Wiesbadener Internistenkongress

Hepatitis, die stille Gefahr

Von Hildegard Kaulen
 - 14:53

Wenn das Risiko sinkt, sich mit einer Infektionskrankheit anzustecken, lässt auch das Interesse daran nach. Das war bei Aids so und ist offensichtlich auch bei Hepatitis B und C so. Vor Hepatitis-B-Viren schützt eine effiziente Impfung, vor Hepatitis-C-Viren die systematische Untersuchung aller Blutkonserven. In der öffentlichen Wahrnehmung werden beide Infektionen deshalb nur noch mit Extremsituationen wie Nadelstichverletzungen und Drogenmissbrauch in Verbindung gebracht.

Diese Sichtweise honoriere zwar die Wirkung der inzwischen eingeführten Präventionsmaßnahmen, so Michael Manns von der Medizinischen Hochschule Hannover und Sprecher des Kompetenznetzes Hepatologie beim diesjährigen Internistenkongress in Wiesbaden, verkenne aber die klinische Situation und die stille Gefahr, die von einer chronischen Leberentzündung ausgehe.

Folgeerkrankungen zu erwarten

Weil die unbehandelte Infektion früher oder später zu einer Leberzirrhose und schließlich zum Leberkrebs führe, müsse in den kommenden Jahren mit einer regelrechten Welle an diesen Folgeerkrankungen gerechnet werden. Jeder, der vor 1990 eine Blutkonserve erhalten habe, könne ohne sein Wissen chronisch infiziert sein und allmählich eine dieser Folgeerkrankungen entwickeln.

Thomas Berg von der Universitätsmedizin Berlin machte dies für die Hepatitis-B-Infektion anhand einiger Zahlen deutlich. So sollen in Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen mit dem Virus infiziert sein. Weniger als 15 Prozent wissen davon, und nur jeder Zehnte, der davon weiß, wird entsprechend behandelt. Auch bei der Hepatitis C gibt es eine hohe Zahl an nicht identifizierten Virusträgern. Michael Manns plädierte beim Internistenkongress dafür, die Suche nach ihnen zu einem Teil der normalen Vorsorgeuntersuchungen zu machen.

Reaktivierung von Hepatitis-B-Viren als Problem

Aber nicht nur die Zahl der zu erwartenden Folgeerkrankungen werde unterschätzt, so Manns, auch das Therapieziel werde nicht immer deutlich genug kommuniziert. Die Hepatitis-B-Infektion könne nur kontrolliert, aber nicht vollständig eliminiert werden, weil das Virus in den Leberzellen ringförmige Kopien seines Erbgutes hinterlasse, die immer wieder als Ausgangspunkt für die Vermehrung verwendet werden könnten.

Eine spätere Reaktivierung einer über Jahre in Schach gehaltenen Infektion durch eine Chemotherapie oder eine Abwehr unterdrückende Therapie sei deshalb ebenfalls ein wachsendes Problem, so Heiner Wedemeyer von der Medizinischen Hochschule Hannover beim Internistenkongress. Hepatitis-C-Viren könnten dagegen vollständig beseitigt werden. Das Therapieziel heiße deshalb Heilung, was bei der Hälfte der Infektionen auch tatsächlich gelinge. Gegen Hepatitis-B-Viren wurden seit 2003 in schneller Folge verschiedene oral verfügbare Wirkstoffe zugelassen, nachdem es lange Zeit nur das Interferon-alpha und das aus der Aidstherapie bekannte Lamivudin gab.

Kontrollierte Virenunterdrückung fordert Therepietreue

Mit den neuen Substanzen, die allesamt in die Vermehrung des Virus eingreifen, könne, so Thomas Berg, die Virusmenge rasch unter die Nachweisgrenze gedrückt und dort auch gehalten werden. Um Resistenzen zu vermeiden, werde mit Kombinationen behandelt oder mit Substanzen, die eine geringe Neigung haben, durch Resistenzbildung inaktiviert zu werden. Mit dieser Behandlungsstrategie könne man heute 95 Prozent der Hepatitis- B-Erkrankungen kontrollieren, die Therapietreue sei aber eine wichtige Voraussetzung dafür. Außerdem gehe mit diesen neuen Wirkstoffen auch die Entzündung und der Umbau des Lebergewebes zurück. Trotzdem braucht noch jeder zwanzigste Patient mit einer chronischen Hepatitis B früher oder später eine Lebertransplantation.

Bei der Hepatitis C ist die Behandlungssituation grundlegend anders. Nahezu alle akuten und die Hälfte der chronischen Infektionen mit bestimmten Genotypen heilen unter der gängigen Standardtherapie mit pegyliertem Interferon-alpha und Ribavirin vollständig aus. Die andere Hälfte der Patienten reagiert nicht, kaum oder nur schleppend. Für eine Heilung ist aber ein rascher Abfall der Virusmenge notwendig.

Neue Wirkstoffe

Wie Peter Ferenci von der Universitätsklinik in Wien erläuterte, gibt es verschiedene Gründe für das Nichtansprechen. Einen negativen Einfluss haben Alter, Geschlecht, Rasse, Begleiterkrankungen und gegebenenfalls die Virusvariante. Der in Deutschland vorherrschende Genotyp 1 könne schlechter behandelt werden als die in Asien dominierenden Genotypen 2 und 3. Negativ wirkten sich auch Übergewicht, Alkoholmissbrauch und eine mangelnde Therapietreue aus.

Behandlungskonzepte wie eine Dauertherapie mit niedrigen Dosen der Standardmedikamente hätten sich, so Ferenci weiter, nicht bewährt. Aber eine Verlängerung oder eine Wiederholung der Standardtherapie sei sinnvoll. Offensichtlich könne man damit 14 Prozent der Patienten doch noch heilen. Die Daten dazu sollen beim europäischen Leberkongress in Kopenhagen vorgestellt werden.

Die größten Hoffnungen ruhen allerdings auf den neuen, noch in der Entwicklung befindlichen Wirkstoffen. Weil sich das Hepatitis-C-Virus lange Zeit nicht im Labor vermehren ließ, konnten erst in den vergangenen Jahren spezifische, an den Virusproteinen ansetzende Substanzen gefunden werden. Wie Christoph Sarrazin von der Universitätsklinik in Frankfurt beim Internistenkongress berichtete, sprechen in Kombination mit den beiden Standardmedikamenten 40 bis 70 Prozent der Therapieversager - je nach Mittel und Studie - auf diese Behandlung an.

Quelle: F.A.Z.
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