Stoffwechselerkrankung

Den Urin versüßen und Diabetes mildern

Von Martina Lenzen-Schulte
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Versüßt man den Urin, bessert sich der Diabetes. Willkommener Nebeneffekt ist der Gewichtsverlust.

Diabetes mellitus heißt wörtlich übersetzt „honigsüßer Durchfluss“ und hat sich als Begriff für eine Stoffwechselstörung eingebürgert, die eigentlich durch überhöhten Blutzucker gekennzeichnet ist. Das geht auf zwei Beobachtungen zurück, an denen man ursprünglich die Diagnose festmachte: Die erste betrifft die übermäßige Urinausscheidung, die schon in der Antike auf einem ägyptischen Papyrus im Jahr 1550 vor Christus beschrieben wurde, und für die im ersten Jahrhundert nach Christus der griechische Arzt Aretaios den Ausdruck Diabetes einführte. Die zweite reicht ins 17. Jahrhundert zurück, als das Probieren des Urins dem Diagnoserepertoire der Ärzte hinzugefügt wurde. Der englische Arzt Thomas Willis benannte als Kennzeichen des Diabetes den honigsüßen Uringeschmack.

Die neuesten Medikamente, die derzeit in den Pipelines verschiedener Pharmaunternehmen warten, machen die Zuckerkrankheit wieder zu dem, was sie einmal war: zum honigsüßen Durchfluss. Gleich mehrere Kandidaten wurden bereits in klinischen Studien getestet und könnten das Repertoire der Diabetestherapie künftig erweitern.

Den Zuckergehalt im Urin messen, das ist ein häufig eingesetzter Diabetes-Test.
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Den Zuckergehalt im Urin messen, das ist ein häufig eingesetzter Diabetes-Test.

Was paradox anmutet, erweist sich bei näherer Betrachtung als ausgesprochen eleganter Forschungsansatz, den Ele Ferrannini und Anna Solini von der Universitätsklinik in Pisa in einer Arbeit für „Nature Reviews in Endocrinology“ näher beleuchten (Bd. 8, S. 495). SGLT-2-Inhibitoren heißen die Substanzen, die den Urin des Diabetikers süß werden lassen. Sie wirken als Hemmstoffe des Natrium-Glukose-Kotransporters-2.

Das Prinzip dahinter nutzt die Tatsache, dass wir eigentlich eine erhebliche Menge unseres Blutzuckers über den Urin verlieren würden, wenn die Niere ihn nicht wieder zurückholen könnte. Der Primärharn, der bei der Filterung des Blutes zunächst entsteht, wird in den Nieren noch einmal durch ein System biologisch aktiver Leitungen geschleust, die wichtige Substanzen wieder zurückgewinnen. So retten die beiden Nieren für den Körper täglich etwa 150 bis 180 Gramm Glukose, maximal würden sie es schaffen, 300 Gramm zurückzuhalten. Doch je mehr Zucker im Blut kursiert, desto schwerer tut sich die Niere, den gesamten Zucker wieder zurückzugewinnen.

Zu viel Glukose im Blut

Infolgedessen ist bei einer Konzentration von etwa 180 Milligramm Glukose je Deziliter Blut ihre Kapazität erschöpft, und das ist der Grund, warum der Urin des Zuckerkranken süß wird - der Patient hat so viel Glukose im Blut, dass die Niere überfordert ist.

Beim Typ-1-Diabetes, der lange für die einzige Form der Zuckerkrankheit gehalten wurde, versagt die Insulinproduktion; die Glukose wird nicht mehr in die Organe aufgenommen, sondern häuft sich im Blut an. Diese Patienten benötigen Insulin, um ihre Zellen überhaupt wieder mit dem Nährstoff Glukose versorgen zu können. Inzwischen machen jedoch die Typ-2-Diabetiker mehr als neunzig Prozent der Zuckerkranken aus. Sie verfügen noch über Insulin, ihre Organe werden auch noch ausreichend mit Zucker versorgt, allerdings sind sie damit überfordert, den überhöhten Blutzucker gänzlich zu verbrauchen - nicht zuletzt angesichts der häufig überkalorischen und kohlenhydratreichen Ernährung.

Erhalten sie nun Insulin, so werden all jene Kalorien, die sie zu viel zu sich nehmen, in Form von Fett deponiert. Deshalb nehmen Typ-2-Diabetiker unter Insulin zu, wenn ihre Behandlung nicht von Diät und Bewegung flankiert wird. Es leuchtet unmittelbar ein, dass hier ein Glukoseverlust zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen könnte: Die Senkung des überhöhten Blutzuckers kombiniert mit einer unverhofften und willkommenen Kalorieneinbuße.

Ein kurzer Stich in den Finger und das Gerät verrät den Blutzuckerspiegel im Blut.
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Ein kurzer Stich in den Finger und das Gerät verrät den Blutzuckerspiegel im Blut.

Für den neuen Ansatz stand nun ein seltener Gendefekt Pate, der derzeit in nur etwa dreißig Familien beschrieben worden ist und als familiäre renale Glukosurie bezeichnet wird. Ohne dass ein Diabetes vorliegt, wird der Harn süß. Es handelt sich um unterschiedlich ausgeprägte, erblich bedingte Veränderungen, die die Rückgewinnung von Glukose aus dem Primärharn blockieren. Die Mutationen treten im SLC5A2-Gen auf, dessen Information für den SGLT-2-Transporter kodiert und sich auf Chromosom 13p11.2 befindet.

Die Betroffenen verlieren Zucker durch den Urin, obwohl sie normale Blutzuckerspiegel haben, sind jedoch in der Regel sonst völlig gesund. Dieser Transporterdefekt äußert sich allenfalls bei schwerwiegender Ausprägung darin, dass auch der Salzhaushalt gestört ist. Der Verlust von 80 bis 100 Gramm Glukose pro Tag kann durch erhöhte Kalorienzufuhr kompensiert werden.

Gendefekt wird imitiert

Derzeit befinden sich mehrere Substanzen in der klinischen Erprobung, darunter Empagliflozin, Ipragliflozin, Remogliflozin, Sergliflozin und Dapagliflozin, die diesen Gendefekt beim Typ-2-Diabetiker imitieren. Allein in diesem Sommer wurden auf dem amerikanischen Diabeteskongress in Philadelphia 35 einschlägige Studien vorgestellt. Meist testet man die neuen Hemmstoffe zusammen mit Insulin oder mit Metformin, einem Antidiabetikum, dass als Tablette eingenommen wird. Es zeigte sich, dass eine zusätzliche Senkung des HbA1c-Wertes möglich ist, der einen Maßstab für die Güte der Blutzuckereinstellung darstellt. Die Patienten nahmen zudem über Zeiträume von vier bis sechs Monaten ein bis mehrere Kilogramm Gewicht ab, auch eine leichte, gleichwohl merkbare Senkung des Blutdrucks wurde erkennbar.

Allerdings zeichnete sich auch die Schwachstelle der sonst so überzeugenden Strategie ab: Zucker bietet Bakterien Nahrung, daher wurden häufiger Harnwegsinfekte und Infektionen im Genitalbereich beobachtet. Die Rate lag im Vergleich zu den Kontrollgruppen doppelt so hoch. Inwieweit Hinweise auf Veränderungen des Calcium- und Phosphatstoffwechsels eine Rolle spielen werden, ist noch unklar. Zudem gibt es erste Hinweise auf mehr Fälle von Blasenkrebs und Brustkrebs bei den mit SGLT-2-Hemmern Behandelten. Bisher werden die neuen Medikamente nur ausgewählten Patientenkollektiven für Studien verabreicht. Noch keines der Mittel ist auf dem Markt, vor 2013 wird das auch nicht erwartet. Zuvor werden die klinischen Studien von den Zulassungsbehörden geprüft, die dann über einen Zusatznutzen der Substanzen entscheiden.

Quelle: F.A.Z.
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