Melatonin

Zum Einschlafen

Von Johanna Kuroczik
 - 15:53

Langstreckenflüge, Smartphones, Stress im Job – der moderne Lebensstil macht den Deutschen zu schaffen. Schon 2005 klagte jeder Vierte über Schlafprobleme. Folgt man einem Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK, ist die Zahl der schlafgestörten Berufstätigen in den vergangenen acht Jahren um 66 Prozent gestiegen. „Unsere Biologie wird nicht so schnell modern wie der Mensch“, meint Thomas Penzel, wissenschaftlicher Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums der Berliner Charité. Viele der Betroffenen nutzen Einschlafhilfen. Von Apps über Podcasts ist das Angebot breitgefächert. Und jeder Zweite hilft beim Einschlafen mit Mitteln aus der Apotheke oder dem Drogeriemarkt nach. Eines davon ist das Hormon Melatonin.

In den Vereinigten Staaten wurde es in den neunziger Jahren bereits als Wundermittel gefeiert. Nicht nur als Einschlafhilfe, sondern auch als Quelle ewiger Jugend. Melatonin sollte nicht nur krebsheilend sein, sondern versprach sogar volleres Haar und besseren Sex. Doch dann wurden Mängel an den Tierversuchen der Studien entdeckt, die das belegen sollten. Melatonin geriet in Misskredit. Aber nur vorübergehend. Mehr als drei Millionen Amerikaner nehmen es inzwischen regelmäßig.

Melatonin, das sensible Dunkelhormon

Melatonin wird im Gehirn in der Zirbeldrüse aus dem Botenstoff Serotonin gebildet und steuert den menschlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Bei Dunkelheit wird es ausgeschüttet und induziert den Schlaf. Nachts steigt die Konzentration enorm. Auch im Winter, wenn es draußen düster ist, erhöht sich der Melatoninspiegel im Blut. Das kann für Abgeschlagenheit sorgen. Mit dem Alter nimmt die Konzentration des Hormons dann ab. Konkrete Richtwerte wie beim Blutzucker sind noch nicht erforscht, weswegen ein Mangel oder Überschuss kaum feststellbar ist.

In Deutschland ist Melatonin als Medikament unter dem Handelsnamen Circadin in der Dosierung von zwei Milligramm seit 2008 auf dem Markt. Anders als jenseits des Atlantiks ist es hierzulande kein absoluter Verkaufsschlager. 2017 wurden in Deutschland knapp drei Millionen Packungen Circadin verschrieben. Von den etablierten Schlafmedikamenten, den sogenannten Z-Präparaten wie Zolpidem und Zopiclon, waren es dreiundzwanzig Mal mehr. Zugelassen ist es derzeit nur für die Behandlung von Patienten, die über 55 Jahre alt sind und unter Schlafproblemen leiden. Auch gegen den Jetlag bei Fernreisen kann es verordnet werden.

Im Schlaf auf Hochtouren

Hält das Medikament, was es verspricht? An Forschung zu dieser Frage hat es nicht gefehlt. „Melatonin ist sicher eine der am meisten untersuchten Substanzen“, sagt Dieter Kunz, Chefarzt der Abteilung für Schlaf- und Chronomedizin am Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus. Über Melatonins Hauptfunktion als Taktgeber der inneren Uhr gibt es in seinen Augen dennoch nur wenig Daten. Eine jüngst erschienene Studie des Neurowissenschaftlers Makesh Thakkar von der University of Missouri untermauert dennoch den schlaffördernden Effekt des Hormons. Als Medikament verabreicht, beeinflusst es im Gegensatz zu anderen Präparaten nicht den Schlaf an sich, sondern das zirkadiane System, also den 24-Stunden-Takt des Gehirns. „Melatonin normalisiert den Schlafrhythmus und stärkt die qualitativen Aspekte des Schlafs“, erläutert Kunz.

Im Schlaf schaltet das menschliche Gehirn keineswegs ab, sondern arbeitet normalerweise auf Hochtouren. Was am Tag gelernt wurde, wird dabei verfestigt. Kunz drückt es so aus: „Nachts lernt Messi Fußball spielen.“ Diese Vorgänge werden von anderen Schlafmitteln häufig unterdrückt. Man schläft dann zwar länger, fühlt sich aber am Morgen wie gerädert. Auch im Zusammenhang mit Melatonin berichten manche Patienten von Abgeschlagenheit, Schwindel und Übelkeit. Doch während das bei anderen Schlafmitteln fast zwangsläufig dazugehört, hängt beim Melatonin alles vom Zeitpunkt der Einnahme ab. Der muss jeden Tag haargenau der gleiche sein und liegt am besten zwischen 22 und 23 Uhr. Kunz vergleicht das mit einer Kinderschaukel, die, zum falschen Punkt angeschubst, völlig aus dem Takt gerät. Bei Schlafmitteln wie den Z-Präparaten ist das anders, sie lassen unabhängig vom Einnahmezeitpunkt fast alle, auch Gesunde, schneller und länger schlafen. Melatonin dagegen wirkt auf natürlichere Weise und sanfter, deshalb ist es zur Behandlung schwerer Schlafstörungen auch nicht zugelassen.

In jeder Zelle tickt die Uhr

Dass wir von einer inneren Uhr gesteuert werden, steht seit längerem fest. Für die Entschlüsselung der genetischen Ebene dieses Prozesses erhielten die amerikanischen Wissenschaftler Jeffrey Hall, Michael Rosbash und Michael Young 2017 den Nobelpreis. Der entsprechende Forschungszweig ist die Chronobiologie, nach „Chronos“, dem griechischen Wort für Zeit. Nicht nur das Gehirn, sondern jeder Teil des menschlichen Körpers unterliegt einem 24-Stunden-Rhythmus. Kommt dieser Rhythmus durch äußere Umstände wie beim Jetlag durcheinander, gerät auch die innere Uhr kurzzeitig aus dem Takt. Der Organismus ist verwirrt und braucht eine Weile, um sich an die neuen Lichtverhältnisse anzupassen. Melatonin kann dann helfen, den Transatlantikflug besser zu verkraften.

In den Vereinigten Staaten kann man Melatonin wie Kaugummi in jeder Drogerie kaufen. In Deutschland gelten allerdings strengere Vorschriften. Als Nahrungsergänzungsmittel, das nur wenig Wirkstoff enthalten darf, steht Melatonin zwar auch in deutschen Drogerieregalen, rechtlich ist es hierzulande aber ein verschreibungspflichtiges Medikament. Dieter Kunz hält das für richtig: „Es wird eingesetzt, um Störungen zu beeinflussen, und man sollte schon wissen, was man tut.“

Von Kühen und Kirschen

Die Kühe des brandenburgischen Milchhofs Kolochau wissen das selbstverständlich nicht. Anders als der Großteil ihrer Artgenossinnen, die ihr Dasein Tag und Nacht in Ställen unter Neonröhren fristen, grasen sie tagsüber an der Sonne. Das fördert auch bei ihnen die Melatoninproduktion. Nachts werden sie gemolken, dann enthält ihre Milch besonders viel des Dunkelhormons. Als gefriergetrocknetes Milchpulver vertreibt es die Münchner Firma „Nachtkristalle“ seit 2010 als Einschlafhilfe. So bewerben dürfte sie es nicht direkt, das verbietet die Rechtslage. Zudem fehlen Studien, welche die Wirksamkeit belegen. „Die können sich viele nicht leisten“, räumt Thomas Penzel von der Charité ein.

Auch in der Berliner Szene kennt man das Problem. Seit Sommer 2017 vertreibt hier das Start-up-Unternehmen „Sleep.Ink“ einen „natürlichen Schlafdrink“, dessen Basis Sauerkirschsaft ist und neben Melatonin auch allerlei andere Stoffe wie Hopfen enthält. Der Gründer Malte Laff hält die Rechtslage hierzu für veraltet: „Schließlich gibt es viele Lebensmittel, die Melatonin enthalten.“ Die brandenburgische „Nachtmilch“ enthält deutlich mehr natürliches Melatonin als herkömmliche Milch. Doch auch in Pistazien, Bananen oder Gurken findet sich das Dunkelhormon, allerdings nur in geringen Mengen. „Mindestens hundert Kilo Bananen müsste man essen, um auf eine Tablette Circadin zu kommen“, schätzt Dieter Kunz.

Ronaldo darf nicht ausschlafen

„Gesunde Menschen brauchen das gar nicht“, urteilt der Schlafmediziner Thomas Penzel. Doch ab wann sind Schlafprobleme eine Erkrankung? Ist eine Stunde Herumwälzen vor dem Einschlafen noch normal? „Viele Patienten wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen“, sagt Gerhard Klösch, Neurologe an der Universitätsklinik Wien und Leiter des Zertifikatskurses „Schlaf Coaching“. In drei Semestern werden dort Schlaftheorie, schlafbezogene Krankheitsbilder, Entspannungs- und Hypnosetechniken gelehrt.

Dass immer mehr Menschen über Schlafstörungen klagen, erklärt sich Klösch zum einen durch die vermehrte Aufmerksamkeit, die das Thema Schlaf derzeit in den Medien genießt. Und zum anderen durch unsere „24-Stunden-Gesellschaft“, die im ständigen Selbstoptimierungswahn auch vor kuriosen Techniken wie dem „Sleep-Hacking“ nicht haltmacht. Dabei wird die Kernschlafzeit auf wenige Stunden reduziert, manche lassen sie sogar ganz weg. Im Laufe des Tages sollen dann „Power Naps“ helfen, das Mittagstief zu überwinden. Der Fußballstar Cristiano Ronaldo beispielsweise soll nach Auskunft seines persönlichen Schlafcoaches nicht mehr als neunzig Minuten am Stück schlafen.

Quelle: F.A.S.
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