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Entzündung der Speiseröhre

Asthma nach dem Essen

Von Stephan Sahm
 - 16:43
Schluckbeschwerden, Essen, das nicht rutscht, Sodbrennen - vielen Betroffenen hilft eine „6-Food-Eliminationsdiät“, bei der auf die sechs häufigsten allergenen Lebensmittel verzichtet wird. Bild: dpa, F.A.Z.

Ärzte sprechen von einer Volkskrankheit der betagten Menschen: dem Kontrollverlust über das Schlucken. Dabei wird übersehen, dass Schluckstörungen, die Dysphagie, gar nicht selten auch bei jüngeren Menschen und Kindern auftreten. Nur werden die Symptome häufig nicht ernst genommen oder falsch gedeutet.

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Ursache ist meist die eosinophile Ösophagitis, eine Entzündung der Speiseröhre, die vermutlich Folge eines allergisch bedingten Reizes ist. Sie wird oft verkannt, wie Ulrike von Arnim aus Magdeburg anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten in Dresden berichtete. Jeder kenne sie, die „Langsamesser“ und „Nachtrinker“ bei Tisch. Nicht selten werden Eltern ungehalten, wenn der Nachwuchs den Teller allzu langsam leert.

Gewebsprobe kann zur richtigen Diagnose führen

Betroffene Erwachsene berichten, dass sie feste Speisen nur zögerlich zu schlucken vermögen. Oft klagen sie über Schmerzen hinter dem Brustbein. Die werden von Ärzten häufig als gastroösophageale Refluxerkrankung fehlgedeutet, als „Sodbrennen“. Der Rückfluss von Säure aus dem Magen in die Speiseröhre verursacht gleichfalls Schmerzen und gelegentlich das Gefühl, nicht schlucken zu können. Da die Refluxkrankheit in mehr oder weniger starker Ausprägung bei fast jedem Zehnten anzutreffen ist, geben sich Ärzte allzu rasch mit der Diagnose zufrieden.

Doch Patienten mit eosinophiler Ösophagitis leiden weiter an ihren Beschwerden. Da der Blick in die Speiseröhre mit dem Endoskop keine groben Besonderheiten zeigt, entnehmen Ärzte keine Gewebsprobe. Die könnte den entscheidenden diagnostischen Wink geben. Es dauert daher meist viele Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Ärzte ziehen sie oft erst in Betracht, wenn Komplikationen auftreten. Bei jedem dritten Betroffenen kommt es zu einem plötzlichen Verschluss der Speiseröhre bei der Mahlzeit. Der Bissen steckt fest. Die Ärzte sprechen vom Bolusverschluss. Nur die rasche Spiegelung der Speisewege kann Abhilfe schaffen. Manche Patienten fürchten diese Komplikation und halten sich deshalb beim Essen im Restaurant zurück. Die Mehrzahl der Patienten berichtet zudem über Symptome einer Allergie.

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Zahl der Neuerkrankungen nimmt zu

Auch die Anreicherung von eosinophilen Leukozyten, einer Untergruppe der weißen Blutzellen, in der Schleimhaut der Speiseröhre gilt als Hinweis auf eine allergische Ursache. Dies verweist auf eine Verwandtschaft dieser Erkrankung mit dem Asthma. Asthma betrifft ebenfalls eine innere Oberfläche des Organismus, die Atemwege. Die Ähnlichkeiten zwischen beiden Erkrankungen sind frappierend, wie von Arnim ausführte. Sie hat selbst umfangreiche Studien an vielen Patienten durchgeführt.

Asthma und die eosinophile Ösophagitis zeigen eine steigende Inzidenz. Das ist die Zahl der Neuerkrankungen in einem Jahr. Wie beim Asthma sprechen Gewebsuntersuchungen und molekulare Analysen dafür, dass es sich bei der eosinophilen Ösophagitis um eine abnormale Immunantwort auf Allergene handelt. Als Allergene kommen Nahrungsbestandteile ebenso wie Partikel in der Atemluft und andere Umweltfaktoren in Betracht. In einem derzeit von Wissenschaftlern diskutierten Modell der Erkrankung steht am Anfang eine durch Th2-Lymphozyten ausgelöste Entzündung nach Kontakt mit einem Allergen. In einer Kaskade von Reaktionen werden Zytokine und das Immunglobulin E gebildet, bis am Ende die Mastzellen aktiv werden und kleine, entzündungsfördernde Moleküle freisetzen.

Ärzte können Faktoren erfragen

Die durch die Entzündung der Speiseröhre verursachten Beschwerden werden oft falsch eingeschätzt. Deshalb hat von Arnim einen Algorithmus erarbeitet, der Ärzten helfen soll, die Diagnose rascher zu stellen. In einer umfangreichen statistischen Analyse hat sie vier Faktoren identifiziert, deren Vorhandensein Ärzte leicht erfragen und messen können. Aus der Vorgeschichte soll nach Ereignissen eines Bolusverschlusses, dem Versagen einer Behandlung mit Säureblockern und nach Allergien gefragt werden. Als viertes Krankheitszeichen wird die Vermehrung des Immunglobulins E oder der eosinophilen Zellen gewertet. Liegen mindestens zwei der Faktoren vor, ist die Diagnose einer eosinophilen Ösophagitis hochwahrscheinlich. Die Untersuchung einer Gewebsprobe bestätigt die Diagnose in mehr als neunzig Prozent der Fälle.

Und was kann der Patient tun? Zum einen – wann immer möglich – die Allergie auslösenden Speisen meiden, zum anderen gibt es das Mittel Budesonid, ein auf die Schleimhaut einwirkender Abkömmling des Cortisons, das kaum unerwünschte systemische Folgen haben soll. Es schafft vor allem rasche Linderung. Und die haben viele Betroffene dringend nötig.

Quelle: F.A.Z.
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