Gefährlicher Freizeitspaß

Bloß kein Salto mortale

Von Andreas Frey
 - 10:00

Jon weiß noch, wie er mit seiner großen Schwester auf dem Trampolin im Garten herumgehüpft ist. Sie in der Mitte, er am Rand. Dann sei alles sehr schnell gegangen, erzählt er auf der Terrasse seines Elternhauses in Au bei Freiburg. Die Schwester landete, Jon wurde hochkatapultiert. „Ungefähr einen Meter hoch.“ Er versuchte noch, kontrolliert zu landen, aber da war es schon passiert: Der Vierjährige kam schräg auf und brach sich das linke Bein. Glatte Fraktur des Wadenbeins. Die Folge: vier Wochen Gips. Und das mitten im Sommer.

Solche Verletzungen sind typisch für den Trendsport Trampolin, der gerade ganz Deutschland erobert. Kaum ist das Frühjahr angebrochen, schwärmen die Kinder wieder in die Gärten, toben sich auf dem Sprungtuch aus, üben Überschläge, schlagen Salti, hüpfen, bis der Arzt kommt.

Ursprünglich kommt das Trampolin aus der Artistik. Dort erfüllte es den ewigen Menschheitstraum vom Fliegen, wenn auch nur für einen Augenblick. Angeblich gab es im Mittelalter einen französischen Luftakrobaten namens Du Trampolin, der auf Sprungbrettern Zirkuskunststücke vorführte und ein Netz aus Tierhäuten zu einem Sprungtuch umgebaut haben soll. Vorformen des Trampolins gab es aber bereits in der Antike. So finden sich Hinweise auf gefährliche Sprungkunststücke im alten Kreta, 1500 Jahre vor Christus. Akrobaten sollen heranstürmende Stiere an den Hörnern gepackt haben, um sich durch die Luft schleudern zu lassen.

Eine Zirkusnummer war es schließlich, die den amerikanischen Turner und Tüftler George Nissen (1914 bis 2010) in den dreißiger Jahren dazu inspirierte, den Prototypen des modernen Trampolins zu bauen. 1937 wurde es fertiggestellt, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich daraus ein Massenmarkt. Für die Verbreitung seiner Sprunggeräte war Nissen keine Aktion zu verrückt: Er sprang im Central Park mit einem Känguru um die Wette, hüpfte auf einer Pyramide in Ägypten herum und setzte sich zeitlebens dafür ein, dass sein Sport olympisch wurde. In Sydney im Jahr 2000 wurde sein Wunsch erfüllt.

Das Trampolin ist ein Verletzungskatalysator

Was die Profis auf dem Gerät vorführen, findet seitdem immer mehr Nachahmer. Für Eltern ist es fast schon obligatorisch geworden, dass sie ihren Kindern irgendwann ein Trampolin hinstellen. Doch sie gehen damit kein geringes Risiko ein. Vergangene Woche meldete sich die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) in Berlin zu Wort. „Seitdem vielerorts große Trampoline in privaten Gärten stehen, steigt die Anzahl der Verletzungen“, hieß es in einer Pressemitteilung. Prellungen und Platzwunden seien die Folge, aber auch Gehirnerschütterungen und Knochenbrüche. Und nicht immer gehen die Unfälle glimpflich aus. Ärzte berichten von schweren Halswirbelverletzungen bei Kindern, vereinzelt sogar von Lähmungen.

Der Appell der Berliner Ärzte-Gesellschaft fällt deshalb eindeutig aus: Eltern, passt besser auf eure hüpfenden Kinder auf! Das Trampolin sei kein Spiel-, sondern ein Sportgerät. Kinder werden darauf meterhoch in die Luft geschleudert und erreichen hohe Sprunggeschwindigkeiten. Die Kräfte, die auf beim Aufprall wirken, werden aber häufig unterschätzt. Verletzungsgefährdet sind vor allem Kleinkinder, weil sie noch nicht über die notwendige Körperkontrolle verfügen.

„Babys und Kleinkinder bis sechs Jahre gehören einfach nicht auf ein Trampolin“, sagt der Unfallchirurg Christopher Spering vom Universitätsklinikum Göttingen, der bei der DGOU für die Prävention zuständig ist und immer wieder mit hässlichen Sprungverletzungen konfrontiert wird. Mit einem Einzugsgebiet von hundert Kilometern versorgt das Krankenhaus das flache Land um Göttingen und damit deutschlandweit mit die meisten Unfallpatienten. Dabei vergeht kaum ein Tag, an dem nicht wieder ein auf dem Trampolin verunglücktes Kind eingeliefert wird.

Ausgerenkte Ellbogen, gebrochene Unterarme – bis zu Halswirbelfrakturen

Warum sich die Fälle häufen, kann Spering regelmäßig aus der Luft beobachten, wenn er mit dem Rettungshubschrauber im Einsatz ist. Von oben sieht Spering die vielen Dörfer um Göttingen, hübsche Einfamilienhäuser, große Gärten und darin unzählige kreisrunde Objekte – die Trampoline. Mit jedem Sonderangebot im Discounter werden es mehr. Was Spering nicht sieht, ist der Hergang der Unfälle. Dafür kommen ihm die Folgen zu Gesicht: verdrehte Knie, ausgerenkte Ellbogen, gebrochene Unterarme, mitunter auch Distorsionen der Halswirbelsäule, das sogenannte Schleudertrauma. Das können sich die Kleinen schon zuziehen, wenn sie auf dem Sprungtuch schief aufkommen, sagt der Unfallarzt. Schließlich bedeutet jedes Hüpfen eine Stauchung der Wirbelsäule.

Es ist noch nicht lange her, da musste Spering einen jungen Patienten mit einer schweren Verdrehung der Halswirbelsäule versorgen. Das Kind war mit dem Gesicht neben dem Trampolin aufgeschlagen, hatte sich den Nacken überstreckt und zahlreiche Bänder gerissen; die Wirbel blieben glücklicherweise heil. Ähnlich viel Glück hatte im Mai auch ein 18-Jähriger, der beim Versuch eines Saltos ebenfalls aufs Gesicht stürzte und sich eine Berstungsfraktur eines Halswirbels zuzog, glücklicherweise aber keine Querschnittslähmung davontrug. Alkohol soll dabei im Spiel gewesen sein.

„Die Unfälle haben bei uns klar zugenommen“, sagt Christopher Spering. In den vergangenen 16 Jahren stieg die Zahl der Behandlungen um jährlich etwa fünf Prozent. Achtzig Kinder werden im Durchschnitt jeden Sommer mit schweren Verletzungen in die Göttinger Klinik eingeliefert.

Häufigste Unfallursache bei Ein- bis Sechsjährigen

Die Schwere der Verletzungen überrascht ihn immer wieder, denn eigentlich haben Kinder stabile Knochen. „Damit ein Schienbein bricht, müssen schon enorme Kräfte wirken“, sagt er. Einzig bei Kleinkindern seien die Knochen noch ziemlich fragil, weshalb er eben strikt davon abrät, die unter Sechsjährigen überhaupt aufs Trampolin zu lassen. In diesem Alter ist mit Verletzungen der zarten Wachstumsfugen nicht zu spaßen. Wie gefährdet Kleinkinder sind, belegt auch die aktuelle Unfallstatistik des Berliner Robert-Koch-Instituts. Bei den Ein- bis Sechsjährigen war das Trampolin im vergangenen Jahr die häufigste Unfallursache auf einem Freizeit- oder Sportgerät. Fast jeder zwanzigste Unfall passierte auf dem Sprungtuch. Wurden die Kinder älter, nahm die Zahl der Unfälle auf dem Trampolin zwar ab, blieb aber vergleichsweise hoch.

Unser Angebot für Erstwähler
Unser Angebot für Erstwähler

Lesen Sie 6 Monate die digitalen Ausgaben von F.A.Z. PLUS und F.A.Z. Woche für nur 5 Euro im Monat

Zum Angebot

Obwohl auf diese Weise jedes Jahr Zehntausende verunglücken, gibt es in Deutschland immer noch keine Übersichtsarbeit zu dem Thema. Die Forschung hält mit dem Boom nicht Schritt. Auch international ist die Studienlage dürftig. Eine der besseren Untersuchungen erschien vor fünf Jahren im Fachjournal Pediatrics. Darin warnen zwei Kinderärztinnen vor Verletzungen der Halswirbelsäule, bei mehr als jedem zehnten Unfall seien Hals und Kopf betroffen. Für die beiden Autorinnen kommt nur eine Konsequenz in Frage: Trampoline sind für den Freizeitgebrauch zu gefährlich. Zu diesem Schluss kamen ein Jahr später auch Mediziner der Indiana University, die im Journal of Pediatric Orthopedics fast 290.000 Verletzungen unter die Lupe genommen hatten. Studienleiter Randall Loder sammelte erstmals Daten aus mehreren Bundesstaaten. Sein Fazit fiel knapp und eindeutig aus: „Trampoline haben im Garten nichts zu suchen.“

Immer allein springen, nie gemeinsam

Eine der Studien hierzulande stammt aus dem oberbayerischen Murnau am Staffelsee. Dass sie in der Provinz erhoben wurde, erklärt sich durch die größere Garten- und damit Trampolindichte auf dem Land. In Oberbayern jedenfalls hat sich die Zahl der Sprungunfälle seit Beginn des neuen Jahrtausends mehr als verdreifacht. Fast ein Drittel der Kinder verletzte sich schwer, zog sich also Brüche oder Gelenksverrenkungen zu oder musste unters Messer. Zwei Jugendliche erlitten sogar Querschnittslähmungen und sitzen seither im Rollstuhl. Trampolinspringen müsse als Hochrisikosport eingestuft werden, schreiben die Murnauer Ärzte. In drei Viertel aller Fälle verunglückten die Kinder, wenn sie gemeinsam auf dem Trampolin hüpften. Die gefährlichsten Verletzungen traten auf, wenn die Kinder aus dem Trampolin herauskatapultiert wurden und auf den Boden stürzten.

Ob die Sprunggeräte mit Schutzvorrichtungen ausgestattet waren, machte dabei keinen Unterschied. Die Kinder verletzten sich ähnlich schwer, ob mit oder ohne Sicherheitsnetz. Unter Psychologen ist dieses Phänomen als Risikokompensation bekannt. Kinder, die annehmen, dass sie weich fallen, gehen höhere Risiken ein. Doch das Verletzungsrisiko lässt sich relativ einfach minimieren: Kinder sollten immer allein springen, nie gemeinsam. Sie sollten über genügend Körperspannung und Gleichgewichtssinn verfügen, genügend Pausen machen und keine Salti oder Doppelschrauben üben. Zudem sollten die Eltern das Sprungtuch regelmäßig warten und defekte Sicherheitsnetze austauschen. Auch Bälle oder anderes Spielzeug haben auf dem Sprungtuch nichts verloren.

Jons Unfall liegt mittlerweile vier Jahre zurück. Seine Mutter Silvia ist vorsichtiger geworden. „Seit dem Unfall achten wir darauf, dass die Großen nicht mehr mit den Kleinen hüpfen“, sagt sie. Das Trampolin im Garten abbauen wollte sie allerdings nicht. Denn grundsätzlich findet sie es gut, dass ihre fünf Kinder Sport treiben, anstatt stundenlang auf dem Smartphone herumzudaddeln.

In der Tat kennen sogar Orthopäden gute Gründe, warum man das Trampolinspringen nicht in Bausch und Bogen verteufeln sollte. Hüpfen stärkt die Stütz- und Skelettmuskulatur, steigert die körperliche wie geistige Ausdauer und verbessert Konzentration, Gleichgewichtssinn und Koordination. Zudem wird das Gerät seit Jahrzehnten erfolgreich in der Therapie bei Gelenkserkrankungen, Osteoporose oder Rücken- und Bandscheibenproblemen eingesetzt.

Der neueste Freizeitspaß sind große Trampolinhallen

Aber die Entwicklung geht in eine andere Richtung. Inzwischen haben in zahlreichen Orten in Deutschland große Trampolinhallen eröffnet. Sie heißen Jump House, Air Hop, Superfly und stehen meist in grauen Gewerbegebieten am Rande der Stadt. Fast monatlich macht eine neue Halle auf. Dieser Trend war 2004 in Las Vegas ausgebrochen, als der Amerikaner Rick Platt den ersten Trampolinpark der Welt eröffnete. Heute gibt es in den Vereinigten Staaten etwa vierhundert Hallen, in Europa sind es rund die Hälfte. So kommen auch die Stadtkinder ans Hüpfen.

Und nicht nur die. Auch der dreißigjährige Max S., der seinen vollständigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, weil ihm das Ganze im Nachhinein peinlich ist, wollte sich kürzlich noch einmal wie ein Kind fühlen. Das Jump House in Köln-Ossendorf schien ihm dafür der passende Ort. Auf mehr als viertausend Quadratmetern kann man sich dort für zwölf Euro pro Stunde richtig austoben. Max S. dachte, Hüpfen sei kinderleicht. Er irrte. Als er mit voller Wucht gegen eine Sprungwand rannte, wurde er meterweit zurückgefedert und dann jäh gestoppt, als er mit dem Oberkörper gegen ein Podest knallte. Dabei vernahm er ein deutliches Knacksen und bekam es mit der Angst zu tun. Im nahegelegenen St. Franziskus-Hospital in Köln-Ehrenfeld empfing ihn die Ärztin schon ziemlich genervt mit den Worten: „Schon wieder einer aus dem Sprungpark.“ Immerhin ging es in diesem Fall noch glimpflich aus: Die Untersuchung ergab bloß eine starke Stauchung der Wirbelsäule.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandGöttingenRKI