Krebsverdacht bei E-Zigaretten

Schwerer Dämpfer für die Dampfer

Von Joachim Müller-Jung
 - 16:22

Mit gutem Gewissen qualmen – in diesem Glauben wird der „moderne“ Raucher gerne gelassen, der sich selbst am liebsten als „Dampfer“ bezeichnet, weil er Glimmstängel ohne Tabak verheizt, und damit die schlimmsten Giftstoffe aus den klassischen Zigaretten vermeidet. Allmählich jedoch müssen auch diese Raucher ins Nachdenken kommen. Das Qualmen von E-Zigaretten und E-Pfeifen scheint tatsächlich jede Woche etwas weniger harmlos, als es die Hersteller weismachen wollen.

Der jüngste Schock: Das Nikotin, das in den an sich harmlosen Trägerflüssigkeiten Propylenglykol und Glycerin und einigen umstrittenen Chemikalien schwimmt, ist nicht nur Genuss- und Suchtmittel. Es wird im Körper entgegen der weit verbreiteten Meinung möglicherweise doch zu schädlichen Abbauprodukten umgewandelt. Zu solchen, die offenbar das Erbgut in den Zellen verändern können. Und zwar ziemlich exakt so, wie man das von den DNA-Veränderungen in Versuchen mit klassischen Zigaretten kennt – Mutationen also, die nachweislich die Wahrscheinlichkeit von Krebs erhöhen.

Ein Bruchteil der Giftstoffe, aber!

Das sind in der Tat alles andere als erfreuliche Befunde, über die amerikanische Umweltmediziner der New York University School of Medicine jetzt in den „Proceedings“ der amerikanischen Akademie der Wissenschaften berichten. Sie reihen sich damit ein in eine Reihe von jüngeren Forschungsergebnissen, die zum großen Teil die anfangs kursierenden positiven Einschätzungen über den Nutzen elektrisch beheizter Glimmstängel relativieren.

Zunächst klangen die Argumente pro E-Zigarette schlagend, als die ersten elektrischen Glimmstängel vor nicht einmal anderthalb Jahrzehnten auf den Markt kamen. Anstelle der mehr als siebentausend oft unvollständig verbrannten Chemikalien aus dem Tabak, die fast sämtlich im Körper eines Rauchers landen, fand man im elektrisch erzeugten Dampf der elektrischen Zigaretten nur ein Bruchteil dieser Chemikalienvielfalt. Vor allem aber fehlten die Dutzenden von Substanzen, etwa polyzyklische Verbindungen wie PAK, aromatische Amine, Nitrosamine, Benzol oder Formaldehyd, die aus der Tabakverbrennung stammen und im Körper diverse erbgutschädigende Reaktionen auslösen – und damit das Krebsrisiko radikal anheben. E-Zigaretten schienen der perfekte Tabakersatz: Nikotingenuss ohne Reue. Tatsächlich sind die Gesundheitsgefahren durch batteriebetriebenen Nikotinspender, verglichen mit Tabakqualm, sehr viel kleiner. Ein großes Aber blieb jedoch. Die Wissenslücken sind jedenfalls erheblich.

E-Zigaretten eine sichere Option?

Es waren ebenfalls Mediziner aus New Yorker, die in einer erst vor zwei Wochen veröffentlichten großen Übersichtsarbeit im „Annual Review of Public Health“ feststellten, dass E-Zigaretten weniger schaden und „die sichere Option im Vergleich mit dem normalen Rauchen sind“. Das klang fast wie aus dem Prospekt der Tabakindustrie, die mittlerweile im großen Stil in das „Dampfer“-Business eingestiegen sind und Milliarden Dollar investiert hat. Ein nach wie vor rasant wachsendes Geschäft: Zwischen anderthalb und dreieinhalb Millionen E-Zigaretten-Konsumenten, je nach Statistik, soll es inzwischen in Deutschland geben. Die Umsätze steigen jährlich im zweistelligen Millionenbereich.

Den einen oder anderen Dämpfer gab es freilich längst – vor allem viele heftige Kontroversen: Die drehten sich um Fragen wie die etwa, ob E-Zigaretten wirklich zur Entwöhnung taugen oder – für die Branche wie die Medizin noch wichtiger – ob mit den Elektroglimmern immer mehr junge Nichtraucher zum Qualmen und damit zur Nikotinsucht verleitet werden können, E-Zigaretten quasi als Einstiegsdroge fürs Tabakrauchen?

Umfangreiche Akademie-Bestandsaufnahme

Vor wenigen Tagen war in einem Bericht der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Washington zu lesen, mit 800 ausgewerteten Studien die bisher umfangreichste Bestandsaufnahme zum Thema überhaupt, dass sich zumindest im Hinblick auf die Einstiegsfrage klare Tendenzen abzeichnen, ja, die Beweislage spreche „erheblich dafür“: Immer mehr junge und ältere Erwachsen probieren den Nikotingenuss mit E-Zigaretten aus und steigen dann auf klassische Tabakprodukte um. Die Zuwächse am E-Zigarettenmarkt sprechen ebenfalls Bände. Und ja, das Suchtpotential sei ähnlich. Ja aber auch, schreibt die interdisziplinär besetzte Fachgruppe der Wissenschaftsakademie, die „Dampfer“ nehmen deutlich weniger Schadstoffe auf als die Raucher herkömmlicher Zigaretten. Also doch harmlos? In der Hinsicht gibt es nur für jene Konsumenten Entwarnung, die vom Tabak auf E-Glimmstängel umgestiegen sind. Sie verbessern ihre Situation gesundheitlich sehr deutlich. Ungiftig sind die elektrischen Versionen allerdings keineswegs, auch das stellt die Akademie noch einmal klar. Und was das Nikotin angeht, da nehmen im Großen und Ganzen statistisch beide Gruppen ähnlich hohe Mengen auf.

An dieser Stelle nun setzt die Arbeit der New Yorker Umweltmediziner an. Während die Akademie noch „begrenzte Belege“ dafür gefunden hat, dass man im Körper von Dampfern ähnlich krebsauslösende Stoffe wie bei Tabakrauchern finden kann – und bisher keine Zellen, die die Eigenschaften von Krebsvorstufen aufweisen – macht die in dieser Woche erschiene Studie aus New York stutzig. Die Umweltmediziner jedenfalls meinen: Viele potentiell krebsauslösende Verbindungen konnte man möglicherweise bisher gar nicht entdecken, weil sie im Blut gemessen werden. Möglicherweise aber entsteht der größte Teil davon in den Zellen und reichert sich dort auch an. Das Team um Hyun-Wook Lee von der NYU School of Medicine hat deshalb genau nachgesehen, was der Nikotindampf zum einen in Zellen von Mäusen auslöst und wie er sich auf Zellkulturen mit menschlichem Lungen-, Herz- und Blasengewebe auswirkt.

Das Resultat dieser Untersuchung dürfte nicht nur die Industrie überraschen, sondern auch die allermeisten Experten: Nikotin selbst, und nicht allein die Nebenprodukte der Tabakverbrennung, könnte krebsauslösende Reaktionen in Gang setzen. Noch vor wenigen Tagen war im „Annual Review of Public Health“ der anderen New Yorker Forschergruppe zu lesen, reines Nikotin verursache „geringe, wenn überhaupt irgendwelche Gesundheitsschäden“. Diese feste Überzeugung vieler Toxikologen bekommt jetzt Risse. Wie die Gruppe um Hyun-Wook Lee herausgefunden hat, wird Nikotin sehr wohl in aggressive Stoffwechselprodukte umgewandelt – zwar längst nicht alles Nikotin wird entsprechend umgewandelt und auch nicht in die gefürchteten erbgutschädigenden Nitrosamine, die man vom Tabakrauch kennt und demzufolge im Blut der Raucher findet. Aber mindestens zehn Prozent des inhalierten Nikotins wird in den Zellen in verwandte chemische Verbindungen verwandelt, die sich für die DNA nachteilig auswirken und auch für einige Proteine, die an der Reparatur von DNA-Mutationen beteiligt sind. Kurz gesagt: Mutationen und gestörte DNA-Reparatur sind möglich.

Welche Art von Schäden? Im Ergebnis sind es in dem untersuchten Lungen- und Blasengewebe ganz ähnliche molekulare Erbgutveränderungen, wie sie nach dem Genuss von Tabakrauch festgestellt werden. Auch im Körper der Mäuse wurden die mutationsauslösenden Verbindungen gefunden.

Nikotin unter Krebsverdacht

Damit ist noch längst nicht bewiesen, dass die von Nikotin verursachten DNA-Schäden wirklich zu Krebs führen können. Dazu ist die Datenlage noch zu dünn. Zudem wird man angesichts der noch recht jungen Technik solche Langzeiteffekte auch frühestens in einigen Jahren oder Jahrzehnten sicher feststellen kennen, denn Krebs ist in den allermeisten Fällen das Ergebnis sehr vieler angehäufter, nicht reparierter DNA-Schäden. Aber die Arbeit der New Yorker Mediziner zeigt, dass noch sehr viel genauer auf die Nikotin-Abbauprodukte im Körper und in den Geweben geachtet werden muss. Ihre Befunde legen zumindest die Vermutung nahe, dass die im Blut von E-Zigarettenrauchern gefundenen winzigen Mengen an Nitrosaminen die Anhäufung von potentiell krebsauslösenden, durch den Nikotinabbau erzeugten Substanzen unterschätzt wird.

„E-Zigaretten wurden als nicht krebsauslösend vermarktet“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer PNAS-Veröffentlichung, weswegen sicher inzwischen auch viele Jugendliche – 16 Prozent der 18 Millionen amerikanischen E-Zigarettenkonsumenten – zum elektrischen Glimmstängel greifen. Als Fazit ihrer Studie stellen die New Yorker Forscher fest: „Wir halten es für wahrscheinlich, dass der Dampf aus den E-Zigaretten krebserzeugend ist und E-Zigarettenraucher ein erhöhtes Risiko als Nichtraucher haben, an Lungen- und Blasenkrebs oder an Herzleiden zu erkranken.“

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenE-ZigaretteDNAAkademie der WissenschaftenNew York University