Natur
Mensch und Affe

Sind sie denn nicht wie wir?

Von Claudia Füßler und Frank Röth (Fotos)
© Frank Röth, F.A.S.

Der Mann im Zoo von Barcelona hält eine Kastanie hoch, lässt sie in einem Plastikbecher verschwinden, den er mit einem Deckel verschließt. Neben ihm sitzt - hinter einer Glasscheibe - ein junger Orang-Utan und verfolgt aufmerksam das Geschehen. Der Mann schüttelt den Becher, lässt dabei unauffällig die Kastanie herausfallen und präsentiert dem Affen das leere Gefäß. Der stutzt zunächst, dann bricht er in Gelächter aus. Er kippt um vor Lachen und wälzt sich auf dem Boden. Süß, nicht?

Im Zoo von Omaha im amerikanischen Bundesstaat Nebraska albert eine Familie vor dem Gorillagehege herum. Die kleine Tochter imitiert einen Affen und trommelt sich mit den Fäusten auf die Brust, sie lacht. Ein Gorilla, der direkt an der Scheibe sitzt, nimmt das stoisch zur Kenntnis. Doch im Hintergrund registriert auch das Männchen Kijito die Besucher. Es kommt herangeschlendert, nimmt plötzlich Anlauf und wirft sich mit seinen 170 Kilogramm gegen die Glasscheibe. Die bekommt Risse, hält aber. Beängstigend, oder?

Das dreijährige Orang-Kind Sayang (rechts) und sein großer Bruder Lucu im Frankfurter Zoo
© Frank Röth, F.A.S.

Damit könnte man ganze Winternachmittage auf Youtube verbringen: Ein Baby-Gorilla, der mit einem kleinen Jungen verstecken spielt. Ein Orang-Utan, der mit Schwamm und Putzwasser die Fliesen in seinem Gehege schrubbt. Ein Gorilla, der mit einem Zoobesucher auf dessen Smartphone Bilder seiner Artgenossen anschaut. Ein Schimpanse, der auf der Playstation daddelt - die Liste ist endlos, und hat ihr Publikum. Mehr als zwölf Millionen Mal ist das Video mit dem Zaubertrick angeschaut worden - innerhalb einer Woche, nachdem es hochgeladen worden war. Den „Aggro-Gorilla“ aus Omaha, wie ihn die österreichische Boulevardpresse nannte, sahen seit der Veröffentlichung des Videos im April letzten Jahres mehr als 31 Millionen Menschen.

Unheimlich ähnlich

Auch Katzen, Pandababys und Otter machen zuweilen seltsame Sachen. Auch das wird gefilmt, auch das wird geguckt. Aber Katzen, Pandababys und Otter können wir mit einer Art erhabenen Distanz beobachten. Die Arroganz des Klügeren lässt uns gutmütig „Och, wie niedlich!“ rufen. Das tun wir zwar ebenfalls, wenn ein Schimpansenbaby sich an seine Mutter klammert. Und doch mischt sich hier in die Begeisterung oft ein leichter Grusel - weil die Geste, mit der die Mutter ihrem Sprössling liebevoll über den Kopf zaust, uns so wahnsinnig bekannt vorkommt.

Wie ähnlich ist der Affe dem Menschen? Genauer: Wie ähnlich ist ihm der Menschenaffe? Diese Frage beschäftigt Forscher seit fast zwei Jahrhunderten. Allein die Tatsache, dass der Homo sapiens sich für die Bezeichnung Menschenaffe entschieden hat, legt nahe, dass er in Mimik, Gestik und Verhalten der großen Affen ein Stück weit sich selbst erkennt. Wissenschaftliche Theorien dazu, dass die Ähnlichkeit nicht nur gefühlt ist, gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Naturforscher stritten damals heftig um die Ursprünge des Menschen. Als Charles Darwin 1871 in seinem Buch „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ darlegte, was schon andere vor ihm vermutet hatten, nämlich dass Mensch und Affe miteinander verwandt seien, war die Empörung zunächst groß. Damals wie heute deuten viele diese Theorie als „Der Mensch stammt vom Affen ab“. Das aber ist schlichtweg falsch. Der Affe ist kein Vorfahre des Menschen, vielmehr gibt es einen gemeinsamen Vorfahren von Affe und Mensch.

Die großen Menschenaffen sind unsere engsten heute lebenden Verwandten. Evolutionsbiologisch stehen sie uns zwar deutlich ferner als jener gemeinsame Vorfahre, der vor sechs bis acht Millionen Jahren gelebt haben muss, denn sie haben sie eine ähnlich lange Geschichte der Anpassung an ihre spezifischen Lebensräume hinter sich wie der Homo sapiens. Taxonomisch jedoch gehören sie wie wir zur Familie der Menschenartigen, der Hominidae. Neben Menschen (Gattung Homo) gibt es Schimpansen und Bonobos (Gattung Pan), Gorillas (Gattung Gorilla) sowie Orang-Utan (Gattung Pongo). Wie die Gibbons, auch „kleine Menschenaffen“ genannt, besitzen sie keinen Schwanz, und ihre vorderen Gliedmaßen sind länger als die hinteren. Orang-Utans nutzen das zum Klettern, Gorillas, Bonobos und Schimpansen bewegen sich lieber auf allen vieren über den Boden.

Auch Affen führen Kriege

Unser nächster Verwandter ist der Schimpanse. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass er bis zu 99,4 Prozent über dieselben Erbinformationen verfügt wie wir - so viel Übereinstimmung wie mit keinem anderen Menschenaffen. Vor knapp vier Jahren erst haben Wissenschaftler am britischen Sanger Institute das Genom eines Gorillas entziffert und dabei entdeckt, dass uns diese Gattung näher steht als bisher gedacht - die Genome stimmen zu 98 Prozent überein. Und: 15 Prozent des menschlichen Genoms sind näher an dem des Gorillas als am Schimpansengenom. „Wir haben herausgefunden, dass Gorillas viele genetische Veränderungen mit dem Menschen gemein haben, darunter die Entwicklung des Gehörs“, sagte Chris Tyler-Smith, Mitautor der Studie.

Die hohe genetische Ähnlichkeit allein sorgt noch nicht für verwandtschaftliche Gefühle. Viel mehr ist es das in den vergangenen Jahrzehnten beobachtete Verhalten der Affen, das den Schluss nahelegt: Die sind eigentlich wie wir. Im positiven wie im Negativen. Denn Menschenaffen verfügen nicht nur über Sozialstrukturen, benutzen Werkzeuge oder kommunizieren miteinander. Schimpansen zum Beispiel führen auch Kriege und bringen Artgenossen um, wenn es sein muss.

Als Katja Liebal zum ersten Mal Orang-Utans beobachtete, wurde ihr klar, dass die Grenzen zum Menschen nicht so klar gezogen werden können, wie sie mancher gerne ziehen würde. „Da war ein Gefühl der Verbundenheit, das ich bis heute immer wieder bei meiner Arbeit erlebe“, sagt die Professorin, die derzeit an der Freien Universität Berlin in der vergleichenden Entwicklungspsychologie forscht. Heute kann sie die Affen besser einschätzen als zu Beginn ihrer Untersuchungen vor gut 15 Jahren. Allerdings würde sie nicht so weit gehen, zu behaupten, die Tiere zu verstehen. „Gerade Orang-Utans sind mir oft noch ein Rätsel. Da passiert viel im Stillen, sie beobachten intensiv und überraschen einen dann mit der Art und Weise, wie sie auf etwas reagieren oder handeln.“ Deutlich expressiver seien Schimpansen. Bei ihnen könne man recht gut einschätzen, ob ein Tier gleich mit der Fellpflege oder zu spielen anfängt oder es gar zu einer Auseinandersetzung kommt.

Ich zeig dir, was ich meine

Um die Menschenaffen besser verstehen zu können, erforschen Liebal und ihre Kollegen vor allem die Gesten von Schimpansen. Sie vergleichen sie zum Beispiel mit den Gesten von Kleinkindern, die noch nicht sprechen können. Das stellte sie schon definitorisch vor Probleme: Eine Geste ist ein absichtliches, gerichtetes kommunikatives Verhalten. Woher aber will man wissen, welche Handbewegung eines Schimpansen intendiert und welche reiner Zufall ist? Dem schwierigen Studiendesign zum Trotz machten die Wissenschaftler eine interessante Entdeckung: Menschliche Kleinkinder nutzen Gesten vor allem, um auf sich oder Dinge aufmerksam zu machen: „Guck mal, hier bin ich!“, „Guck mal, das da!“ Die Schimpansen hingegen bedienen sich der Gesten vor allem, wenn es um Handlungen geht: Sie zeigen, dass sie spielen wollen, signalisieren dem Gegenüber, dass es weggehen soll, oder nutzen Handzeichen beim Teilen von Futter. Sie sind also ganz pragmatisch orientiert.

Dass Großaffen auf komplexe Weise miteinander kommunizieren, ist lange bekannt. Ihr Repertoire an Gesten ist beträchtlich. Allerdings sind die Gebärden bisher nur bei Tieren näher untersucht, die in Gefangenschaft leben. Anne Russon vom Glendon College und Kristin Andrews von der York University in Toronto haben Beobachtungen ausgewertet, die sie im Laufe von fast zwanzig Jahren bei Orang-Utans auf Borneo gemacht hatten. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Affen sich aus einem Fundus von Pantomimen bedienen, um ein Anliegen zu verdeutlichen, das zunächst nicht verstanden wird. Doch weil sie ausgewilderte Orang-Utans beobachteten und der Großteil der Gebärden einem menschlichen Gegenüber galt, lässt auch das keine stichhaltigen Rückschlüsse auf die Verwendung von Gesten bei frei lebenden Orang-Utans zu. Einige Experten vermuten sogar, dass in Gefangenschaft lebende Menschenaffen deutlich mehr gestikulieren als solche in Freiheit - sie haben schließlich mehr Zeit, müssen sich nicht vor Feinden in Acht nehmen oder Nahrung suchen. Dem widerspricht eine Untersuchung zweier schottischer Wissenschaftler: Im vergangenen Jahr haben Catherine Hobaiter und Richard Byrne von der Universität St. Andrews in Current Biology eine Arbeit veröffentlicht, für die sie die Gebärden von Schimpansen im Urwald von Uganda auf Video aufgenommen und analysiert hatten. Sie kamen auf insgesamt 66 Gebärden, welche die Primaten zur Kommunikation nutzten.

Man kann den Affen in Gefangenschaft vieles beibringen. In freier Wildbahn lernen sie anders.

Wie aber lernen Affen Gesten? Und können wir diese Gesten nutzen, um mit den Affen zu kommunizieren? Oder ihnen unsere Gesten beibringen? Auch dieser Frage sind bereits viele Forscher mit verschiedenen Methoden nachgegangen. Sie imitierten die Laute von Schimpansen in der Annahme, dass ihre Kommunikation ähnlich wie die des Menschen über eine Art Sprache funktioniere. Sie brachten ihren Schützlingen ein Portfolio an Gesten bei, mit denen diese dann um etwas bitten, auf Fragen des Menschen reagieren oder sich ausdrücken konnten. In den neunziger Jahren machte vor allem das Gorillamädchen Koko Schlagzeilen, das an die tausend englische Begriffe in Gebärdensprache ausdrücken konnte. Vorausgegangen war dieser Leistung jahrelanges Training. Es blieb ein singulärer Erfolg. Denn auch wenn die Schimpansenforscherin Jane Goodall bereits in den siebziger Jahren berichtete, dass Schimpansen Gesten nutzen - wie diese erworben werden, wissen Forscher bis heute nicht.

In Gefangenschaft fällt es nicht schwer, Menschenaffen einzelne Gesten beizubringen. Trainiert man zum Beispiel einen Schimpansen darauf, dass er Futter bekommt, wenn er eine bestimmte Gebärde macht, lernt er das recht schnell. Bringt man ihn dann aber zurück in seine Gruppe und wiederholt das Ganze vor seinen Artgenossen, passiert - nichts. Obwohl die anderen Tiere sehen, dass der Gestenmacher mit einer Nascherei belohnt wird, imitieren sie ihn nicht. „Dabei wäre das die ideale Gelegenheit, um etwas durch einfaches Nachmachen zu lernen“, sagt Katja Liebal. Stattdessen habe man beobachtet, dass die Tiere vor allem solche Dinge voneinander lernen, die sie selbst entwickeln. „Wenn ein Affe eine neue Verhaltensweise an den Tag legt und merkt, dass ein anderes Tier darauf wie gewünscht reagiert, dann wird er dieses Verhalten zunehmend ritualisieren und in sein Repertoire aufnehmen.“

Wer kommuniziert, pflegt in der Regel auch sozialen Umgang. Das gilt auch für Menschenaffen, allerdings in Maßen und unter stets neuen Bedingungen. Ausschlaggebend sind meist Hierarchien und freundschaftliche oder familiäre Bindungen. Sind die nicht gegeben, wird gern auch kurzer Prozess gemacht. So sind Schimpansen Artgenossen aus anderen Sippen gegenüber sehr aggressiv. Konkurrenten werden da auch schon mal schlicht ermordet. Bonobos hingegen sind extrem harmoniebedürftig. Für eine Kuscheleinheit oder Sex treten sie sogar Futter an gruppenfremde Tiere ab.

Menschenrechte für Menschenaffen?

An der FU Berlin hat Liebals Kollegin Kathrin Kopp untersucht, wie prosozial, also hilfsbereit, sich Orang-Utans beim Verteilen von Futter verhalten. Dafür hat sie Orang-Utans Dinge zum Fressen gegeben, die nicht ohne weiteres teilbar sind, einen Kürbis etwa oder eine Ananas. So waren die Tiere gezwungen zu interagieren. Während Schimpansen dafür bekannt sind, immerhin zu tolerieren, wenn ihnen ein Gruppenmitglied Fressen wegnimmt, zeigen sich Orang-Utans großzügiger: Sie akzeptieren nicht nur den Futterklau, sondern bieten anderen Tieren aktiv etwas von ihrem Futteranteil an, darunter mitunter auch gute Happen. Wer bei der Verteilung begünstigt wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, zum Beispiel dem Rang, dem Verwandtschaftsgrad oder einer freundschaftlichen Beziehung. Es ist durchaus plausibel, dass diese Freigebigkeit durchdacht ist und als sozialer Kitt oder auch als eine Form von Bestechung fungiert.

Sie planen und fühlen, sie kommunizieren und denken, ganz zu schweigen von der genetischen Ähnlichkeit - das alles sind Argumente, die Tierrechtler und in jüngerer Zeit auch Wissenschaftler ins Feld führen, wenn sie Grundrechte für die großen Menschenaffen fordern: Wesen, die dem Menschen in ihren kognitiven, affektiven und sozialen Fähigkeiten derart ähneln, müssten auch ähnlich wie Menschen behandelt werden.

Die internationale Initiative Great Ape Project (GAP) will unter anderem das Recht auf Leben und den Schutz der individuellen Freiheit für alle Mitglieder der Familie der Menschenaffen erwirken. Die Idee geht auf das Buch „Menschenrechte für die großen Menschenaffen“ zurück, das 1993 von den Philosophen Paola Cavalieri und Peter Singer herausgegeben worden ist. Darin fordern 34 Autoren - darunter auch Jane Goodall und Richard Dawkins -, die großen Menschenaffen in Ethik und Rechtsprechung mit einzubeziehen. Unter anderem Neuseeland hat darauf reagiert und schon 1999 die „nicht humanen Hominiden“ im Tierfürsorgegesetz stärker geschützt. Seither dürfen Experimente an Gorillas, Orang-Utans, Bonobos und Schimpansen nur noch dann durchgeführt werden, wenn die Ergebnisse ihnen selbst zugutekommen.

Nur wenige Zoos sind menschenaffenwürdig

Schutz der individuellen Freiheit bedeutet aber auch: Menschenaffen haben in Zoos nichts zu suchen. Diese Meinung vertritt vehement Colin Goldner. Der Psychologe und Wissenschaftsjournalist leitet das GAP in Deutschland. Vergangenes Jahr hat er unter dem Titel „Lebenslänglich hinter Gittern“ eine Studie veröffentlicht, mit der er viele deutsche Zoodirektoren gegen sich aufgebracht hat. Gemeinsam mit Kollegen hat er drei Jahre lang die hiesigen Zoos untersucht, darunter die 38, in denen Menschenaffen gehalten werden. Sein Fazit: Die allermeisten dieser Primaten hausen menschenaffenunwürdig in zu kleinen Gehegen und unter katastrophalen Bedingungen. Nur wenige Zoos, darunter die in Leipzig, Frankfurt oder München, bemühten sich ernsthaft um Verbesserungen.

Für diejenigen Orang-Utans und Gorillas, die heute in Zoos leben, ist das der einzige Weg. Denn für sie kommt die Forderung nach Freiheit zu spät. Die Zootiere sind heute allesamt Nachzuchten, haben also nie einen echten Urwald gesehen. Wilderte man sie aus, würden sie nicht lange überleben. Zoos, in denen es keine Menschenaffen gibt, könnte es also frühestens in einigen Jahrzehnten geben, wenn das letzte der in Gefangenschaft lebenden Tiere gestorben wäre. Bis dahin, so der Wunsch Goldners, müsse man den Tieren ein artgerechtes Leben mit ausreichend Freiraum ermöglichen.

Viel Platz, Rückzugs- und Klettermöglichkeiten

„Extrem stark, extrem gefährlich, mit einem Mordsgebiss“ - so beschreibt der Frankfurter Zoodirektor Manfred Niekisch die Menschenaffen, die ihm besonders ans Herz gewachsen sind. In seinem Zoo leben zurzeit zwei erwachsene Orang-Utan-Weibchen und zwei männliche Jungtiere. Unter Berücksichtigung des Europäischen Erhaltungszuchtprogrammes würde man die Gruppe gerne demnächst erweitern: um ein weibliches und ein männliches erwachsenes Tier; das Männchen soll ein Zuchtbuchtier sein - Alter und Genetik müssen passen. Niekisch ist ein großer Fan der Orang-Utans und trotzdem der Meinung, dass man sie problemlos in Zoos halten kann. „Wir tun alles dafür, dass es ihnen gutgeht“, sagt der international angesehene Naturschutzexperte und verweist auf Charly, den die Frankfurter im Oktober 2014 mit 57 Jahren einschläfern mussten - in freier Wildbahn werden Orang-Utans im Durchschnitt 35 Jahre alt. Die Frankfurter Ponginen haben ein riesiges Gehege mit Rückzugsräumen. Das ist wichtig, weil sie von Natur aus Einzelgänger sind. Sie lassen sich zwar in Gruppen halten, gehen aber auch gerne ihre eigenen Wege. An zwischenafflichen Beziehungen ist die zwischen Mutter und Kind die intensivste, sagt Niekisch, die könne bis zu zehn Jahre halten.

Neben viel Platz stehen den Orang-Utans reichlich Klettermöglichkeiten zur Verfügung. Die Pfleger gehen grundsätzlich nicht auf die Anlage, wenn die Tiere dort sind. „Das ist viel zu gefährlich. Selbst wenn die Orang-Utans das als freundschaftlichen Kontakt werten würden, genügt ein Schulterklopfen von ihnen, und das Schlüsselbein ist kaputt“, sagt Niekisch. Orang-Utans können mit einem Händedruck mühelos eine Kraft von 140 Kilogramm erzeugen, starke Menschen schaffen um die 60 Kilogramm. Die Erklärung dafür liegt in ihrer Lebensweise: Sie sind die schwersten baumlebenden Säugetiere. Um ihr Eigengewicht von locker 100 Kilogramm von Ast zu Ast wuchten zu können, brauchen sie enorme Kraft. Deshalb liegt die Masse der Arme bei den Orang-Utans bei rund 15 Prozent des Körpergewichts, während es beim Menschen lediglich sechs bis acht Prozent sind. Orang-Utans sind dennoch eher gemütlich. Aggressiv reagieren sie meist nur dann, wenn sie sich angegriffen fühlen, dann aber kann der Schaden groß sein.

Wer hat schon Lust auf Intelligenztests?

Orangs beeindrucken nicht nur durch ihre Stärke, sondern auch durch ihren Einfallsreichtum. Sie sind aufmerksame Beobachter und lernen dabei Techniken, die sie später anwenden. Gerne in einem unbeobachteten Moment. So berichten Forscher aus Auffangstationen in Indonesien immer wieder davon, dass die Tiere nachts auch komplizierte Schließmechanismen ihrer Zellen öffnen, ein wenig draußen herumspazieren und wieder zurückkommen. Sie wollen gar nicht fliehen, sondern sind einfach neugierig und probieren gern Dinge aus. Mit Werkzeugen gehen sie dabei mindestens so geschickt um wie Schimpansen. Versuche haben gezeigt, dass Orang-Utans in der Lage sind, sich spontan und zielgerichtet ein Utensil für eine bestimmte Aktion zu basteln. Wenn sie beispielsweise einen besonders langen Stock brauchen, um an Futter zu gelangen, erfassen sie das schnell und besorgen sich das nötige Teil.

Dennoch ging man lange Zeit davon aus, Orang-Utans seien nicht besonders schlau. Im Zoogehege sitzen gerade die älteren Tiere häufig phlegmatisch in einer Ecke. Auf Intelligenztests mit ambitionierten Forschern haben sie selten Lust. Dass sich ein sehr wacher Geist hinter der hohen Stirn verbirgt, haben Wissenschaftler und vor allem Tierpfleger erst nach und nach erkannt. Denn Orangs lassen sich nicht gerne etwas beibringen, sie bevorzugen das Prinzip „Learning by doing“. Ob das geschieht, indem sie eine Situation erst beobachten und dann handeln, das Problem also durch Nachdenken lösen, oder ob ihre Sturheit und das wiederholte Ausprobieren zum Erfolg führen - darüber gibt es nach wie vor verschiedene Auffassungen. Sicher ist: Ihre Pfleger wissen unzählige Geschichten zu berichten über nachts abgeschraubte Abdeckungen, freigelegte Kacheln und Türen, deren Schlösser mit passgenau zurechtgekauten Holzstücken geöffnet werden.

Um den Orang-Utans gerecht zu werden, müssen sich die Pfleger ständig was Neues einfallen lassen

Zudem scheinen sie über ein gewisses Raum-Zeit-Gedächtnis zu verfügen. In freier Wildbahn wurden die Tiere dabei beobachtet, wie sie an einem Baum mit unreifen Früchten vorbeikamen, dann wochenlang in anderen Ecken umherstreiften und schließlich zu jenem Baum zurückkehrten, als dessen Früchte reif waren. Sind Orang-Utans also in unserem Sinne intelligent? „Da streiten sich die Wissenschaftler ja bis heute, wie Intelligenz gemessen wird. Aber man kann mit Sicherheit sagen, dass die Orang-Utans die kreativsten unter den Menschenaffen sind“, sagt Manfred Niekisch. Die Pfleger im Frankfurter Zoo verbringen deshalb auch einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit damit, die Tiere zu beschäftigen. Das Futter wird in aufwendig konstruierten Apparaturen versteckt, die Affen müssen knobeln und tüfteln, um an Weintrauben, Haferflocken, Äpfel oder Rosinen zu gelangen. Die Herausforderung für die Pfleger besteht darin, sich immer wieder neue Spiele einfallen zu lassen, denn den Orangs wird schnell langweilig.

Einer, der die Frage, ob Menschenaffen in den Zoo gehören oder nicht, als ziemlich großes Dilemma begreift, ist der Freilandforscher Tobias Deschner vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Einerseits, sagt der Biologe, profitierten Forscherkollegen von der Möglichkeit, sich in Zoos mit den Affen zu beschäftigen und ihr Verhalten zu beobachten. Zudem erfüllten die Tiere eine Rolle als Botschafter für ihre Artgenossen. Ein Argument, das Tierschützer nicht gelten lassen: Aus jedem Dokumentarfilm könne man mehr lernen als durch die Beobachtung eines Menschenaffen im kargen Zoogehege, lautet die Standardreplik. Deschner aber findet, die Besucher könnten sich ein besseres Bild machen von Lebewesen, die sie sonst wahrscheinlich nie zu Gesicht bekommen würden. Vielleicht fühlen sie sich auch eher motiviert, sich zu engagieren und für den Erhalt der afrikanischen und asiatischen Urwälder zu spenden.

Private Halter sind die größten Übeltäter

„Andererseits ist uns allen klar, dass, sobald wir Menschenaffen in Zoos halten, wir damit auch in Kauf nehmen, dass ihnen etwas fehlt“, sagt Tobias Deschner. Ein Weg könnte daher sein, eine Wenn-dann-Lösung anzustreben. Wenn ein Zoo Menschenaffen halten will, muss er gewisse Bedingungen erfüllen. Sich zum Beispiel an strengen Richtlinien orientieren und nachweisen, dass er sich dafür einsetzt, dass die Tiere im Freiland nicht aussterben. „Hier sind die amerikanischen Zoos deutlich weiter als wir“, sagt Tobias Deschner, „die haben oft eigene Programme, mit denen sie sich am Schutz der Menschenaffen in freier Wildbahn beteiligen.“

Während die Haltung von Orang-Utans & Co. in Zoos für Tobias Deschner verhandelbar ist, kennt der Primatenforscher bei einem anderen Thema kein Pardon: „Die Hauptübeltäter sind nicht die Zoos, sondern private Halter von Menschenaffen. Das ist in Deutschland nach wie vor erlaubt. So etwas darf im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr okay sein.“ Um die Tiere wunschgemäß abrichten zu können, werden sie im Alter von wenigen Wochen von ihrer Mutter getrennt. Eines der schlimmsten Verbrechen, die man ihnen antun könne, sagt Deschner. Die Affen werden trainiert und zur Schau gestellt, sie lernen Fahrrad fahren, eine Kamera zu bedienen und allerlei Kunststücke vorzuführen.

Nach Menschen die intelligentesten Wesen auf dem Planeten

Vor allem Schimpansen ereilt dieses Schicksal. Die Trennung von der Mutter und das artfremde Aufwachsen lassen die Tiere verhaltensgestört werden. „Ein solcher Schimpanse kann keine vernünftigen Beziehungen zu anderen Menschenaffen aufbauen, er hat jegliche Kommunikationsfähigkeit dafür verloren oder gar nicht erst gelernt“, sagt Tobias Deschner. Er ist Mitglied im Vorstand der Gesellschaft für Primatologie, die sich entschieden dafür einsetzt, dass keine Menschenaffen mehr in Privathand gelangen.

Solange es dafür keine juristische Basis gibt, versuchen es Deschner und seine Kollegen mit Appellen an den gesunden Menschenverstand. Sie schreiben die Leute an und erklären, weshalb diese Form der Haltung den Tieren schadet. Die weitaus meisten, sagt Deschner, reagieren gar nicht oder mit Herablassung. So wie der Chef eines deutschen Textilunternehmens, das einen Schimpansen zunächst in einem Werbespot auftreten ließ und inzwischen zum Maskottchen gemacht habe. Oder Stefan Raab, der in „TV total“ mit Schimpansenkindern knutschte. „Wir stoßen meist auf keinerlei Verständnis, den Leuten geht es um Kommerz, nicht um das Wohlbefinden der Tiere“, sagt Deschner. Die starke Ähnlichkeit mit einer anderen Art löst beim Menschen offenbar nicht zwangsläufig Mitleid aus.

Clever, schlau, gewieft - die Wissenschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Untersuchungen zeigen können, dass die Menschenaffen, je nach Definition, zu den intelligentesten Wesen auf diesem Planeten gehören. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass der Orang-Utan im Zoo Barcelona sich gar nicht über den Zaubertrick mit der Kastanie kaputtlacht. Vielleicht amüsiert er sich nur über diesen Menschen, der allen Ernstes glaubt, er könne einen wie ihn mit derart billigen Kunststücken beeindrucken.

Quelle: F.A.S.
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