Unbeschwert durchs Leben gehen

Von JULIA GROSS, Fotos ELIZA POWELL

27.09.2017 · Kommt ein Kind mit einem Klumpfuß auf die Welt, ist das ein Problem. Eines, das in Deutschland gut zu lösen ist. In Tansania liegt der Fall schwieriger.

P lötzlich ist da ein Fuß auf dem Operationstisch zu erkennen. Wo vorher Knochen an den falschen Stellen hervortraten, sich Gelenke krümmten und dicke Schwielen verrieten, dass jahrelang auf Rand und Rist gelaufen wurde, ist jetzt eine Sohle zu sehen. Biegsam und stabil, bereit, beim Stehen Halt zu geben oder einen Schritt abzufedern.

Für den dreizehnjährigen Hassan Salim Meja beginnt mit dieser Operation Anfang August ein neues Leben. Er ist mit einem Klumpfuß auf die Welt gekommen, in der Provinz Babati im Norden von Tansania. Bis vor wenigen Monaten wussten er und seine Eltern nicht einmal, dass sich daran etwas ändern lässt. Dann hörten sie von der Möglichkeit, den Jungen von einem deutschen Operationsteam, das regelmäßig ins Land kommt, behandeln zu lassen. Wenn Hassan sich in einigen Wochen von dem Eingriff erholt hat, wird er zum ersten Mal längere Strecken schmerzfrei gehen und Schuhe an beiden Füßen tragen können.

Eines von tausend Babys, so der Durchschnittswert, kommt mit einem nach innen und unten gebogenen Fuß zur Welt. Klumpfüße zählen zu den häufigsten orthopädischen Fehlbildungen bei Neugeborenen. Auch in Deutschland. Weil meist schon kurz nach der Geburt mit der Therapie begonnen wird, fällt dieses Leiden hierzulande nicht mehr ins Auge. In der Regel ist der Fehler nach wenigen Monaten korrigiert, die Behandlung bis zum Kindergartenalter abgeschlossen.

Hassan Salim Meja kam mit einem Klumpfuß zur Welt. Im Alter von dreizehn Jahren steht dem Jungen jetzt eine Operation bevor, die diese Fehlbildung beheben soll.

In Ländern wie Tansania ist das anders. Es gibt dort nur wenige Anlaufstellen, in denen betroffene Kinder fachgerecht versorgt werden könnten. Aus Scham neigen Eltern dazu, behinderte Babys zu verstecken – wenn sich nicht sogar der Vater abwendet und die Mutter damit alleinlässt, nicht selten wird sie von der gesamten Verwandtschaft im Stich gelassen. Die Kinder gehen unregelmäßig oder gar nicht zur Schule, denn der Weg ist oft lang und muss zu Fuß zurückgelegt werden. Entsprechend schlecht sind ihre Zukunftsperspektiven.

Internationale Hilfsorganisationen wie Miracle Feet sowie private und kirchliche Initiativen versuchen seit Jahren, das zu ändern. Wenn eine Klumpfuß-Behandlung schon im Säuglingsalter begonnen wird, kostet sie kaum mehr als zweihundert Euro, und die Methode ist schnell zu erlernen. Es wäre also leicht, die Situation dauerhaft zu verändern. Doch dass man dafür trotzdem einen langen Atem haben muss, zeigen die Erfahrungen der Nürnberger Ärztin Annemarie Schraml, die mit ihrem Team seit achtzehn Jahren in Tansania im Einsatz ist. Ursprünglich war eine einmalige Hilfsaktion im Jahr 2000 geplant, die auf die Konfrontation mit Leid und Armut während einer Urlaubsreise zurückging. Die kinderorthopädische Chirurgin Schraml und der Anästhesist Heinz Giering wollten vierzig Patienten operieren, finanziert durch die Unterstützung eines kirchlichen Trägers aus dem Raum Nürnberg. Die meisten hatten Klumpfüße oder andere schwere Knochendeformationen. Außerdem versorgten die Ärzte damals Narben, die durch Verbrennungen entstanden waren, was dem Projekt den Namen „Feuerkinder“ eintrug. Weil während ihres Aufenthalts in Usa River in der Nähe des Mount Meru immer mehr Patienten auftauchten, versprachen die Deutschen wiederzukommen. Seither arbeitete jedes Jahr ein Team für ein bis zwei Wochen im Nkoaranga Hospital, zuletzt zweimal jährlich. So sind bisher fast zweitausend durch Spenden finanzierte Operationen zusammengekommen.

Es ist bald Mittagszeit im Nkoaranga-Krankenhaus. Vor den Fenstern des Operationssaals klappern Küchenhelfer mit ihren Töpfen, während drinnen zwei Krankenschwestern leise eine Melodie summen und Annemarie Schraml schweres Gerät zur Hand nimmt. Sie muss Hassans Fuß mit Säge und Hammer bearbeiten. Um seine Fehlstellung zu korrigieren, wird sie Knochenstücke im Mittelfuß entfernen, Sehnen verlagern und verlängern. Blut fließt dabei kaum, eine Druckmanschette stoppt am Oberschenkel den Durchfluss.

Mehr als 100.000 Kinder werden jährlich auf der ganzen Welt mit der Diagnose „Pes equinovarus“ geboren, bei etwa der Hälfte sind beide Füße verdreht. Jungen erleiden diese Behinderung häufiger als Mädchen. Die Ursachen sind bis heute unbekannt, irgendwann zwischen der zwölften und 20. Schwangerschaftswoche wird aus einem sich normal entwickelnden Fuß ein Klumpfuß. Zwar stehen verschiedene Genmutationen unter Verdacht, am eindeutigsten besteht der Zusammenhang bei den Genen PITX 1 und TBX 4 – sie regulieren die Entwicklung der hinteren Extremitäten. Doch der Faktor Vererbung spielt keine große Rolle, die Veränderung tritt meist in Familien auf, in denen keine weiteren Fälle bekannt sind. „Wenn weder Vater noch Mutter einen Klumpfuß haben, ist auch so gut wie kein Risiko für ein Geschwisterkind vorhanden“, sagt Eva Klopocki, Professorin am Institut für Humangenetik der Universität Würzburg. Selbst bei einem betroffenen Elternteil ist die Wahrscheinlichkeit für die nächste Generation nur leicht erhöht.

  • Orthopädin Annemarie Schraml (2. von li.) arbeitet seit 2000 ehrenamtlich in Tansania.
  • OP-Besteck und sieben Paletten Material wurden aus Deutschland mitgebracht.

Die Suche nach Umwelteinflüssen, die zu einem Klumpfuß führen können, lieferte bislang keine klaren Ergebnisse. Daten zu den Schwangerschaften von mehr als 100.000 norwegischen Frauen ergaben eine Korrelation mit Tabakkonsum, wenn die Frauen zuvor und im ersten Trimester ihrer Schwangerschaft geraucht hatten. Andere Faktoren wie Alkoholmissbrauch, ein Mangel an Fruchtwasser oder das Alter der Eltern erwiesen sich nicht als statistisch signifikant.

Als während der Operation das Licht mit einem lauten Knall ausgeht, sagt Annemarie Schraml nur lapidar: „Stromausfall haben wir früher viel häufiger gehabt“, und lässt sich eine in der Schublade bereitliegende Trekking-Stirnlampe reichen. Man ist vorbereitet; das Pulsoxymeter, das die Sauerstoffsättigung des Bluts misst und den Operationsraum mit seinem beständigen Piepsen beschallt, bezieht Strom aus Batterien. Ob der betäubte Junge regelmäßig atmet, kontrollieren die beiden einheimischen Anästhesisten mit einem zerfaserten Pflasterstreifen, den sie Hassan auf die Nasenspitze geklebt haben. Die Fransen wehen im Takt seiner Atemzüge. Andere Überwachungsgeräte gibt es nicht.

Im Laufe der Jahre ließen Schraml und ihre Kollegen Wege im Krankenhaus betonieren und den Operationssaal fliesen, sie sorgten für warmes Wasser, einen Sterilisator, Kinderbetten und einiges mehr. Noch in diesem Jahr soll ein Röntgengerät installiert werden. Trotz dieser Investitionen ist das Nkoaranga-Hospital in den Augen europäischer Besucher in einem ziemlich desolaten Zustand. Dächer drohen einzustürzen, Patienten und ihre Familien müssen im Freien darauf warten, dass ein Arzt für sie Zeit hat. Personal ist immer knapp.

Je eher ein Klumpfuß korrigiert wird, desto größer sind die Erfolgschancen.

Die Kinderstation ist nur geöffnet, wenn das deutsche Ärzteteam anwesend ist. Das Geld für den regelmäßigen Betrieb fehlt, sagt Tanya van Braekel, eine energische Belgierin, die das Krankenhaus verwaltet. Die Landesregierung will, dass Kinder unter fünf Jahren sowie Schwangere und Patienten über sechzig gratis behandelt werden. „Aber genau diese Gruppen stellen den Großteil unserer Patienten, das geht einfach nicht“, erklärt van Braekel. An Gelder vom Staat zu kommen sei mitunter schwierig. Beispielsweise könne sie einen bestimmten Betrag für Medikamente erhalten, darf diese dann aber nur bei einer zentralen staatlichen Stelle kaufen. „Die ist permanent ausverkauft, und wenn ich das Geld dann nicht ausgeben kann, heißt es, wir bräuchten es wohl nicht.“ Dass die Klumpfuß-Patienten achtzehn Jahre nach den ersten Hilfseinsätzen immer noch von ehrenamtlich tätigen Ärzten aus dem Ausland operiert werden, macht van Braekel wütend: „Wir könnten das hier selbst leisten, uns fehlen nur die Mittel dazu.“

In der Tat versucht Annemarie Schraml, ihre Anwesenheit in Tansania nach und nach überflüssig zu machen. Zwei Ärzten des Nkoaranga-Hospitals hat ihr Projekt eine chirurgische Facharztausbildung bezahlt. Beide mussten unterschreiben, zumindest für die kommenden Jahre in Usa River zu bleiben, denn das Abwandern von qualifiziertem Personal ist für alle Entwicklungsländer ein Problem. Nun versorgt der eine Arzt Knochenbrüche, der andere operiert alles, angefangen vom Blinddarm bis zur Prostata. Doch an die schweren Klumpfuß-Fälle wagt sich keiner. Warum, das sagen sie nicht. Vielleicht haben sie schlicht Angst, der regelmäßige Fluss von Geld und Ausrüstung könnte versiegen, wenn Schraml dem Krankenhaus fernbleibt.

„Ich weiß nicht, woran es liegt. Aber so, wie wir uns das dachten, nämlich dass die beiden die Klumpfußoperationen übernehmen, hat es nicht funktioniert“, sagt die gebürtige Oberpfälzerin, die bis zu ihrer Pensionierung im Juli 2017 als Chefärztin an der Cnopf’schen Kinderklinik in Nürnberg wirkte. Vielleicht werde ja eine Mitarbeiterin aus Nkoaranga, die man im Medizinstudium unterstütze, in Zukunft die Aufgabe übernehmen.

Die Behandlung von Klumpfüßen im Säuglingsalter hat Schraml ebenfalls im Rahmen des Projekts auf den Weg gebracht. Dafür bedarf es keiner großen Operation wie beim dreizehnjährigen Hassan, die Therapie kann im Usa River Rehabilitation Center stattfinden. In diesem Zentrum, einer Einrichtung der evangelisch-lutherischen Kirche in Tansania, werden knapp achtzig behinderte Jugendliche in Berufen wie Schneider, Bäcker oder Tischler ausgebildet. Um die Lehrlinge kümmern sich vier Physiotherapeuten, die einmal in der Woche auch die Türen für eine ambulante Betreuung von externen Patienten öffnen.

In Arusha werden die Kinder vor und nach ihren Operationen betreut.

Als wir im August zu Besuch sind, sitzt eine Mutter auf der Behandlungsliege und hält ihr vier Wochen altes Baby im Arm, während die Physiotherapeutin Anne Madondo dessen Füßchen abtastet. Der Vater auf dem Stuhl daneben umklammert angespannt eine Handtasche. Was Madondo ihnen über das weitere Vorgehen erklärte, hat die Eltern sichtbar eingeschüchtert, aber nur wenn sie in den nächsten Jahren mitarbeiten, ist die Behandlung erfolgreich. Den Anfang übernehmen jetzt die Therapeuten. Sie drücken sanft die Fehlstellung unter dem Sprunggelenk in die richtige Position zurück, peu à peu, ein Gipsverband fixiert die neue Lage jeweils eine Woche lang. In der Regel genügt eine Serie von drei bis sieben Gipsen, um den Klumpfuß zu korrigieren, bei den meisten Kindern muss anschließend noch die Achillessehne mit einem kleinen Eingriff durchtrennt und verlängert werden.

Ist die Sehne verheilt, folgt die Behandlung mit einer Schiene aus der orthopädischen Werkstatt im Usa-River-Zentrum: Zwei über einen schulterbreiten Bügel verbundene Schuhe sorgen dafür, dass die Füße um 70 Grad nach außen gedreht werden, damit sie in der korrigierten Stellung bleiben. Zu Beginn müssen die Schienen drei Monate lang rund um die Uhr getragen werden, danach noch nachts und während des Mittagsschlafs, bis das Kind etwa vier Jahre alt ist. Wenn diese Vorgaben eingehalten werden, liegt die Erfolgsrate bei etwa 94 Prozent. Engagieren sich die Eltern jedoch nicht auf Dauer, ist ein Rückfall fast sicher, und man muss von vorne anfangen. Das wird natürlich nicht einfacher, je älter ein Kind wird. Es spürt dabei zwar keine Schmerzen, muss aber lästige Gipsbeine und Schienen ertragen. Am besten wirkt die Methode sowieso, wenn damit noch vor dem neunten Lebensmonat begonnen wird. Nach dem dritten Geburtstag allerdings wird wie bei Hassan eine größere Operation notwendig.

Das auf Gips und Schienen beruhende Konzept hat der Arzt Ignacio Ponseti an der Universität von Iowa entwickelt. Bereits 1963 beschrieb er die heute nach ihm benannte Methode. „Aber damals hat ihm niemand geglaubt“, sagt Annemarie Schraml. Neue, radikale Operationstechniken erschienen erfolgversprechender. Ein Irrtum. „Eine Operation hinterlässt immer Narben, und die können langfristig Schmerzen und steife Gelenke verursachen“, sag Schraml. Erst mit Hilfe des Internets fand die Ponseti-Methode Ende der 1990er Jahre größere Verbreitung. Eltern betroffener Kinder fanden im Netz Erfahrungsberichte, reisten mit der Familie nach Iowa oder forderten ihre eigenen Ärzte auf, Ponseti zu folgen. Nachdem der Erfinder 1995 sehr erfreuliche Langzeitergebnisse publiziert hatte, wurde seine Methode im zweiten Anlauf schnell zum Standard in den Industrienationen.

m Usa-River-Zentrum leiten die Physiotherapeuten regelmäßig Hebammen, Krankenschwestern oder Pfleger an, nach der Ponseti-Technik zu verfahren. Allerdings fehlt vielen Eltern schlicht das Geld, um Therapie und Schienen zu bezahlen. Das staatliche Gesundheitssystem übernimmt die Kosten bisher nicht, Krankenhäuser erhalten also auch keine Erstattung. In Usa River im Distrikt Arusha müssen Eltern nur einen symbolischen Betrag beisteuern, auch für die Operationen. Das geht aber nur hier, und Tansania umfasst an die 130 Distrikte.

Orthopäidsche Schienen helfen, wenn die Bahandlung frühzeitig einsetzt.

Obwohl die Wirtschaft in den vergangenen zehn Jahren kräftig gewachsen ist, steht Tansania im Human Development Index der Vereinten Nationen von 2015 immer noch weit unten, Platz 151 von 188 Ländern. Auf der Empfängerliste der deutschen bilateralen Entwicklungshilfe belegt das Land mit rund 84 Millionen Euro Rang 18. Ins Gesundheitswesen flossen davon nur 5,4 Millionen, die deutsche Entwicklungszusammenarbeit fokussiert sich auf Bildung, Infrastruktur und Wirtschaft. Anfang des Jahres hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung jedoch das Programm „Klinikpartnerschaften“ aufgelegt, bei dem sich die an zahlreichen deutschen Krankenhäusern bestehenden Hilfsprojekte um Förderung bewerben können. Es winken maximal 50 000 Euro über zwei Jahre. Das Nürnberger Feuerkinder-Projekt wurde in der ersten Förderrunde ausgewählt, aber auf Spenden ist man trotzdem angewiesen. Allein der Einsatz im August verschlang rund 80 000 Euro. Ende Oktober wird Annemarie Schraml wieder im Nkoaranga-Krankenhaus erwartet, ihr Operationsplan ist bereits voll.

Zwei Tage nach dem Eingriff sitzt Hassan trotz Gipsbein gut gelaunt auf dem Krankenbett. Der Dreizehnjährige kann es kaum erwarten, seinen neuen Fuß zu sehen, spricht von seinem Wunsch, „viel mehr zu lernen“ und Pilot zu werden. Am selben Tag verlässt ein Mädchen mit wippendem Rüschenrock das Usa River Rehabilitation Center, die Mutter trägt eine neue, passende Klumpfuß-Schiene in der Hand – es wird die letzte sein, die ihre Tochter tragen muss. Beide haben sich für diesen Termin fein gemacht, die Kleine trägt strahlend weiße Socken in schwarzen Lackschuhen. Das Stück Schokolade, das ihr die Physiotherapeutin geschenkt hat, hält sie fest umschlossen, als sie munter Richtung Ausgang hüpft. Dass ihre Füße einmal gekrümmt waren und jeden Schritt behindert hätten – davon ist nichts mehr zu merken.

Die Recherche für diese beiden Beiträge wurde durch ein Stipendium des European Journalism Centre gefördert.

Quelle: F.A.Z.