Artenschutz

Hoffnung für einen Fisch

Von Andrea Rehmsmeier
 - 18:53
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Der Kaviar kam den Kontrolleuren irgendwie verdächtig vor. So musste ein Teil der teuren Delikatesse dran glauben. Das Rohprotein wurde vom Fett getrennt und im Labor der Agroisolab GmbH in Jülich als dickflüssiges, rötliches Öl einer „Multielement-Stabilisotopen-Analyse“ unterzogen. Mit diesem aufwändigen Verfahren beauftragen deutsche Behörden die Firma immer dann, wenn für organische Handelswaren ein Herkunftsnachweis geführt werden muss.

Die Spezialisten wurden fündig. Die Kaviarprobe, die angeblich aus einer hessischen Störzuchtanlage stammte, führte geradewegs ins Herz des internationalen Handels mit einer bedrohten Tierart. Wegen Steuerhehlerei und Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz wurde der betrügerische Störzüchter im Herbst 2013 dann auch zu einem Jahr Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt.

Kein Einzelfall: Das UN-Umweltprogramm (UNEP) schätzt den Jahresumsatz durch den Handel mit geschützten Spezies auf 50 bis 150 Milliarden Dollar. Noch einmal bis zu 23 Milliarden gehen auf das Konto der illegalen Fischerei. Während die Wilderer aufrüsten und immer professioneller werden, sehen Gesetzgeber, Strafverfolgungsbehörden und Liebhaber exotischer Lebewesen das illegale Treiben häufig nur als ein Kavaliersdelikt an.

Die Spur führte zum Kaspischen Meer

In Jülich ist man jetzt dabei, einen Kaviarkataster anzulegen. Anfangsinvestition: etwa zehntausend Euro, finanziert über das Zollkriminalamt Essen und die Europäische Union. Dazu kommen die Kosten von dreihundert Euro pro Einzeluntersuchung. Billig ist diese Art der Strafverfolgung nicht - aber sie besteht vor Gericht. „Stabile Isotope sind der physikalische Fingerabdruck der Natur“, sagt der Agroisolab-Geschäftsführer Markus Boner. „Jedes Isotop erzählt uns seine eigene Geschichte, zum Beispiel über die Beschaffenheit des Wassers, in dem der Beluga-Stör geschwommen ist, und über die Nahrung, die er gefressen hat.“

So war auch das Stör-Weibchen, von dem die inkriminierte Probe stammte, keineswegs in der hessischen Zuchtanlage aufgewachsen. Es hatte im Kaspischen Meer gelebt, einer krisengeschüttelten Region, die geprägt ist durch umweltzerstörerische Erdölförderung, gewaltsam ausgetragene Territorialkonflikte und grassierende Armut. In den wilden neunziger Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unterhielten hier Neureiche eigene Fangflotten. Kämpfer aus den südrussischen Krisenrepubliken Dagestan und Tschetschenien finanzierten ihre Waffenkäufe über die Währung Schwarzer Kaviar. Ausgerüstet mit Sonaren, Navigations- und Kommunikationsgeräten, trieben Schnellboote die Störe mit Unterwassersprengungen wie Schlachtvieh vor sich her. Während auf dem Weltmarkt Nachfrage und Preis des Gourmet-Produkts in die Höhe schossen, lieferten sich Wildererbanden aus Russland, Turkmenistan, Kasachstan und Aserbaidschan blutige Kriege.

Das Beluga-Weibchen, von dem der untersuchte Rogen stammte, muss mindestens die zwanzig Lebensjahre bis zur Geschlechtsreife überlebt haben. Vom Salzwasser des Kaspischen Meeres muss es ins Süßwasser der Wolga gewandert sein, um dort seichtes Brackwasser zum Laichen zu suchen.

Das lebende Fossil

Ihr Instinkt lässt die Störe Hunderte, manchmal Tausende Kilometer gegen den Strom schwimmen. So wie bereits ihre Vorfahren vor 250 Millionen Jahren. Auf diese Weise haben sie die Dinosaurier und etliche andere Tierarten unseres Planeten überlebt. Doch wo früher Sümpfe und Auen waren, da gibt es heute Kanäle. Wasserkraftwerke wie der 47 Meter hohe Staudamm bei Wolgograd schneiden den Fischen die alten Wanderwege ab. Die Flussbetten sind gespickt mit den Hakenleinen der Wilderer. Einer dieser nadelspitzen Haken muss sich dem Belugaweibchen beim Gründeln in die weiche Bauchdecke gebohrt haben. Traditionsgemäß wurde der Rogen lebend herausgeschnitten, eingesalzen, eingedost und auf dunklen Kanälen ins reiche Deutschland geschickt, über Kuriere, Firmen und Scheinfirmen. Verpackt, etikettiert und transportiert, umverpackt, umetikettiert und weitertransportiert.

In der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten, in den Arabischen Emiraten und der Moskauer High Society zahlen Gourmets bis zu 6500 Euro pro Kilo Beluga-Rogen. In den Jahren nach dem Zusammenbruch des Ostblocks galt der europäische Markt für schwarzen Kaviar als weitgehend illegal. Allein im Jahr 2001, auf dem Höhepunkt der Störwilderei, wurde in den Vereinigten Arabischen Emiraten unlizenzierter Kaviar im Wert von zwanzig Millionen Dollar umgeschlagen und nach Asien, Europa und Nordamerika geschmuggelt. Innerhalb weniger Jahre brachen die Störpopulationen im Kaspischen Meer zusammen.

Heute gilt das lebende Fossil als Symboltier des Artenschutzes in Europa, ähnlich wie das Nashorn in Afrika und der Tiger in Asien. Seit 2006 ist der internationale Handel mit Produkten von wild gefangenen Exemplaren der 27 Störarten aus dem Kaspischen Meer, dem Schwarzen Meer und deren Zuflüssen unter der „Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora“ (CITES) des Washingtoner Artenschutzabkommens verboten. Speziell für den internationalen Handel mit Störkaviar haben die Vertragsstaaten ein einheitliches Kennzeichnungssystem eingeführt, das die EU in europäisches Recht übernommen hat. Das Siegel, das jede einzelne Kaviardose tragen muss, soll die Herkunft des Kaviars über die gesamte Lieferkette hinweg dokumentieren, bis hin zur Zuchtfarm der Elterntiere. In Deutschland haben alle Bundesländer unter dem Dach des Bundesamtes für Naturschutz eigene Stellen eingerichtet, die den Handel mit Kaviar kontrollieren.

Wenn der Lebensraum zerstört ist

Tatsächlich gilt zumindest der deutsche Markt dank gezielter Zoll- und Lebensmittelkontrollen sowie erfolgreicher Kriminalermittlungen inzwischen als weitgehend sauber. Das Hochpreissegment, das bis vor wenigen Jahren fast vollständig in den Händen einer Mafia war, wird heute durch Kaviar aus Aquakulturen bedient. Doch was nützen Behördenkontrollen in Deutschland, wenn die illegalen Netzwerke international sind?

Wilderei ist nicht die einzige Gefahr, die dem wilden Stör droht. Das kaspische Forschungsinstitut für Fischwirtschaft in der südrussischen Wolga-Metropole Astrachan schreibt, durch den Rückgang des Wasserspiegels seien die Unterläufe der Wolga in einem „deprimierenden ökologischen Zustand“. Von einem Aussterben der wilden Störe will der stellvertretende Generaldirektor dennoch nichts wissen. „Unser Staat stützt die Störpopulationen auf dem Weg der künstlichen Nachzucht“, sagt Sergej Schipulin. Seit der Bau des Staudamms bei Wolgograd in den sechziger Jahren die natürliche Vermehrung der Wanderfische unmöglich gemacht hat, werden Störlarven im Kaspischen Meer ausgesetzt: dreißig Millionen allein im Jahr 2013. „Insgesamt sind die Bestände stabil“, sagt Schipulin. „Aber wenn die Störpopulationen je wieder wachsen sollen, dann müssen mehr staatliche Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden.“

Können Staatsprogramme eine Spezies retten, deren Lebensraum zerstört ist? Können Zuchttiere eine natürliche Population ersetzen, nur weil man ihnen zwischen Retortenzeugung und Tod am Haken ein paar Jahre in Freiheit ermöglicht? Und wird die russische Regierung die Nachzucht auch dann noch weiter finanzieren, wenn Wirtschaftskrisen den Staatshaushalt schrumpfen lassen und Wildfänge womöglich nicht der steuerpflichtigen Fischwirtschaft, sondern nur den Wilderern zugute kommen? „Unser Staat handelt in dieser Hinsicht sehr verantwortlich. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich das in Zukunft ändern könnte“, sagt Schipulin. „Wenn die Nachzuchtprogramme jedoch tatsächlich eingestellt würden - in diesem rein hypothetischen Fall würden der Beluga und weitere wildlebende Störarten des Kaspischen Meeres aussterben.“

Die löchrigen Kontrollen

Immerhin ist der Handel mit Produkten von wilden Stören sämtlicher kaspischer Arten auch in Russland verboten. Geringe Fangquoten für wilde Störe gibt es nur für Forschungs- und für Nachzuchtzwecke. Als Russlands Kontrollorgan beim Export von Störprodukten und als offizielle Vergabestelle für das obligatorische CITES-Artenschutzsiegel fungiert das staatliche Institut für Fischzucht und Ozeanologie in Moskau. Auf dem Schreibtisch von Nikolaj Mjuge steht ein Aquarium, in dem zwei junge Störe rastlos ihre Runden drehen. Auch dem russische Staat war der Kampf gegen die Störwilderei schon hohe Investitionen wert: Für den Herkunftsnachweis von Kaviarproben kann der Molekulargenetiker Mjuge auf eine der weltgrößten Gen-Datenbanken mit rund zehntausend DNA-Mustern zurückgreifen. „Das funktioniert wie der Vaterschaftstest beim Menschen“, erklärt Mjuge. „Kaviar, bei dem wir nicht eindeutig nachweisen können, dass er tatsächlich aus Aquakultur stammt, würden wir niemals eine Exportgenehmigung erteilen.“

Beim innerrussischen Handel mit Störprodukten jedoch ist das Kontrollsystem löchrig. Seit das Fangverbot in Russland gilt, wird eben aus Kasachstan importiert. Auch in der südrussischen Unruherepublik Dagestan, wo das öffentliche Leben längst der staatlichen Kontrolle entglitten ist, geht die Störwilderei weiter. „Und jetzt kommt alles zusammen: die Wilderei, die Verbauung der Ufer und Flussläufe, die Verschmutzung des Kaspischen Meeres“, sagt Mjuge.

In Deutschland soll die Geschichte weitergehen

Das Drama einer sterbenden Art, die aus einem schnell schrumpfenden Genpool schöpft, offenbart sich schon beim näheren Blick in Mjuges Aquarium. Der kleinere der beiden Störe hat zwei Schnauzen. Er ist ein Mutant. „Seit etwa fünf Jahren werden nur noch so wenige Wildstöre gefangen, dass nicht einmal die geringen Fangquoten für Nachzuchtzwecke erfüllt werden können“, sagt Mjuge. „Wir steuern direkt auf den Zusammenbruch der genetischen Basis zu.“

Ausgerechnet in Deutschland, wo der Stör schon vor knapp einem Jahrhundert ausgestorben ist, soll die bedrohte Art eine Überlebenschance bekommen. In Born auf dem Darß, inmitten von Ostsee-Dünen und Dörfern mit reetgedeckten Häusern, soll die Geschichte der Urfische weitergeschrieben werden. Auf dem Innenhof der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern rangiert ein Kleintransporter. Gerd-Michael Arndt, Sachgebietsleiter Binnen- und Küstenfischerei, bereitet für vierhundert Exemplare des Atlantikstörs den Weg in die Freiheit vor.

An Oder und Elbe war der Stör das erste prominente Opfer von Staudamm-Bau und Flussbegradigung. Jetzt will die deutsche „Gesellschaft zur Rettung des Störs“ das Rad zurückdrehen: Seit 1996 wurden die Flussläufe mit rund einer halben Million Jungfische besetzt. Internationale Kooperationsprogramme mit den Fischereibehörden der Ostsee-Anrainerstaaten sollen den Laichtieren das unbehelligte Wandern ermöglichen.

Die sattgrüne Auenlandschaft im Nationalpark Unteres Odertal nahe Angermünde soll die Kinderstube für die nächsten Jungstöre sein. Das Wasser in den Transportbehältern brodelt vor zappelnden Flossen. Ein Mitarbeiter greift hinein. Zutage kommt ein Fischlein, groß wie seine Hand, das sich mit kräftigen Schwanzschlägen gegen den Griff wehrt. Mit seiner spitzen Schnauze, der filigran gemusterten Reptilienhaut und dem weißen Bauch erinnert es an ein winziges Krokodil. Ein Wesen aus der Retorte, aber ausgestattet mit dem Millionen Jahre alten Instinkt, gegen den Strom zu weit entfernten Laichplätzen zu wandern. Ob es sich nach Generationen der Intensivhaltung im Bassin daran erinnert? Etwas benommen verharrt der kleine Stör in der ungewohnten Oder-Strömung. Dann, mit einem Flossenschlag, ist er im trüben Uferschlamm verschwunden.

Die Recherche wurde von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert.

Quelle: F.A.S.
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