Gebärmutterhalskrebs

Ein Schatten über der Krebsimpfung

Von Hildegard Kaulen
 - 15:39

Auf die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs ist ein Schatten gefallen. Der Grund sind zwei Todesfälle in zeitlicher Nähe zur Impfung. Der eine ereignete sich im vergangenen Sommer in Deutschland, der andere im Oktober in Österreich. Die 19 Jahre alte Österreicherin starb drei Wochen nach der ersten Spritze, die Deutsche - sie war 18 - wenige Stunden nach der zweiten. Die erste der drei für den Impfschutz notwendigen Impfungen hatte sie gut vertragen. In beiden Fällen war das seit September 2006 in der Europäischen Union zugelassene Gardasil von Sanofi Pasteur MSD verwendet worden.

Den Fall der Österreicherin machten ihre Eltern vor Weihnachten in einem offenen Brief im Internet publik. Den der Deutschen veröffentlichte das für die Zulassung und Sicherheitsbewertung von Impfstoffen zuständige Paul-Ehrlich-Institut in Langen im Januar. Man habe, so der Institutspräsident Johannes Löwer, noch weitere Untersuchungen abwarten wollen, bevor der Todesfall in der im Internet zugänglichen Datenbank aller Impfnebenwirkungen aufgeführt werden sollte.

Ein plötzlicher ungeklärter Tod

Seit der Veröffentlichung der Vorkommnisse wird heftig darüber gestritten, ob die Impfung mit Gardasil der Grund für den Tod der beiden Frauen war. Die Obduktion legt keinen ursächlichen Zusammenhang nahe, kann ihn allerdings auch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit ausschließen. Die mit dem Fall der Österreicherin betraute Staatsanwaltschaft in Wien hat das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung in der vergangenen Woche eingestellt. Beide Fälle gelten als "plötzlicher ungeklärter Tod".

Weil die tragischen Ereignisse in zeitlicher Nähe zur Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs stehen und damit Verdachtsfälle einer Nebenwirkung sind, hat das Paul-Ehrlich-Institut im Fall der jungen Deutschen eigene, über die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft hinausgehende Analysen in Auftrag gegeben. Deren Ergebnisse stehen zum Teil noch aus. Man habe, so Löwer, zunächst an eine Herzmuskelentzündung als Todesursache gedacht, aber keine Hinweise auf eine solche Erkrankung finden können. Auch eine Vergiftung sei auszuschließen. Auffällig sei lediglich eine örtlich begrenzte Schilddrüsenentzündung gewesen, der man noch weiter nachgehe. Es habe auch keinen Hinweis auf eine von der Impfung ausgelöste Hirnentzündung oder eine Autoimmunreaktion gegeben.

Der Blick in die Statistik

Aufgrund der Sachlage muss man nach Ansicht von Löwer ein zufälliges Zusammentreffen zweier unabhängiger Ereignisse in Betracht ziehen. Ob eine solche Koinzidenz möglich sei, könne nur der Blick auf die Statistik zeigen. Das Statistische Bundesamt liste für das Jahr 2006 insgesamt 58 Todesfälle mit unklarer Ursache in der Altersgruppe zwischen 15 und 20 Jahren auf. Darunter befänden sich 22 Todesfälle von Frauen. Insgesamt gebe es in Deutschland 2,32 Millionen Frauen in dieser Altersgruppe. 700 000 seien seit der Markteinführung von Gardasil im Oktober 2006 gegen Gebärmutterhalskrebs geimpft worden. Angesichts der Tatsache, dass damit inzwischen ein Drittel dieser Altersgruppe immunisiert worden sei, komme ein plötzlicher ungeklärter Tod in zeitlicher Nähe zu der Impfung durchaus als Erklärung in Frage.

Auch der Blick auf die Situation in den Vereinigten Staaten ist bei der Spurensuche wenig hilfreich. Dort sind bisher 22 Todesfälle in zeitlicher Nähe zur Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs gemeldet worden. Allerdings ist die Qualität dieser Meldungen nicht mit der in Deutschland zu vergleichen. In den Vereinigten Staaten darf Löwer zufolge jeder einen Verdachtsfall melden, nicht nur der Arzt und der pharmazeutische Hersteller. Viele dieser Berichte seien deshalb nicht zu beurteilen und im Grunde Gerüchte. Das Center for Disease Control habe drei Todesfälle näher untersucht. Bei jedem gebe es Hinweise auf mögliche Ursachen. In einem Fall komme eine Herzerkrankung als Grund in Frage, in den beiden anderen Fällen die Einnahme der Pille. Dem Paul-Ehrlich-Institut sind außer dem Todesfall der Deutschen noch 189 weitere Verdachtsfälle von Nebenwirkungen nach der Impfung mit Gardasil gemeldet worden. Keines dieser anderen Ereignisse war indessen als schwerwiegend einzustufen.

Der Nutzen überwiegt das Risiko

Im Zusammenhang mit dem Tod der beiden Frauen wurde auch der Vorwurf laut, die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs sei vorschnell und ohne sorgfältige Beurteilung der Studienergebnisse zugelassen worden. Dies weist Löwer zurück. Der Ausschuss Humanarzneimittel der Europäischen Arzneimittelagentur in London, dem auch Vertreter des Paul-Ehrlich-Instituts angehören, habe im Falle des Gardasils die Originaldaten von vier Studien mit insgesamt 20 000 Frauen geprüft. 3000 davon seien Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren gewesen, also die Altersgruppe, für die die Impfung von der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut in Berlin empfohlen worden sei. Der Ausschuss sei zu dem Ergebnis gekommen, dass der Nutzen der Impfung das Risiko überwiege.

In Deutschland erkranken jährlich 6500 Frauen neu an Gebärmutterhalskrebs. Knapp 2000 sterben daran. Der Impfstoff schützt vor siebzig Prozent der Erkrankungen, wenn vor dem ersten Kontakt mit den Viren geimpft wird. Auch die Europäische Arzneimittelagentur sieht im Falle des Gardasils derzeit keinen Handlungsbedarf. Auf der Internetseite heißt es, auf der Basis der bisher verfügbaren Evidenz sei das Emea-Komitee für Medizinprodukte für den Gebrauch am Menschen zu der Ansicht gekommen, dass der Nutzen von Gardasil weiterhin das Risiko überwiege und keine Änderungen bei den Produktinformationen notwendig seien. Die Emea werde weiter fortfahren, die Sicherheit von Gardasil genau zu überwachen, und angemessene Schritte einleiten, sobald Informationen auftauchten, die Auswirkungen auf das Nutzen-Risiko-Profil von Gardasil hätten.

Quelle: hka / F.A.Z., 06.02.2008
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