Medizin

Impfen gegen Krebs - in der Apotheke wird ein Traum wahr

Von Joachim Müller-Jung
 - 14:33
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Mehr als dreißig Jahre lagen zwischen der entscheidenden Entdeckung und dem Zulassungsantrag für den ersten Krebsimpfstoff. Nicht einmal ein dreiviertel Jahr dauerte es dann bis zur Marktzulassung, und annähernd im Wochenrhythmus hat man schließlich von der Mitte dieses Jahres an die Auslieferung an die Apotheken schrittweise Tag um Tag vorgezogen. Seit Freitag vergangener Woche nun ist die erste Vakzine, die gezielt zur Verhütung von Krebs zugelassen wurde, auf dem deutschen Markt zu haben. Es ist ein Impfstoff gegen Gebärmutterhalskrebs.

Immer kurzatmiger kündigte sich in den zurückliegenden Wochen der Beginn einer neuen Epoche im bisher doch eher erbarmungswürdigen Kampf gegen Krebs an. Plötzlich scheint jeder Tag wertvoll. In den Dossiers des Impfstoffherstellers, Sanofi Pasteur MSD, die den Aufbruch ins neue Zeitalter begleiten, bekommt das historische Ereignis einen Namen - „Gardasil“ - und eine Perspektive, wie man sie unter seriösen Krebsmedizinern nach all den gemischten Erfahrungen im Kampf gegen Krebs nur noch selten zu hören bekommt: Annähernd hundertprozentiger Schutz wird versprochen.

Drei Spritzen gegen die Krankheit

Man könnte solche Ankündigungen als die üblichen großen Posen eines Pharmakonzerns in seinem Kampf um Marktmacht, Profite und Prestige abtun, wenn nicht gleichzeitig auch Ärzte und unabhängige Forscher fast geschlossen von einem Paradigmenwechsel sprächen. Alle schwärmen sie von der großen Chance, mit drei harmlosen Spritzen eines der schlimmsten Frauenübel schlagartig einzudämmen.

Tatsächlich ist Gebärmutterhalskrebs nach Brustkrebs die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen. Hauptverursacher sind Humane Papillomviren, kurz HPV. Die Infektion mit diesen lange als harmlose Warzenviren gehandelten Erregern durch sexuellen Kontakt, die schrittweise Eroberung der Epithelzellen in der Gebärmutterschleimhaut durch die Viren und die fortschreitende, oft nach Jahrzehnten erreichte Destabilisierung des Erbmaterials im weiblichen Genitaltrakt können zur Entartung führen. Nicht immer endet die Infektion so. In den weitaus meisten Fällen vermag das Immunsystem die Viren nach ein paar Monaten auszuschalten. Aber bei immerhin neun Prozent der Betroffenen sind sie noch nach zwei Jahren nachweisbar.

106 genetische Typen der Papillomviren bekannt

Handelt es sich um Papillomviren vom Typus 16 oder 18, ist höchste Vorsicht geboten, denn mehr als zwei Drittel der Gebärmutterhalstumoren werden erfahrungsgemäß von diesen beiden Typen hervorgerufen. Matthias Dürst und Michael Boshart, zwei frühere Mitarbeiter des langjährigen Stiftungsvorstandes des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), und Harald zur Hausen hatten diese beiden Virustypen in den Jahren 1982 und 1983 als erste in Tumoren entdeckt - ein Jahrzehnt nachdem Zur Hausen angefangen hatte, nach Spuren von Warzenviren in Krebszellen zu suchen, und ein gutes halbes Jahrzehnt nachdem dieser in einem führenden onkologischen Journal die bahnbrechende These von einem möglichen Zusammenhang zwischen HPV-Infektion und Gebärmutterhalskrebs formuliert hatte.

Mittlerweile kennt man 106 unterschiedliche genetische Typen der Papillomviren, und von mindestens 13 - vermutet werden 20 - weiß man, daß sie in der Lage sind, bei einer chronischen Infektion die Entartung sukzessive voranzutreiben. Das Ganze ist ein so komplexer, genetisch gesteuerter Vorgang, daß die Wissenschaftler und Mediziner sich längst nicht mehr wundern, weshalb es bei einer „Durchseuchung“ der Bevölkerung von bis zu siebzig Prozent letztlich doch nur bei einem vergleichsweise kleinen Anteil zum schlimmsten Fall - der bösartigen Wucherung im Gebärmutterhals - kommt.

In Deutschland 6500 Frauen betroffen

In Deutschland trifft dieses Schicksal immerhin 6500 Frauen, im Jahr 2003 starben knapp 1800 daran. Hinzu kommen andere, seltenere Tumore im Genital- und Analbereich, die von den Viren mitverursacht werden, und schließlich hat man, wie Zur Hausen kürzlich auf einer Tagung am DKFZ in Heidelberg sagte, bei einem Viertel der Tumore in Mund und Rachen verdächtige Papillomviren gefunden.

Unter Genitalläsionen und -warzen hat zudem eine seit Jahren wachsende Zahl von Frauen und auch Männern zu leiden. Die meisten von ihnen könnten, da waren sich sich die Experten früh einig, von einer Impfung profitieren. Doch zur Hausen als geistiger Vater dieser Idee stieß Mitte der achtziger Jahre auf taube Ohren in der Industrie. Als zu vage wurden die Kenntnisse über Ursache und die Marktaussichten gesehen, selbst in den Kliniken war es seinerzeit schwer, an genügend Tumormaterial für die Forschung zu kommen.

Streit um das Patentrecht

Vier bis fünf Jahre habe man verloren - „enttäuschend“, klagt Zur Hausen. Enttäuschend aus heutiger Sicht wohl auch deshalb, weil seine Gruppe, die seinerzeit freigebig Forschungsmaterial durch die Welt sandte, um die Entwicklung voranzutreiben, bald patentrechtlich von anderen Forschern buchstäblich über den Tisch gezogen wurde. Fast sieben Jahre lang mußte man später in den Vereinigten Staaten prozessieren und rund eine Million Euro ausgeben, damit das Deutsche Krebsforschungszentrum endlich auch auf den entscheidenden Patentschriften als „Miteigentümer“ der vor allem den National Institutes of Health und einigen amerikanischen sowie australischen Hochschulgruppen zugesprochenen Patente geführt wird.

Inzwischen sind die Lizenzen verteilt. Das jährliche Marktvolumen wird grob auf eine halbe Milliarde Euro taxiert, was die Pharmakonzerne in helle Aufregung versetzt hat. Neben Sanofis „Gardasil“ steht nun GlaxoSmithKlines „Cervarix“ vor der Zulassung - zwei ähnliche gentechnisch erzeugte Impfstoffe, sogenannte Virus-Like-Particles, die hauptsächlich aus den erbgutfreien Hüllenbausteinen L1 der HP-Viren 16 und 18 und im Falle von „Gardasil“ aus Bausteinen der Genitalwarzen verursachenden Typen 6 und 11 zusammengesetzt sind.

Euphorie kennt keine Grenzen

Die Bilanz der Zulassungsstudien, die in beiden Fällen in weit mehr als einem Dutzend Ländern und mit jeweils mehr als 25 000 jungen Frauen vorgenommen wurden, ist so überzeugend, daß die Euphorie inzwischen kaum Grenzen kennt. Dabei geht es keineswegs nur um das ökonomische Potential. Zur Hausen stellt sich schon vor, wie es wäre, wenn mehr als anderthalb Millionen Krebsfälle, die weltweit jedes Jahr neu durch unterschiedliche Erreger wie eben HPV, Helicobacter und Hepatitis-Viren ausgelöst werden, völlig verschwänden. Doch davor steht bis heute nicht zuletzt die soziale und ökonomische Lebenswirklichkeit.

Etwa neunzig Prozent der tödlichen Gebärmutterhalstumoren treten in den armen Ländern auf, wo gynäkologische Früherkennungsuntersuchungen mit Schleimhautabstrichen, wie sie hierzulande in den siebziger Jahren eingeführt wurden, entweder nicht zur Verfügung stehen oder nicht wahrgenommen werden. Kontinuierlich haben diese Vorsorgeuntersuchungen dazu geführt, daß die Tumore immer früher erkannt und lebensbedrohliche Wucherungen vermieden wurden.

Impfung schon vor dem ersten Sexualkontakt

Für Gynäkologen wie Manfred Kaufmann von der Frankfurter Universitätsklinik hat der Gebärmutterhalskrebs deshalb schon einen Großteil seines Schreckens verloren. Deshalb ist Kaufmann, anders als etwa der Virologe Zur Hausen, von einer allgemeinen Impfung möglichst aller Mädchen und jungen Frauen möglichst schon vor dem ersten Sexualkontakt, wie sie jüngst in den Vereinigten Staaten von offiziellen Stellen empfohlen wurde, keineswegs überzeugt. Man müsse jetzt, bevor die Ständige Impfkommission weitreichende und möglicherweise kostspielige Entscheidungen treffe, systematisch Risikogruppen identifizieren, die von einer Impfung profitieren.

Für Zur Hausen hingegen liegt die einzige legitime Front im Kampf gegen den Krebs nun dort, wo die Risikogruppe jeweils ein ganzes Volk umfaßt. Für die Entwicklungsländer, so deutete er kürzlich an, werde man jetzt die Herstellung billiger „Alternativ-Impfstoffe“ zumindest für Papillomviren vom wichtigsten Typ 16 vorantreiben, die dann als sogenannte Capsomer-Vakzine oder mit unschädlichen adeno-assoziierten Viren in großen Mengen als Vektor verabreicht würden.

Quelle: F.A.Z., 11.10.2006, Nr. 236 / Seite N1
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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