Fehlende Aufklärung beim Arzt

Der ahnungslose Patient

Von Lea-Melissa Vehling
 - 20:35

Vor einem ärztlichen Eingriff steht Patienten von Rechts wegen eine Aufklärung über ihre Erkrankung und Behandlungsoptionen zu. Spätestens seit dem 2013 erlassenen Gesetz zur Verbesserung der Rechte von Patientinnen und Patienten sind Ärzte gesetzlich zu einer umfassenden Information ihres Patienten verpflichtet. So heißt es in Paragraph 630e des Gesetzes: „Bei der Aufklärung ist auch auf Alternativen zur Maßnahme hinzuweisen, wenn mehrere medizinisch gleichermaßen indizierte und übliche Methoden zu wesentlich unterschiedlichen Belastungen, Risiken oder Heilungschancen führen können.“ Der Gesetzestext verpflichtet Mediziner außerdem zur umfassenden Aufklärung über Diagnose, Therapieverlauf und Heilungschancen.

Wie eine soeben im „Deutschen Ärzteblatt“ erschienene Studie zeigt, werden die Vorgaben zur Patientenaufklärung de facto nicht umgesetzt. Die Forschergruppe aus Gesundheits- und Pflegewissenschaft untersuchte stichprobenartig 37 verschiedene Arten von deutschen Aufklärungsbögen. Das Ergebnis: Derzeitig verwendete Formulare ermöglichen Patienten keine vollkommen bewusste Entscheidung über ihre ärztliche Behandlung.

So fehlte in knapp einem Drittel der Dokumente die Absicherung, dass der Patient die Informationen tatsächlich verstanden hat. In nur elf Prozent der analysierten Aufklärungsbögen stand die Option des Abwartens zur Debatte und kein Bogen verwies auf weitere Informationsquellen für den Patienten. Ingrid Mühlhauser, die Leiterin der Studie, bemängelt, dass die Entscheidung zur Behandlungsmethode bei Unterzeichnung des Aufklärungsbogens meist schon gefallen sei. Dabei solle der Entscheidungsprozess doch mit der Information über Diagnose und Behandlung anfangen, nicht etwa damit enden: „Die derzeitigen Aufklärungsbögen dienen nicht der Information des Patienten, sondern schlicht der juristischen Absicherung der Ärzte“, so Mühlhauser.

Mangelhafte Aufklärung weltweit

Auch vorausgehende internationale Studien zur Qualität der Aufklärung vor medizinischen Eingriffen schätzten das Infomaterial als zu schwer lesbar, in der Risikoaufzählung unvollständig und unverständlich ein – die Ergebnisse überschneiden sich weltweit. Mühlhauser sieht den Grund dafür in einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen. Sowohl Ärzte als auch Patienten seien mit einer klaren Rollenhierarchie sozialisiert: „Der Arzt weiß, was richtig ist und der Patient verlässt sich darauf.“

Doch das Bild vom allwissenden Doktor und gläubigen Patienten entspricht nicht mehr dem Geist unserer Zeit. In der Generation Internet ist es einfach, sich Informationen zu verschaffen – was fehlt, ist eine medizinisch umfassende professionelle Einschätzung nach Einzelfall. Laut Einschätzung der Studie liegt das auch an den allgemein gehaltenen Abfrageformularen, die nur wenig Raum zur individuellen Aufklärung geben.

Recht auf Alternativen fällt unter den Tisch

Die Zeit von Ärzten ist begrenzt, für ausführliche Beratungsgespräche bleiben kaum Kapazitäten. Auch das ist laut Mühlhauser ein Grund für die mangelhafte Information von Patienten: „Wenn es ausführliches, strukturiertes Infomaterial gäbe, könnten die Ärzte Zeit einsparen. Das würde sicherlich auch die ein oder andere unnötige Operation abwenden – das spart Geld. Geld, das für eine bessere Aufklärung eingesetzt werden kann“, erklärt die Gesundheitswissenschaftlerin. Bislang sei der Nutzen von Informationsbögen für die Patienten gering, das Risiko groß. Das Recht und die Möglichkeit, verschiedene Therapieoptionen zu erwägen, fallen unter den Tisch.

Einen Konzept-Entwurf zur verbesserten Patientenaufklärung gibt es laut Mühlhauser schon. Doch bislang fehle es an finanzieller Förderung und Ausarbeitung. „Ziel sind Qualitätskriterien, die am Ende der Aufklärungsphase überprüfen und dokumentieren, ob der Patient wirklich weiß, worauf er sich einlässt“, so die Gesundheitswissenschaftlerin.

Quelle: FAZ.NET
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