Seuche

Von Menschen und Schweinen

Von Sonja Kastilan
 - 18:06

Von Pürzelprämien, erhöhten Abschussquoten, aufgehobenen Schonzeiten und Drückjagden ist auf einmal die Rede. In Mecklenburg-Vorpommern können sich auch Jagdhundeführer für ihren Aufwand entschädigen lassen, in Polen gibt es sechs Tage Sonderurlaub: für die Wildschweinjagd. Was Obelix, den Gallier, begeistern würde und der Präsident des deutschen Bauernverbandes vehement fordert, halten andere für Propaganda: Keine Sau sei verantwortlich, sondern der Mensch, sollte die Afrikanische Schweinepest tatsächlich demnächst auch in die Bundesrepublik eingeschleppt werden.

Die Bedrohung ist real. Diese Tierseuche rangiert in der höchsten Gefahrenstufe. Und sie „rollt auf Deutschland zu“, wie die „Bild“ vergangenen Mittwoch warnte, die Angst um ihre Zucht- und Masttiere lasse die Bauern zittern. Nicht ganz unbegründet, denn bei einem Ausbruch müssen sie mit einer Stilllegung ihrer Betriebe in den betroffenen Regionen rechnen, mit Reglementierungen und finanziellen Einbußen, für manche würde es wohl den Ruin bedeuten. Tritt der Ernstfall ein, würden Sperrbezirke ausgerufen und Nutztiere massenhaft gekeult. Die Exporte brächen ein. Im Jahr 2015 gingen immerhin rund 2,9 Millionen Tonnen deutsches Schweinefleisch ins Ausland – nach Italien oder China, damit wäre es dann vorbei. Selbst die Bundesbürger, die pro Kopf durchschnittlich fünfzig Kilogramm Schwein im Jahr verbrauchen, würden wahrscheinlich häufiger auf Schnitzel, Schinken oder Speck verzichten. Wobei zumindest keine direkte Gefahr für die eigene Gesundheit bestünde: Menschen erkranken nicht an dem exotischen Erreger, der in Europa vor allem über Blut und Sekrete von Schwein zu Schwein übertragen wird.

Noch fehlt ein Impfstoff

Erreger der Afrikanischen Schweinepest ist ein ungewöhnlich großes, komplexes DNA-Virus aus der Familie der Asfarviridae, zu der nur dieser eine Vertreter zählt. „Für europäische Schweine ist eine Infektion meist tödlich, während afrikanische Busch- oder Warzenschweine, die das angestammte Reservoir bilden, kaum darunter leiden. Warum das so ist, wird noch untersucht“, erklärt Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts, des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit auf der Ostsee-Insel Riems. Hier hat das Nationale Referenzlabor für die Afrikanische Schweinepest seinen Sitz, und gleich vier Einrichtungen beschäftigen sich von der Diagnostik und Epidemiologie bis hin zur Immunologie und Molekularbiologie akut mit diesem Fieber. Bislang gibt es trotz jahrzehntelanger Forschung weder eine Behandlung noch eine Impfung. Das ist im Falle der nicht minder gefürchteten Klassischen Schweinepest, die in Deutschland zuletzt 2006 bei Hausschweinen aufgetreten ist, etwas anders: Diese ruft zwar ähnliche Symptome wie Durchfall, Schwäche, Blutungen und erhöhte Temperaturen hervor, weshalb es zu Verwechslungen kommen kann. Aber die Erkrankung wird von anderen Viren verursacht, außerdem existieren Impfstoffe.

Noch schützen uns ein paar hundert Kilometer Abstand zum Geschehen in Tschechien. Deutschland am nächsten liegt der Ausbruch im Bezirk Zlín nahe der slowakischen Grenze, wo der aggressive Erreger seit Ende Juni 2017 unter den Wildschweinen grassiert, Hausschweine jedoch bisher verschont blieben. Anders als in Polen sowie den baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland, in denen immer wieder auch Nutztiere der Afrikanischen Schweinepest erliegen, die dort über vier Jahre ihr Unwesen treibt. Der Seuchenzug nahm 2007 in Georgien am Schwarzen Meer seinen Anfang, weil wahrscheinlich verseuchte Speiseabfälle in Hafennähe entsorgt wurden. Reger Schiffsverkehr hatte Viren aus dem südöstlichen Afrika dorthin verfrachtet. Sie breiteten sich anschließend über die Nachbarländer und die Russische Föderation aus, gelangten nach Weißrussland und in die Ukraine, bis sie 2014 die ersten Staaten im Osten der EU erreichten.

Im Schinken überdauern diese Viren Monate

Von dort aus drängen die Asfarviren nun westwärts. Der Sprung über weite Distanzen kann ihnen eigentlich nur mit Hilfe des Personen- und Güterverkehrs gelingen, denn Wildschweine rotten sich nicht zusammen, um lange Strecken zu marschieren, schon gar nicht infizierte, kranke. Für neue Infektionsherde in der Ferne sorgt eher der Mensch, indem er unbemerkt kontaminierte Wurst- und Fleischwaren mitbringt und sich dieser irgendwo entledigt. Wenn an einer Raststätte ein Salamizipfel oder das angebissene Schinkenbrötchen im Gebüsch landet statt im Müllbehälter, wird eine hungrige Sau schnell zum Opfer; mit entsprechenden Plakaten warnt das Bundeslandwirtschaftsministerium mittlerweile vor diesem Szenario. „Starkes Erhitzen tötet die Viren ab, in luftgetrocknetem Schinken überdauern sie jedoch Monate, wenn nicht Jahre“, sagt Mettenleiter.

Auch wenn er sich nicht erklären kann, warum die Schweinepest ausgerechnet jetzt für Gesprächsstoff sorgt und nicht im Sommer, als sie mit dem Ausbruch in Tschechien plötzlich näher kam, ist der Virologe doch froh über die plötzlich erwachte öffentliche Aufmerksamkeit. Zwar sei es Mitte der 1980er Jahre zu einzelnen Ausbrüchen in den Niederlanden gekommen, die sich eindämmen ließen. Und auf der Iberischen Halbinsel bekam man die Seuche nach Jahrzehnten ebenfalls wieder in den Griff. Aber auf Sardinien, wo sie vor vierzig Jahren Einzug hielt, hat sie sich festgesetzt. „Und keines der Länder, in welche die Afrikanische Schweinepest nach 2007 eingeschleppt wurde, ist die Erreger seither wieder losgeworden“, sagt Mettenleiter. „Wenn sie sich erst einmal im Schwarzwild ausgebreitet haben, besteht vorerst keine Chance, sie zu eliminieren.“

Wildschweine dienen als Reservoir

Wildschweine dienen dem aggressiven Virus offenbar als Reservoir, was man aufgrund der hohen Sterberate zunächst nicht für möglich gehalten hatte. Daher birgt insbesondere die recht hohe Bestandsdichte der Schwarzkittel in Deutschland, für die Politiker, Bauern, Umweltschützer oder Jäger verschiedenste Ursachen verantwortlich machen, eine erhebliche Verbreitungsgefahr.

Noch könne man die Zeit nutzen, sich ernsthaft auf einen Ausbruch vorzubereiten, sagt Mettenleiter. Das hieße unter anderem, dass Schweinezüchter entsprechende Hygienemaßnahmen ergreifen, wie etwa Wechselkleidung, Desinfektion von Viehtransportern oder Schleusen zum Stall, und bestehende Sicherheitslücken schließen; der Verband der Fleischwirtschaft hält im Internet ein entsprechendes Krisenhandbuch bereit. Jäger wiederum sind aufgefordert, vermehrt Wildschweine zu schießen, was sie ohnehin schon tun; in der vergangenen Saison waren es nahezu 600.000. Außerdem soll auf Fallwild geachtet werden, tote Tiere also, denn anhand der untersuchten Proben kann eine Infektion aufgespürt werden. „So ließe sich die Einschleppung früh erkennen, was im Ernstfall sehr wichtig wäre, um konsequent zu handeln“, erklärt Mettenleiter, der zudem Unfallwild prüfen würde, weil es sich dabei oft um geschwächte Tiere handelt.

Früh erkennen, konsequent handeln

Durch Früherkennung sei es vielleicht möglich, sagt Mettenleiter, eine Situation wie derzeit in Tschechien zu schaffen. Dort sei es den schnell reagierenden Kollegen immerhin gelungen, die Epidemie vorerst einzugrenzen. Das Wild wurde mit Elektrozäunen und Duftstoffen in einer Kernzone gehalten, in der man zunächst nicht jagte, aber daraus die Kadaver entfernte. Und drum herum wurde der Bestand an Schwarzkitteln reduziert. Ähnlich könnte man in Deutschland vorgehen, sollte ein weggeworfenes Wurstbrot im Wald zum Ausbruch führen. Ob das auf Dauer hilft, ist jedoch unklar.

Auch den Forschern auf der Insel Riems gibt die Afrikanische Schweinepest weiterhin Rätsel auf. „Der Erreger ist mit mehr als 150 Genen ein sehr komplexes Virus, das sich der Immunabwehr seiner Wirte entzieht“, sagt Mettenleiter. Wie, ist noch nicht völlig verstanden, ebenso wenig, was all die Gene sollen und warum die üblichen Ansätze der Vakzinentwicklung erfolglos blieben. Bis einmal geeignete Angriffsziele für einen Impfstoff gefunden sind, ist Wachsamkeit geboten. Der Mensch kann in diesem dynamischen Geschehen leichthin zu einem Überträger werden, das Schwein zum Seuchenopfer.

Weitere Informationen:

www.fli.de; www.bmel.de; www.v-d-f.de

Quelle: F.A.S.
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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