Strahlende Partikel überall

Das passiert, wenn Kim oberirdisch zündet

Von Manfred Lindinger
 - 13:53

Mit der Ankündigung Nordkoreas, eine Wasserstoffbombe über dem Pazifik zu zünden, droht der Konflikt mit den Vereinigten Staaten zu eskalieren. Bisher hatte Pjöngjang seine Kernwaffentests unterirdisch im eigenen Land durchgeführt. Dadurch ist vor allem das Erdreich im Testgebiet radioaktiv kontaminiert worden. Verhältnismäßig wenig radioaktives Material ist dabei in die Atmosphäre gelangt und konnte sich mit der Luftströmung verbreiten. Ebenso kam es zu keinem gefährlichen Fallout. Zivile Opfer gab es vermutlich keine. Das alles könnte sich nun dramatisch ändern, wenn Nordkorea seine Drohung wahr macht und eine Wasserstoffbombe tatsächlich über dem Pazifik zur Explosion bringt. Unweigerlich kommen einem die oberirdischen Kernwaffentests der Amerikaner, Briten und Franzosen in den fünfziger, sechziger Jahren und frühen siebziger Jahren auf Atollen und Inseln im Pazifik in Erinnerung.

Wollte Pjöngjang bisher vor allem die Funktionalität der Sprengkörper testen, geht es dem nordkoreanischen Machthaber vermutlich jetzt wohl vor allem darum, die Auswirkungen für alle sichtbar zu demonstrieren und so das Drohpotential weiter zu erhöhen. Dabei wird man die Waffe vermutlich in einigen hundert Metern Höhe zünden, ähnlich wie es beim Abwurf der beiden amerikanischen Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki im Zweiten Weltkrieg erfolgt war. Denn so entwickelt die Bombe ihre optimale Sprengkraft. Zumal auch der Lichtblitz noch aus weiter Entfernung zu sehen sein wird.

Fatale Folgen für Mensch und Tier

Die bei der Explosion freigesetzte radioaktiven Substanzen würden direkt in die Atmosphäre freigesetzt und sich schnell über ein großes Gebiet verteilen. Mit dem Regen würden die radioaktiven Partikel aus der Atmosphäre ausgewaschen und zur Erdoberfläche transportiert. Mit fatalen Folgen für Menschen und Tiere in der Umgebung des Testgebiets. Aber auch in fernen Europa und Amerika wird man früher oder später die erhöhte Radioaktivität der Atmosphäre messen, wenn die strahlenden Partikel durch Wind und Luftströmungen über die Erde verteilt worden sind. So lässt sich noch immer eine erhöhte Radioaktivität in der Atmosphäre nachweisen, die von den amerikanischen und französischen Atomwaffenexplosionen im Pazifik freigesetzt wurde. Auch europäische Böden und Gewässer enthalten – außer den Überbleibseln des Tschernobyl-Fallouts – auch heute noch Radio-Nuklide dieser oberirdischen Tests.

Würde Nordkorea die Bombe über einer Insel zünden, hätte das noch verheerendere Auswirkungen. Zum einen käme das einen Angriff auf eine andere Nation gleich. Durch die Explosion würden zudem Erdreich oder anderes Material etwa das von Korallenbänken in die Luft geschleudert und rasch als radioaktiver Fallout wieder auf die Erde zurückfallen. Menschen, die im Umkreis der Detonation leben, würden so unweigerlich verstrahlt und mit großer Wahrscheinlichkeit später an Krebs erkranken. Wenn Kim Jong-un seine Drohung wahr macht, wird er vermutlich keine große Rücksicht auf Menschenleben nehmen. Über ein Sperrgebiet für Atomwaffentests im Pazifik verfügt Nordkorea nicht.

Quelle: FAZ.NET
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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