FAZ plus ArtikelFrühkindliche Entwicklung

Wann Hirnschäden besonders gefährlich sind

Von Ingeborg Sofie Krägeloh-Mann
 - 15:22

„Ihr Kind hat wahrscheinlich eine Gehirnschädigung erlitten“, eine schlimmere Nachricht kann man werdenden Eltern kaum überbringen. Eine solche Situation kann entstehen nach einer Sauerstoffmangelsituation unter der Geburt, einer Komplikation bei einem Frühgeborenen oder wenn die Ultraschalluntersuchung schon vor oder auch nach der Geburt Auffälligkeiten gezeigt hat, die auf eine Gehirnschädigung hinweisen. Die angstvollen Fragen betreffen natürlich die Zukunft des Kindes: Was bedeutet das für die Entwicklung, kann das unreife Gehirn das vielleicht ausgleichen? Um darauf Antworten zu finden, muss man sich mit der Gehirnentwicklung beschäftigen.

Das menschliche Gehirn ist das komplexeste Organ unseres Körpers und hat die längste Entwicklung zu durchlaufen. Sie ist mit der Geburt noch keineswegs abgeschlossen, sondern reicht weit in die Adoleszenz hinein. In der ersten Hälfte der Schwangerschaft etabliert sich die Grobarchitektur des Gehirns. Zellen des äußeren Keimblatts, die zukünftigen Nervenzellen, vermehren sich und wandern von der Mittellinie aus in die zukünftige Gehirnrinde. Dieser Prozess der Organisation der Gehirnrinde dauert bis in die zweite Hälfte der Schwangerschaft. Hier beginnt parallel schon der feinarchitektonische Aufbau des Gehirns: Nervenendigungen sprossen aus, deren Verbindungen (Synapsen) bilden sich, und die Myelinisierung beginnt. Dieser Prozess bestimmt ganz wesentlich die Kindheit und auch noch die Adoleszenz. Die Natur hat dabei große Sicherheitsreserven eingebaut: Das synaptische Wachstum erfolgt in großer Redundanz, nur ein Teil der Synapsen wird schlussendlich beibehalten, und zwar diejenigen, die durch Funktion, sozusagen durch Inbetriebnahme, stabilisiert werden.

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Die Vortragsreihe

Angelehnt an unsere frühere Serie zur Hirnforschung, die auf eine Kooperation der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und dieser Zeitung zurückgeht, werden in einer neuen Reihe „Hirnerkrankungen – wo stehen wir?“ renommierte Neurowissenschaftler ausgewählte Erkrankungen des Gehirns erklären. Es geht darum, die Historie und Präventionsmöglichkeiten sowie den Stand der Forschung zu Ursachen und Therapiemöglichkeiten kritisch zu beleuchten. Auch ein Ausblick in die Zukunft soll gewagt werden. Die mehr als ein Dutzend Vorträge werden zum Teil in Frankfurt stattfinden (zusammen mit der Goethe-Universität), zum Teil in vorhandene Veranstaltungsformate deutschlandweiter Kooperationspartner eingebunden. Die Veranstaltungen sind kostenfrei zugänglich. Die Artikel zum Vortrag publizieren wir an dieser Stelle und auf unserer Internetseite: www.faz.net/wissen

Prof. Dr. Ingeborg Krägeloh-Mann

Die Autorin ist seit 1997 ärztliche Direktorin der Abteilung Neuropädiatrie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Tübingen. Zwischen 2004 und 2010 war sie geschäftsführende Direktorin. Seit 2015 gehört sie dem Kuratorium des Hertie-Instituts in Tübingen an. Ihr Forschungsschwerpunkt sind Auswirkungen und Schädigungen des kindlichen Gehirns, die vor oder während der Geburt oder durch genetische Veränderungen entstehe sowie die metachromatische Leukodystrophie. Seit 2018 ist sie Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

Quelle: F.A.Z.
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