Medizin & Ernährung
Eizellspende

Wenn das Baby zum Fremdkörper wird

Von Martina Lenzen-Schulte
© dpa, F.A.Z.

Die Eizellspende wird zum favorisierten Verfahren von Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch. In den Vereinigten Staaten kommen bereits 75 Prozent aller künstlich gezeugten Kinder von Frauen jenseits der 40 nur mit Hilfe eines Dritten zustande, bevorzugt einer Eizellspenderin. In Europa beläuft sich die Zahl der Eizellspenden auf rund 30.000 pro Jahr, so die offiziellen Daten von 2013, die aber aktuell sicher schon weit übertroffen werden, da der Markt rapide wächst. Hierzulande ist die Eizellspende verboten – noch. Denn die Forderungen nach einer Legalisierung werden in Deutschland immer lauter, nicht zuletzt von Reproduktionsmedizinern.

Sie wollen nicht nur den Kinderwunschtourismus stoppen und gewährleisten, dass die Frauen nach deutschen Standards behandelt werden. Es geht auch darum, dass diese Schwangeren sorgfältig überwacht werden. Die Sorgen sind begründet. Denn solche Schwangerschaften mit einer genetisch fremden Oozyte sind in deutlich höherem Maße risikobehaftet als jene, die mit einer eigenen Eizelle zustande kamen.

Für lesbische Paare gibt es neue Möglichkeiten. Durch das so genannte Ropa-Verfahren sind beide Mütter mit dem Kind verwandt.
© dpa, F.A.Z.

Aus der – freilich unbegründeten – Angst vor rechtlichen Konsequenzen verschweigen viele Frauen, die im Ausland mittels Oozytenspende schwanger wurden, nicht selten die Umstände einer solchen Zeugung. Dem leisten kundenorientierte Fertilitätskliniken dadurch Vorschub, dass sie ihnen zweierlei Unterlagen für ihren Frauenarzt nach Deutschland mitgeben – medizinische Fake News sozusagen –, mittels deren sich der Eingriff bei Bedarf verschleiern lässt. Infolgedessen können sich die hier behandelnden Ärzte und Geburtshelfer nicht auf die Gefahren für Mutter und Kind während der Schwangerschaft und Geburt einstellen.

Körper kann von fremder DNA überfordert werden

Eine soeben erschienene Studie aus Skandinavien verdeutlicht, welche Risiken hier vor allem zu erwarten sind. Sie resultieren aus der Tatsache, dass die Gebärmutter, anders als man zunächst hoffte, kein vollkommen von der körpereigenen Abwehr abgeschirmter Raum ist. Ein Embryo ist stets ein Fremdkörper, er enthält zur Hälfte das Erbgut des Vaters. In einem fein austarierten System zur gezielten Unterdrückung der Immunantwort gelingt es dem weiblichen Organismus zwar, diesen halb fremden Organismus über neun Monate hinweg zu akzeptieren, sonst würde jedes Ungeborene gnadenlos abgestoßen wie ein Organtransplantat.

Ist die embryonale DNA fast völlig fremd, ist diese Duldung offenbar häufig überfordert. Sie wird nicht zuletzt über Mediatoren direkt in der Plazenta, dem Mutterkuchen, getriggert. So erklärt man sich, dass die Präeklampsie, die inzwischen als ein Problem der aus dem Ruder gelaufenen Immuntoleranz gedeutet wird, in diesen Schwangerschaften deutlich überrepräsentiert ist.

Gefahren für Mutter und Ungeborenes

Es handelt sich um eine chronische Blutdruckerhöhung bei der Schwangeren, die in lebensbedrohliche epileptische Krampfanfälle münden kann. Es kann sich außerdem ein „HELLP“-Syndrom entwickeln, bei dem sich die roten Blutkörperchen auflösen (Hämolyse), die Leber in Mitleidenschaft gezogen wird (elevated liver enzymes) und die Blutplättchen, die Thrombozyten, abnehmen (Thrombozytopenie).

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Gefürchtet sind vor allem mütterliche Komplikationen wie Hirnblutungen oder ein Leberriss. Aber auch das Ungeborene ist in Gefahr. Bei Schwangeren mit Präeklampsie kommt es häufiger zu Früh- und Totgeburten. In reicheren Nationen, in denen andere Schwangerschaftsrisiken zurückgedrängt wurden, sind die mit Schwangerschaftshochdruck einhergehenden Erkrankungen inzwischen für 16 Prozent aller mütterlichen Todesfälle verantwortlich.

Mehrlings-Schwangerschaften mit hohem Risiko

Ein multidisziplinäres Forscherteam aus Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden hat jetzt die Daten aus 35 Studien über die Risiken einer Eizellspende zusammengefasst und unter anderem die in diesen Ländern hervorragend dokumentierten Geburtskohorten ausgewertet. Danach verdoppelt die Eizellspende im Rahmen einer künstlichen Befruchtung das Risiko für eine Präeklampsie. Kommt es wie häufig bei Retortenkindern zu Zwillingen oder Mehrlingen, dann verdreifacht es sich sogar, wie M. Storgaard und seine Kollegen im „British Journal of Obstetrics and Gynaecology“ berichten.

Das fügt sich in das Erklärungsmuster dieser immunvermittelten Erkrankung, denn mehr Kinder bedeuten mehr fremde DNA, auf die die mütterliche Abwehr reagiert. Die Folgen der erhöhten Präeklampsierate konnten ebenfalls beobachtet werden. So fanden die Forscher, dass es außerdem vermehrt zu Blutverlusten nach der Geburt kam. Das Risiko war bei Schwangerschaften mit einem Kind 2,4 fach erhöht, handelte es sich um Mehrlinge, sogar fast fünffach. Unter den Einkindschwangerschaften gab es zudem deutlich mehr Frühgeburten (1,75fach), ebenso wie mehr Kinder mit zu geringem Geburtsgewicht (1,53fach).

Neue Optionen für homosexuelle Paare

Diese Erkenntnisse sind eine klare Empfehlung gegen das Verschweigen der Umstände der Zeugung. Denn je eher eine Präeklampsie erkannt wird, desto besser lassen sich die Risiken für Mutter und Kind therapeutisch in Schach halten.

Wichtig sind diese Beobachtungen auch für die Risikoaufklärung homosexueller weiblicher Paare, die sich ein Kind wünschen. Zur Erfüllung sind sie zwar auf einen Samenspender, jedoch keineswegs zwingend auf eine Laborzeugung mittels Eizellspende angewiesen. Wenn beide Frauen fruchtbar sind, so kamen bisher die Kinder in der Regel mit Hilfe einer intrauterinen Insemination zustande: Der Samen eines Spenders wurde in die Gebärmutter injiziert. Dann ist eine der beiden Frauen -– nämlich jene, die das Kind austrägt – genetisch mit ihm verwandt. Damit auch die andere Partnerin sich mehr verbunden fühlen kann, erhält diese Methode nun zunehmend Konkurrenz. Die Fertilitätskliniken im Ausland bewerben mit stetig wachsendem Erfolg das sogenannte Ropa-Verfahren („Reception of Oocytes from Partner“) für exakt diesen Kundenkreis als ein besonderes Erlebnis. So sollen sich „beide Frauen als Teil des Mutterschafts-Projekts“ fühlen können. Dafür spendet die eine Partnerin die Eizelle, und die andere trägt das Kind aus.

Weniger offen artikulieren diese Annoncen jedoch die möglichen Probleme sowie die Tatsache, dass letztlich auch nur eine der Partnerinnen ihr Genmaterial beisteuert. Denn während eine Insemination im Hinblick auf medizinische Risiken wie eine natürliche Zeugung zu bewerten ist, addieren sich beim Ropa-Verfahren die gesundheitlichen Gefahren einer Eizellspende zu den ohnehin größeren Risiken einer künstlichen Befruchtung. Nur eine ausführliche Aufklärung über diese Nachteile ermöglicht es den Paaren, eine erwünschte Beteiligung beim Zeugen und Austragen des Kindes dagegen abzuwägen.

Quelle: F.A.Z.
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