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Opulente Bernstein-Blüten

Fenster zur Erdgeschichte

Von Reinhard Wandtner
 - 22:54
Gleich sieben Blüten eines vor 100 Millionen gewachsenen Regenwaldbaums sind iin den Bernsteintropfen konserviert. Bild: George Poinar, F.A.Z.

Für Bernstein können sich nicht nur Schmuckliebhaber begeistern. Auch bei Paläontologen sorgt das fossile Baumharz immer wieder für leuchtende Augen. Das liegt weniger am Material selbst als an Resten von Pflanzen und Tieren, die in manchen Bernsteinfunden konserviert wurden. Solche Inklusen eröffnen eine einzigartige Sicht auf die belebte Natur vor Millionen von Jahren. Zu den Forschern, denen dieses Fenster zur Vergangenheit schon so manchen spektakulären Anblick beschert hat, gehört George Poinar von der Oregon State University in Corvallis. Bei der Suche nach biologischen Schätzen im fossilen Harz wurde der amerikanische Forscher jetzt wieder fündig. Mit seinem Kollegen Kenton Chambers entdeckte er in Bernstein aus einer Lagerstätte in Myanmar gleich sieben hervorragend erhaltene Blüten einer zuvor unbekannten Pflanzenart.

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Der von den Wissenschaftlern inspizierte sogenannte Burma-Bernstein stammt aus einer erdgeschichtlichen Epoche vor rund 100 Millionen Jahren. Er ist wesentlich älter als der bekannte baltische Bernstein. Somit ermöglichen die Inklusen einen entsprechend weiter in die Vergangenheit reichenden Blick auf die belebte Natur. Die jetzt zum Vorschein gekommenen Blüten sind mit Durchmessern von 3,4 bis fünf Millimetern allesamt recht klein. Ihre Schönheit und ihr wissenschaftlicher Wert offenbaren sich daher vollends erst unter dem Mikroskop.

Schon vor einigen Jahren sind Poinar und Chambers in Burma-Bernstein auf ähnliche Blüten gestoßen. Sie verwiesen auf eine unbekannte Pflanzenart, die auf den wissenschaftlichen Namen Tropidogyne pikei getauft wurde. An den Blüten dieser Spezies fallen fünf kräftige, sternförmig abstehende Kelchblätter auf. Kronblätter, die sonst meist für die Schönheit von Blumen sorgen, fehlen indes. Die fünf Kelchblätter sind auch das hervorstechende Merkmal der jetzt vorgestellten Blüten. Die Zugehörigkeit zur Gattung Tropidogyne ist zwar offenkundig. Unterschiede bei Fruchtknoten und Griffel erfordern aber nach Überzeugung der Forscher die Zuordnung zu einer neuen Art. Bei der Namensgebung ließen sich Poinar und Chambers von den fünf Kelchblättern inspirieren und kamen so zu der Bezeichnung Tropidogyne pentaptera. Wie Poinar und Chambers in der Zeitschrift „Palaeodiversity“ erläutern, besteht eine enge Verwandtschaft zu den heutigen auf der Südhalbkugel verbreiteten Cunoniagewächsen. Zu ihnen gehören Bäume, Sträucher und Lianen. Wie jene Pflanze beschaffen war, die ihre Blüten im Bernstein hinterlassen hat, ist unklar. Möglicherweise handelte es sich um einen Regenwaldbaum.

Schon des Öfteren konnte Poinar über bemerkenswerte Funde im Bernstein berichten. Beispiele sind eine Eintagsfliege, eine Spinne, die sich gerade über eine Wespe hermacht und – in dominikanischem Bernstein – sogar eine Eidechse. Zu den wissenschaftlichen Fakten gesellt sich dabei oft unverhohlene Begeisterung, gepaart mit einem gehörigen Schuss Fantasie. Das ist auch diesmal der Fall. So spekuliert Poinar, die jetzt entdeckten Blüten könnten in Harz eingetaucht worden sein, als ein Dinosaurier einen Zweig herabdrückte. Und um zu verdeutlichen, wie gut die sieben Blüten im Bernstein konserviert wurden, schwärmt er, sie sähen aus wie frisch im Garten gepflückt. Das mag unwissenschaftlich anmuten. Doch die spektakulären Funde im Bernstein, die von längst vergangenen Lebensräumen erzählen, fordern wohl geradezu ein fantasievolles Ausschmücken der nüchternen Fakten.

Quelle: F.A.Z.
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