Geschmacksverirrungen

Ist es der Gaumen, ist es das Hirn?

Von Joachim Müller-Jung
 - 10:29

Behaupten Sie niemals, Sie machen keine Kompromisse, wenn es um Ihren guten Geschmack geht. Wohlgemerkt: Es geht um das, was wir beim Essen und Trinken wahrnehmen. Die Geschmackspäpste müssen wir hier ausnehmen, sie sind ex officio unfehlbar. Für uns anderen aber gilt die gustatorische Erkenntnis, die auch außerhalb der Heimat des französischen Revolutionärs Jean-Jacques Rousseau einen beachtlichen Wahrheitsgehalt besitzt: Der Geschmack ist allen Menschen natürlich, leider haben sie ihn nicht alle in dem gleichen Maße. Deshalb empfehlen die Päpste gerne, den Geschmack aufs Intensivste zu kultivieren. Geschmacksschulen sind der Hit.

Wenn es gemütlich wird in diesen Schulen, beim Digestif, kann man da zum Beispiel lernen, dass der Whisky vor der Verköstigung mit ein paar Tröpfchen Wasser im Glas geschmacklich unheimlich dazu gewinnt. Das ist nicht etwa schottischer oder irischer Unsinn, den die mittelalterlichen Mönche bei der ersten Kultivierung ihres „Lebenswassers“ als Fake News unters Volk gebracht hatten, sondern Erfahrungswissen reinsten Wassers. Chemikalientechnisch abgesichert. Es stimmt: Der teuerste Whiskygeschmack lässt sich mit billigem Wasser noch steigern. Prost Mahlzeit, sagt der Feinschmecker. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass guter Geschmack grundsätzlich billig zu haben ist. Normalerweise verhält es sich genau umgekehrt: Je teurer, desto besser schmeckt es. Ganz besonders evident ist das beim Wein. Der gleiche Wein schmeckt besser, wenn er mit einem höheren Preis ausgezeichnet wird.

Der böse Marketing-Placeboeffekt

Dieser Marketing-Placeboeffekt spielt sich im Hirn ab und ist im Alltag praktisch unhintergehbar, das haben uns jetzt Wissenschaftler der Universität Bonn und der „Insead Business School“ mit der experimentellen Verkostung eines französischen Rotweins im Hirnscanner der Uni klargemacht. Obwohl jeweils derselbe Wein verkostet wurde, wollten die dreißig jungen Frauen und Männer in der Röhre die Weinprobe mit dem höheren Preis klar als den geschmacklich überlegeneren erkannt haben. In den Hirnaufnahmen, die im Magazin „Scientific Reports“ zu sehen sind, lässt sich die Quelle dieser Täuschung leicht ausmachen. Das Belohnungs- und Motivationszentrum in den Tiefen des Gehirns wird bei dem Preisschild mit dem höheren Betrag stärker aktiviert. Es spiegelt damit wider, was uns von Kindesbeinen an und später von den Klamottenvermarktern bis Autoherstellern ständig eingetrichtert wird: Qualität hat ihren Preis. Beim Placeboeffekt spielt uns das Gehirn infolgedessen einen gewaltigen Streich.

Die spannende Frage, das meinen nun auch der Bonner Neurologe Bernd Weber und sein Team, ist, ob wir den Marketing-Placeboeffekt und damit die Vorurteile ausschalten können, indem wir den Geschmack stärker schulen. Es muss uns um den objektiven, von Vorurteilen ungetrübten Geschmack gehen. Um den perfekten Geschmack. Den der Geschmackspäpste also. Blöd nur, dass eine der festen Grundregeln in den Geschmacksschulen der Nation lautet: Qualität hat ihren Preis. Wie heißt es doch so schön: Weg mit den Vorurteilen. Wir brauchen Platz für neue.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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