Entwicklungshilfe

Teilchenschleuder in der Wüste

Von Uta Bilow
 - 12:00

Der Nahe Osten gilt als politisches und religiöses Pulverfass. Unruhen und Revolutionen scheinen dort an der Tagesordnung zu sein, und die Regierungen von Nachbarstaaten sind zum Teil tief zerstritten. Mitten in dieser Region schickt sich eine Wissenschaftsinitiative an, die Konflikte zu überwinden und die Tür zur Kooperation von Menschen aus den verschiedensten Ländern aufzustoßen. Die Rede ist von der Synchrotronanlage „Sesame“, die derzeit in Jordanien aufgebaut wird. Es ist ein ehrgeiziges Projekt: Neun Staaten, die auf dem politischen Parkett zum Teil wenig gemeinsame Interessen zeigen, haben sich zusammengeschlossen, um die Forschungseinrichtung gemeinsam zu errichten und zu betreiben: Ägypten, Bahrain, Iran, Israel, Jordanien, Pakistan, Palästina, die Türkei und Zypern. In drei Jahren soll die Anlage fertiggestellt sein und energiereiche und brillante Synchrotronstrahlung für vielfältige Forschungsaufgaben liefern.

Bessy I für Jordanien

Weltweit gibt es etwa sechzig Synchrotronanlagen, die überwiegende Mehrheit davon steht in den Industrienationen. Sie liefern besondere Strahlung vom infraroten bis zum ultravioletten Spektralbereich. Das Licht wird dadurch erzeugt, dass Elektronen in einem Speicherring, das Synchrotron, auf hohe Energien beschleunigt werden. Sesame ist die erste Einrichtung dieser Art in der Mittelmeerregion, und sie wird zu den modernsten Geräten der Welt gehören. Dreißig Kilometer nördlich von Amman, in der hügeligen Hochebene über dem Jordantal, wurde bereits ein stattliches Gebäude errichtet, 70 mal 70 Meter groß und zwei Stockwerke hoch. Der strahlend weiße Bau mit dem markanten türkisfarbenen Satteldach wurde vor vier Jahren fertiggestellt und füllt sich nun allmählich mit Inventar. Dieses stammt unter anderem aus Deutschland, darunter zentrale Bauteile des früheren Berliner Synchrotrons Bessy I.

Unesco als Schirmherr

Als 1997 feststand, dass Bessy I durch eine leistungsstärkere Anlage, Bessy II, ersetzt werden soll, kam die Idee auf, die Beschleunigeranlage in den Nahen Osten zu exportieren und dort ein Forschungslabor aufzubauen. Bald fanden sich die ersten interessierten Länder, und im Jahr 2002 übernahm die Unesco die Schirmherrschaft für das Projekt. Jordanien erhielt im Wettbewerb mit fünf anderen Ländern den Zuschlag für den Bau der Einrichtung. Fünf Jahre später wurde Bessy I als Geschenk der Bundesrepublik dorthin verschifft. Seitdem haben viele Länder, darunter England und Frankreich, das Projekt durch die Spende von weiteren Bauteilen unterstützt. Transport und Aufbau hat die Europäische Union finanziert.

Großes Vorbild Cern

Großes Vorbild für Sesame ist das europäische Zentrum für Teilchenphysik Cern bei Genf. Die Forschungseinrichtung, die von zwanzig Ländern betrieben und von Physikern aus 85 Nationen regelmäßig besucht wird, wurde 1954 mit dem Ziel gegründet, in Zeiten des Kalten Krieges die Forscher aus Ost und West zusammenbringen und so zur Versöhnung beizutragen. Das oberste Entscheidungsgremium bei Sesame ist deshalb ein Rat, in dem Vertreter der Mitgliedsländer sitzen, sowohl Wissenschaftler als auch Politiker. „Wir haben bei Sesame die Konventionen des Cern kopiert“, sagt Herwig Schopper, der viele Jahre die Forschungszentren Desy bei Hamburg und Cern leitete. „Wir wollen mit Sesame nicht nur die Forschung in der Region fördern, sondern auch das friedliche Zusammenleben“, sagt Schopper, der sich seit Ende der neunziger Jahre für das Projekt im Nahen Osten engagiert.

Forschung überwindet Grenzen

Die Zielsetzung scheint aufzugehen. Ob Israelis oder Palästinenser, Türken oder Zyprioten - über alle politischen Barrieren hinweg arbeiten Techniker, Wissenschaftler und auch Politiker gemeinsam daran, das Projekt voranzubringen. Vom ehemaligen Berliner Synchrotron ist bereits das Mikrotron installiert worden, das im vergangenen November erstmals volle Leistung lieferte. Der erzeugte Elektronenstrahl hatte eine Energie von 22 Megaelektronenvolt (MeV). In einem nachgeschalteten Bauteil, dem sogenannten Booster, sollen die Elektronen weiter auf 800 MeV beschleunigt werden. Derzeit werden die Module des Nachbeschleunigers, der ebenfalls von Bessy I stammt, modernisiert und installiert. Noch in diesem Jahr soll die Anlage anlaufen.

Synchrotron der 3. Generation

Vollkommen neu gebaut wird ein Speicherring mit einem Umfang von 133 Metern, in dem die Elektronen schließlich kreisen und auf sehr hohe Energien beschleunigt werden. Sechzehn Magnete halten den Teilchenstrahl auf seiner Kreisbahn, dazwischen sind auf zwölf Abschnitten sogenannte Wiggler und Undulatoren eingebaut, die die Elektronen beschleunigen und auf eine bestimmte Art und Weise ablenken, so dass die gewünschte Synchrotronstrahlung entsteht. Mit einer Energie von 2500 Megaelektronenvolt wird Sesame, wenn es im Jahr 2015 wie geplant den Betrieb aufnehmen wird, zu den leistungsfähigen Synchrotronquellen der dritten Generation zählen, die besonders brillante Strahlung vom Infrarot bis in den Röntgenbereich erzeugen.

Zunächst sollen sieben Strahlrohre für Experimente mit dem Synchrotronlicht genutzt werden, insgesamt bietet der Speicherring Raum für 25 Messplätze. Das Forschungsprogramm reicht von Material- und Werkstoffforschung über Biologie und Medizin bis hin zur Archäologie. Denn mit der energiereichen Synchrotronstrahlung lassen sich die kleinsten Details der unterschiedlichsten Materialproben untersuchen - etwa von Proteinkristallen oder anorganischen Materialien, aber auch von archäologischen Fundstücken.

Knowhowerwerb in Sommerschulen

Sesame ist wie alle Synchrotronlaboratorien eine Serviceeinrichtung. Die Forscher kommen nur für einen kurzen Zeitraum dorthin, um ihre Proben zu vermessen, bevor sie wieder an ihr Heimatinstitut zurückkehren. Bislang müssen die Wissenschaftler aus dem Nahen Osten für solche Untersuchungen weite Reisen auf sich nehmen. Mit der Fertigstellung von Sesame wird sich das ändern. Für den Anfang rechnet man mit einigen hundert Nutzern aus der Region, später könnten es Tausende werden. In Workshops und Sommerschulen wird derzeit bereits der Boden für fruchtbare Kooperationen bereitet. Derweil bereiten sich die Techniker auf ihre zukünftigen Aufgaben durch Gastaufenthalte an anderen Synchrotronquellen vor - gefördert unter anderem von der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien.

Bürokratische Hürden der EU

Die Gesamtkosten für Sesame werden derzeit auf 110 Millionen Dollar geschätzt. Bis zur Fertigstellung benötigt das Labor noch 35 Millionen Dollar. Vor kurzem haben sich Iran, Israel, Jordanien und die Türkei bereit erklärt, jeweils fünf Millionen Dollar beizutragen. Auch Ägypten stand parat, doch muss diese Unterstützung nun erst von der neuen Regierung bestätigt werden. Pakistan und Palästina haben Sachleistungen im Wert von fünf beziehungsweise zwei Millionen Dollar zugesagt. Auch die EU möchte das Projekt unterstützen, doch hat es bürokratische Hürden für direkte Hilfen gegeben. Nun will Cern die Magneten bauen, die für den Speicherring noch fehlen. Die Mittel dafür sind bei der EU beantragt. Herwig Schopper ist zuversichtlich: „Wir hoffen, damit einen Weg gefunden zu haben, um die letzte Finanzierungslücke zu schließen.“

Türöffner zur Völkerverständigung

Sesame ist aber nicht nur eine wissenschaftliche Einrichtung, das Laboratorium soll auch als Türöffner fungieren, der die Völkerverständigung im Nahen Osten und die technische und wissenschaftliche Entwicklung in der Region voranbringt. Der Zuspruch ist groß, die Initiative erfährt Unterstützung von vielen Seiten. „Sesame ist mehrfach gebremst worden, meist aus bürokratischen Gründen. Aber es geht stetig voran“, sagt Schopper. So bleibt zu hoffen, dass das Projekt nicht durch politische Dissonanzen gefährdet wird.

Quelle: F.A.Z.
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