.
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