Elektronik-Experimentierkästen

Schöner die Dioden nie blinken

Von Jochen Reinecke
 - 10:44
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Die Adventszeit des Jahres 1982 verbrachte ich in angespannter Unruhe. Ob ich ihn wohl bekommen würde, den EE 2003 von Philips? Denn ausgerechnet im Spielzeugladen meiner Heimatstadt hatte man meinen Eltern vom EE 2003 abgeraten. Dieser Elektronik-Experimentierkasten sei viel zu komplex und keinesfalls für einen Zehnjährigen geeignet; es sei ratsam, damit noch bis zur Konfirmation zu warten. Umsatz war damals im Einzelhandel noch nicht alles.

Doch es ging gut aus. Und so rupfte ich am Heiligabend das Geschenkpapier von einer voluminösen Schachtel. Sie war in schreienden Gelbgrüntönen gehalten und zeigte eine fein säuberlich aufgebaute Radioempfängerschaltung, daneben der Aufdruck „Die Elektronik – eine erregende Welt, in der Jungen von heute sich auskennen müssen“. Weihnachten war gerettet. Am frühen Morgen des ersten Feiertags, die Eltern schliefen noch, baute ich meine erste Schaltung auf, ein sinister tutendes Nebelhorn. Bis Silvester verließ ich mein Zimmer nur noch zu den Mahlzeiten. Und in den Folgejahren ließ ich mir zu Weihnachten, zum Geburtstag sowie zur Konfirmation so ziemlich jeden erhältlichen Aufbau- und Erweiterungskasten zum EE 2003, aber auch zahlreiche Kästen der Hersteller Busch und Kosmos schenken. Ich wollte sie alle. Mein Zimmer verwandelte sich in eine lichtschrankengesicherte Bastelhölle mit einem horrenden Verbrauch an 4,5-Volt-Flachbatterien.

Philips: Aufstieg und Niedergang

An all das musste ich denken, als meine Tochter mich vor einigen Wochen fragte, was ich mir eigentlich als Kind damals von meinen Eltern zu Weihnachten gewünscht hatte. Als sie dann ernsthaftes Interesse an einem Experimentierkasten zeigte, begann ich zu forschen, was aus den Kästen von Philips, Busch und Kosmos geworden ist.

Die von Philips sind heute vollständig in der Versenkung verschwunden. Die gesamte Produktlinie wurde Ende der neunziger Jahre eingestellt. Das mag erstaunen, denn gerade Philips hatte eine qualitativ wie konzeptionell beachtliche Kollektion entwickelt und vertrieben. 1963 ging es los mit dem Baukasten „Electronic Engineer (EE) 10“ zum Verkaufspreis von 69 DM. Damit konnte man unter anderem einen einfachen Radioempfänger bauen, eine Wechselsprechanlage oder auch ein „Morsezeichen-Übungsgerät“ (einen Tongenerator mit Tastschalter). Die Schaltungen wurden auf Lochplatten aufgebaut, die einzelnen Bauelemente durch Drähte und einen Federmechanismus miteinander verbunden. Noch 1963 begann Philips mit der EE-1000-Serie, die erstmals mit einer Frontplatte ausgeliefert wurde, auf der Bedienelemente wie Schalter, Potentiometer, Lautsprecher oder Drehkondensator untergebracht waren. Später wurde die Frontplatte durch ein Schaltpult ersetzt.

Die siebziger und achtziger Jahre waren die Blütezeit der Experimentierkästen. Das Philips-Portfolio wuchs in die Breite. Es gab Erweiterungskästen für integrierte Technik, Messgerätetechnik oder Ultraschall- und Optoelektronik. Dabei lotete dieser Hersteller die Grenzen des im Heimbereich Machbaren aus: Mit den erstmals 1972 erhältlichen Erweiterungskästen EE 1007 und 1008 ließ sich sogar ein vollwertiger Fernsehempfänger bauen, im Lieferumfang enthalten war eine gekapselte Bildröhreneinheit.

In den 1980er Jahren allerdings zerfaserte das Philips-Programm zunehmend. Die klassische EE-Serie endete 1983 mit dem EE 3023. Dieser letzte Kasten alter Machart enthielt ein Videomodul zur Ansteuerung des heimischen Fernsehers. Damit ließen sich ein Schachbrettmuster auf den Bildschirm zaubern, ein Oszilloskop und sogar ein einfaches Telespiel bauen.

Schließlich entwickelte Philips noch ein neues Konzept: Die Experimentierkästen EE 3071, 3072 und 3073. Diese letzten drei Kästen der EE-Serie wurden von dem Journalisten Jürgen Orthaus und dem Hochschullehrer Günter Vollmer betreut. Hierbei handelte es sich um eine völlig neue Produktlinie, die das bisherige Schema der reichhaltig ausgestatteten Experimentierkästen verließ und neben einfachen elektrischen Schaltungen nun auch physikalische und chemische Experimente umfasste. „Ich war als Story-Autor für den EE 3073 zuständig“, erinnert sich Orthaus. „Es handelte sich dabei um ein Experimentierset, das mit einer Anleitung im Detektivroman-Stil ausgeliefert wurde. Der Witz war, dass der Leser in die Rolle des Ermittlers schlüpfte und den Täter überführen konnte, wenn er bestimmte Experimente erfolgreich durchgeführt hatte. Es gab verschiedene Kapitel, die jeweils einem Experiment zugeordnet waren.“

Der Ansatz scheiterte jedoch grandios: Statt der erwarteten 10 000 Stück pro Jahr wurden insgesamt nur einige hundert verkauft. Auch Orthaus’ Ko-Autor glaubt heute, dass das Konzept einen Haken hatte: „Der zentrale Fehler war, dass das Set als Experimentierkasten verkauft wurde und das Buch nur als ein Beiwerk erschien“, sagt Günter Vollmer. „Gegenüber den ganzen früheren Experimentierkästen von Philips waren aber mit den mitgelieferten Materialien nur einige wenige Experimente durchführbar. Hätten wir das Ganze als Buch mit zusätzlichen Experimenten verkauft, wäre es vermutlich erfolgreicher gewesen.“

1983 übernahm der Spielzeughersteller Schuco die Experimentierkästen-Sparte von Philips und legte zunächst unter Lizenz die 6000er-Serie auf, bei der es sich vorwiegend um modifizierte Versionen der EE-Serie handelte, ergänzt um Erweiterungssets mit einigen neuen Bauelementen wie zweifarbigen Leuchtdioden, Thyristoren oder Lichtwellenleitern. 1989 entwickelte Schuco ein eigenes Modulsystem, das sich jedoch nicht dauerhaft durchsetzten konnte: Die einzelnen Elemente wie Widerstände oder Transistoren waren auf einer Grundplatte fest montiert und wurden durch Kabelsteckverbindungen miteinander verbunden. Das sorgte bereits bei mittelmäßig komplexen Schaltungen für einen höchst unübersichtlichen Drahtverhau und machte die Fehlersuche entsprechend frustrierend. Am Ende waren auch hartgesottene Fans vergrault. 1999 wurde Schuco an die Simba Dickie Group verkauft, die Marke „Schuco Experimentiertechnik“ beim Deutschen Patent- und Markenamt gelöscht. Damit endete die fast vierzigjährige Geschichte der Philips-Experimentierkästen.

Busch: zurzeit ausverkauft

Der im hessischen Viernheim beheimatete Hersteller Busch präsentierte 1976 sein erstes Experimentiersystem namens „compact studio 2060“. Das Set enthielt unter anderem Transistoren, Widerstände, Kondensatoren und einen Lautsprecher; es ließen sich einfache Schaltungen wie Blinklichter, Tongeneratoren oder Zeitschalter bauen. Anders als bei Philips waren die einzelnen Bauteile auf kleinen Plastikplättchen montiert, welche frei auf einer Steckplatte plaziert und durch Drähte miteinander verbunden wurden. Beim Nachfolger 2065 und allen weiteren Folgemodellen setzte Busch, ähnlich wie Philips, auf ein Schaltpult-System: Die Schaltung selbst wurde mit den Einzelmodulen auf einer erweiterten Steckplatte aufgebaut und konnte mit einem rauchglasfarbenen, herunterklappbaren Plastikdeckel vor unbefugtem Zugriff geschützt werden. Die Steuerung der jeweiligen Schaltung per Potentiometer, Schalter oder Drehkondensator erfolgte über das vorgelagerte Bedienpult.

Zahlreiche Aufbau- und Erweiterungskästen hielten in den Folgejahrzehnten das Portfolio jung. So gab es spezielle Erweiterungssets für Optoelektronik, IC-Verstärkertechnik, aber auch für Synthesizer-, Infrarot- und Digitaltechnik. Das Sondermodell 2080 schlug sogar die Brücke zum anderen großen Jugendspielzeug jener Zeit, der Modelleisenbahn. Im Zusammenspiel mit einer – nicht im Lieferumfang enthaltenen – elektrischen Eisenbahnanlage ließen sich Schaltungen zur Signalsteuerung, eine induktive Zugsicherung, aber auch Lichtschranken und Blinkschaltungen realisieren. Selbst vor Computertechnik machte Busch nicht halt. Mit dem „computer-system 2090“ ließ sich ein einfacher Mikrocomputer programmieren, und mit dem Aufbauset 2095 konnte man sogar selbsterstellte Programme auf Kassetten überspielen. Ein 256 Byte großes Programm brauchte für die Datensicherung stolze vier Minuten. Busch überarbeitete das Programm kontinuierlich und überführte es Ende der 90er Jahre in die drei Hauptserien 4000, 5000 und 6000 sowie Extrabaukästen für „New tech“ und Computertechnik.

Gibt es diese Experimentierkästen noch? Jein. Auf der Busch-Homepage www.busch-model.info findet sich zunächst keine Spur davon. Eine Google-Suche „Busch Experimentierkästen“ hingegen verweist auf eine zuletzt im Jahr 2003 aktualisierte Unterseite, die rudimentäre Informationen bereithält und zu einem 2007 erstellten Online-Katalog führt. Bestellungen sind allerdings nicht mehr möglich. „Wir sind ausverkauft und haben die Kästen Anfang dieses Jahres vom Markt genommen“, sagt Jörg Vallen, der die Experimentierkästen gemeinsam mit seinem Vater Hans entwickelt hat. „Die Anleitungen entsprechen nicht mehr dem Stand der Technik. Außerdem sind zahlreiche der damaligen Technologien und Schnittstellen, wie beispielsweise die DIN-Buchse oder der zweipolige Lautsprecherstecker, so nicht mehr im Einsatz. Und da es in Deutschland so gut wie keine aktiven Mittelwellensender mehr gibt, sind auch viele unserer Radioschaltungen sinnlos geworden.“ Man überlege allerdings, im kommenden Jahr ein neues Programm mit zeitgemäßer Technik aufzulegen. Wenige Tage nach dem Gespräch mit Jörg Vallen folgt eine schöne Überraschung: Vallen schickt mir per Post einen der letzten existierenden Extrabaukästen „New tech“ aus dem Firmenarchiv. Meine Tochter und ich bauen in einer knappen Dreiviertelstunde ein funktionierendes UKW-Radio mit Lichtorgel zusammen. Sie staunt: Dass man so etwas wirklich selbst bauen kann!

Kosmos: Immer noch da

Ausgerechnet der Pionier auf dem Gebiet der Elektronik-Kästen ist immer noch am Markt. Bereits 1921 wurde der erste „Kosmos-Baukasten für Knaben von 11–17 Jahren“ aufgelegt. „Eine ganz hervorragende und durchaus einzigartige Möglichkeit zum lückenlosen und systematischen Studium der gesamten Elektrizitätslehre bietet der Kosmos-Baukasten Elektrotechnik nebst der dazugehörigen reichillustrierten Anleitung“, ließ die Werbung damals verlauten. Der seinerzeit für 400 Mark erhältliche Kasten gestattete Experimente zu Stromstärke und Widerstand, zur „Magnetelektrizität“ und zur „Funkentelegraphie“. 1934 erschien der vom Schweizer Lehrer Wilhelm Fröhlich entwickelte Meilenstein „Radiomann“ mit dem zauberhaften Aufdruck „Vom Gebirg bis zum Ozean / alles hört der Radiomann. Durch 80 Versuche bilden sich bastelnde Jungen zu gründlichen Radiokennern.“ Es konnten zahlreiche Versuche der Elektro- und Funktechnik aufgebaut werden, unter anderem ein Detektorempfänger oder auch ein einfacher Sender. Der Radiomann wurde bis 1967 stetig aktualisiert und 1971 vom „Radio + Elektronik-Labor“ abgelöst.

Parallel dazu konzipierte der deutsche Elektroingenieur Heinz Richter für Kosmos weitere legendäre Elektronik-Experimentierkästen, deren Spitzenmodell „Elektronik-Labor XG“ anspruchsvolle Schaltungen wie einen Radioempfänger mit acht Transistoren ermöglichte. Über die Jahrzehnte hinweg brachte Kosmos eine Fülle von großen und kleinen, monothematischen Experimentierkästen heraus. Diesem Prinzip ist das Unternehmen bis heute treu geblieben; so wurde 2013 der große „Electronic Master“ aufgelegt, mit dem ein UKW-Radio, Verstärker und Tongeneratoren gebaut werden können, enthalten sind aber auch spezielle kleinere Experimentiersets zu Einzelthemen wie Solarzellen- oder Wechselstromtechnik. Auch von Kosmos erhalte ich wenige Tage nach dem Kontakt mit der Pressestelle ein Paket mit drei Experimentierkästen. Sie sind didaktisch wohldurchdacht, allerdings sind die Schaltungen eher einfach gehalten, und das neuartige Stecksystem scheint vor allem für Kinder optimiert zu sein; diesen Kasten hätte man vermutlich selbst in meiner Heimatstadt bedenkenlos an Zehnjährige verkauft.

Zurück in die Gegenwart

Von den drei großen Herstellern verkauft also aktuell nur noch einer Experimentierkästen. Das Geschäft ist offensichtlich schwierig geworden. Jörg Vallen von Busch führt dies auf eine zunehmende Technisierung der Kinder- und Jugendzimmer zurück, welche das Alleinstellungsmerkmal früherer Technikspielzeuge zunichtemacht: „Früher gab es außer Experimentierkästen und Modelleisenbahnen kaum elektrotechnisches Spielzeug für Kinder und Jugendliche. Mit dem Einzug der Computertechnik und der Smartphones hat sich das massiv verändert, das Angebot ist unglaublich in die Breite gegangen.“ Hinzu komme sicherlich auch, dass sich das Experimentieren teilweise ins Virtuelle verlagert habe. Software und Apps gestatten ganz neue Ausflüge in die Welt der Technik, der Reiz, sich ausschließlich mit Hardware zu befassen, sinke.

Dennoch trug dieser Ausflug in die Vergangenheit für mich Früchte: Ich durfte mich noch einmal mit aktuellen Experimentierkästen von Kosmos und Busch befassen, außerdem konnte ich bei einer Online-Auktion für 50 Euro einen gebrauchten, vollzähligen Philips EE 2003 erwerben. Mit Freude stellte ich fest, dass ich das Farbcodesystem von elektrischen Widerständen auch nach 35 Jahren noch auswendig kann – Philips sei Dank. Die Recherche förderte außerdem zutage, dass auch heute noch eine erstaunlich große und lebendige Szene aktiv ist, die sich mit den Experimentierkästen von damals befasst. Wer in Erinnerungen schwelgen möchte, rare Ersatzteile benötigt oder einfach den Austausch pflegen möchte, dem sei das nach Herstellern sortierte Forum http://www.experimentierkasten-board.de/ ans Herz gelegt – hier wird kompetent und freundlich geholfen. Und falls Sie einen Experimentierkasten von damals erwerben möchten, empfiehlt sich ebay als erste Anlaufstelle. Dort sind noch viele Kästen erhältlich, gelegentlich tauchen sogar echte Raritäten auf, für die dann allerdings Beträge von 500 Euro und mehr fällig werden. Umfangreiche, ja erschöpfende Auskunft über fast jeden Experimentierkasten von Philips – inklusive zahlreicher PDFs mit alten Produktkatalogen – finden Sie unter http://norbert.old.no. Künstlerisch abgelichtete Schaltungen, die mit Experimentierkästen aufgebaut wurden, können Sie wiederum unter www.experiments.ch bestaunen. Und falls Sie selbst noch einen alten Experimentierkasten im Keller oder auf dem Dachboden haben – nutzen Sie doch einmal die Gelegenheit für ein Revival: Es macht immer noch großen Spaß!

Quelle: F.A.S.
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