Hängebrücken

Mister Bridge und sein Rekord

Von Andreas Frey
 - 10:28

Es grenzt schon fast an Blasphemie, das Matterhorn einen Berg zu nennen. „Ds Hore“ (das Horn), wie die Walliser sagen, ist ein geologisches Heiligtum und die vielleicht schönste Zacke, welche die Natur je geformt hat. Doch ausgerechnet ein von Menschenhand erschaffenes Bauwerk stiehlt dem Matterhorn nun in Sachen Nervenkitzel und Ästhetik ein wenig die Show. Die Rede ist von der längsten Fußgängerhängebrücke der Welt. Seit diesem Sommer hängt sie ein paar hundert Meter über dem unscheinbaren Alpendorf Randa, einige Kilometer nördlich von Zermatt.

Ankunft am Bahnhof, der sich um neun Uhr noch im Bergschatten befindet. Randa liegt eingepfercht im Walliser Gebirgsmassiv. In dem U-förmig ausgehobelten Tal floss während der letzten Eiszeit ein gigantischer Eisstrom. Der Gletscher hat steile Hänge hinterlassen, das Eis hat sich in die letzten Winkel der Berge zurückgezogen. Übrig geblieben ist eine Sohle, in der heute exakt 444 Einwohner leben – das Mattertal.

Geht man vom Bahnhof aus zum Ortseingang, erreicht man irgendwann eine verlassene Straße. Von weitem nähert sich ein Geländewagen. Am Steuer sitzt Theo Lauber, 56, Ingenieur und Erbauer jener Brücke, die das kleine Randa gerade weltberühmt macht. „Mister Bridge“ hat ihn das amerikanische Fernsehnetzwerk CBS getauft, das im September mit einem Kamerateam die Schweiz besuchte. Aus der ganzen Welt waren schon Filmteams hier, heute hat sich die ARD angekündigt. Der Brückenbauer steigt aus seinem Wagen, reicht die Hand: „Sag Theo zu mir“, ruft er. „Die Welt ist schon kompliziert genug.“ Dann deutet er auf sein Werk, das auf dem gegenüberliegenden Hang mit bloßem Auge zu erkennen ist. Der Gipfel ist noch in Nebel gehüllt, darunter hängt die Stahlkonstruktion wie ein dünner Faden in der Luft. Theo ist guter Dinge, dass sich die Schwaden bald auflösen. „Wenn die Sonne kommt, kommt auch der Hubschrauber“, verspricht er.

Spaziergang in 85 Meter Höhe

Höhenangst ist eine schlechte Voraussetzung, um einen Tag mit Theo Lauber zu verbringen. Nachdem die Sonne den Nebel verdampft hat, kommt der Hubschrauber angeflogen. Der Heli hebt ab, überfliegt die Brücke, macht einen Schlenker nach links und setzt seine Passagiere an einer Hütte ab. Es dauert nur eine Minute, ehe man am 34 Kilometer langen Europaweg steht, der als eine der spektakulärsten Wanderstrecken des Wallis gilt. Er führt in zwei Tagen von Grächen nach Zermatt. Sein schönster Abschnitt ist jetzt exakt 494 Meter lang und überspannt in 85 Meter Höhe eine Geröllhalde.

Trotz frühen Wintereinbruchs sind erstaunlich viele Wanderer unterwegs. Es ist die Brücke, die die Menschen hier hochzieht, da ist sich Theo sicher. Der Schweizer trägt Jeans, Holzfällerhemd und hat manchen Geschlechterwitz auf den Lippen. Als er im Frühling hier am Berg stand, um das Gelände zu vermessen, sei keine Menschenseele am Berg gewesen. Bevor die Brücke im Sommer montiert wurde, mussten die Wanderer 500 Höhenmeter ins Tal absteigen und wieder hochkraxeln. Das konnte man niemandem zumuten.

Von der Hütte geht es bergab zur Brücke. Nach zwanzig Minuten ist der Brückeneinstieg auf 2080 Meter Höhe erreicht. Auf einer Holzbank bereiten zwei junge Franzosen Käsefondue zu, dahinter inspizieren zwei Norddeutsche die Brückenfundamente. Theo Lauber gesellt sich zu ihnen. Vier Wochen habe es gedauert, bis die Löcher in das Gestein gebohrt waren, erzählt er. Zwölf Meter tief reichen die Brückenfundamente nun. An ihnen hängt das Gesamtgewicht von 58 Tonnen. Das ist vergleichsweise leicht.

Gespannt wie eine Gitarrensaite

„Die Hängebrücke, die ich baue, gab es früher praktisch nicht“, sagt Theo. Er verbaue nur das Nötigste und verzichte auf hohe Stützen, weshalb eine tiefe Verankerung notwendig sei. Das spart Kosten, macht die Brücke leichter und bietet dem Wind weniger Angriffsfläche. Zudem lässt der Baumeister seiner Konstruktion nur wenig Spiel, spannt sie wie eine Gitarrensaite, anstatt sie gleich einer Wäscheleine baumeln zu lassen. Dazu braucht er starke Seile und sogenannte Hydraulikzylinder, die dem Stahl drei Meter Spielraum geben, wenn er sich bei Hitze ausdehnt und bei Kälte zusammenzieht.

Zwei Tragseile hat Theo Lauber über den steilen Hang spannen lassen. Jedes ist fünf Zentimeter stark. Ein Hubschrauber flog das erste Seil im Juni auf die gegenüberliegende Seite, das andere brachte eine Seilzugmaschine zurück. Eine Stütze gibt es nicht, die Brücke hängt frei in der Luft. „Tibet-Stil“ nennen Experten diese Bauart. Die Seile sind das Herzstück der Brücke. An ihnen sind alle drei Meter Eisenstangen montiert, die wiederum den Gitterrost tragen, auf dem Fußgänger die Brücke überqueren. Zudem sind Dämpfer verbaut, die verhindern, dass die gespannten Seile zu stark vibrieren. Die Brücke schwingt dadurch als Einheit und schwankt nicht wie ein Elefantenrücken. Maximal dreißig Zentimeter wird sie bei starkem Wind herausgetragen, hat Theo Lauber berechnet. Verglichen mit der Länge, ist das sehr wenig.

Der erste Schritt ist immer was Besonderes

So viel zur Theorie. Theo setzt den einen Fuß auf die Brücke und marschiert los. Der erste Schritt ist für ihn immer etwas Besonderes. Er kann noch so lange rechnen und grübeln, erst wenn er die Brücke unter seinen Füßen spürt, weiß er, ob sie gelungen ist. Jede Brücke sei anders, sagt Theo, aber auf diese ist er besonders stolz: Sie schwimmt nicht, sie schaukelt nicht, sie schwingt angenehm in der Luft.

Hier in Randa ist die Brücke eine Touristenattraktion. In den Anden und im Himalaja sind solche Bauwerke allerdings bis heute oft die einzige Möglichkeit, tiefe Schluchten zu überqueren. Man spannt einfach eine Verbindung von Hang zu Hang. Hängebrücken wurden dort schon errichtet, bevor es Beton oder Stahl gab. Es musste das herhalten, was die Natur im Angebot hatte – und sei es bloß Gras. In Peru hält sich diese Tradition seit über fünfhundert Jahren. Die Hängebrücke Q’iswachaka in den Anden besteht vollständig aus geflochtenem Gras und wird jedes Jahr neu über den Rio Apurimac gespannt. Das Bio-Bauwerk ist 28 Meter lang und 1,20 Meter breit. Es ist Inka-Baukunst, die wackelt, aber hält. Man sollte nur nicht nach unten schauen.

Herzrasen garantiert

In Randa hat es der Blick nach unten ebenfalls in sich – das Gitter garantiert freie Sicht auf die Geröllhalde. Das bedeutet für manche Besucher zwar Herzrasen, dient aber letztlich der Sicherheit der gesamten Brücke. Die Öffnungen im Gehweg haben den Vorteil, dass die Luft hindurchströmt. Wäre der Weg luftdicht, könnte er im Wind leicht zu einem Segel werden.

Wie so etwas enden kann, lässt sich heute auf Youtube besichtigen. Der Einsturz der Tacoma-Brücke 1940 im amerikanischen Bundesstaat Washington gilt unter Ingenieuren bis heute als Anschauungsmaterial für Aerodynamik und Schwingungslehre. Es bedurfte nur eines kleinen Sturms, um die Fahrbahndecke der Brücke in groteske Schwingungen zu versetzen. Die breite Betonplatte verbog sich, weil der Wind nicht beständig horizontal auf die Brücke einwirkte, wie man seinerzeit annahm, sondern böig drehte und die steifen Fahrbahnplatten wie Flugzeugflügel anhob.

Trotz der vergleichsweise geringen Windstärke schaukelte sich die Brücke irgendwann auf, Physiker nennen so etwas eine Resonanz. Die Brücke nimmt dann immer mehr Schwingungsenergie auf, bis es zur Resonanzkatastrophe kommt. Dabei wird die Schwingung größer, als die Brücke ausgleichen kann, und die gesamte Seilkonstruktion reißt. Es bedurfte einiger Jahre Forschung in einem Windkanal, ehe man das Resonanzphänomen in den Brückenbauplänen berücksichtigen konnte. Zudem verankert man Hängebrücken heute mit dünnen Stahlseilen im Boden, damit sie nicht aufschaukeln können. Theo Lauber nennt solche Absicherungen Hosenträger.

Vom Seilbauexperten zum Mister Bridge

Mittlerweile ist er in der Mitte seiner Brücke angekommen. Er stoppt. Der Wind pfeift hier stärker, aber nicht unangenehm. Mit der Hand deutet er zum Hang. „Dort oben war früher die alte Brücke“, sagt er. Alte Brücke? „Ja, sie wurde von einem Fels zertrümmert“, antwortet er lakonisch. 250 Meter lang war die alte Verbindung, sie schwebte 25 Meter über dem Hang. Dann, drei Monate nach ihrer Eröffnung, löste sich weiter oben ein Fels und pflügte durch die Luft. Bei der Schadensbegutachtung Tage später fand Theo den fünfzig Tonnen schweren Brocken 800 Höhenmeter weiter unten im Tal – es war der einzige Fels, der nach Staub und Erde stank.

Brücken baut Theo Lauber erst seit elf Jahren. Eigentlich ist er Seilbahnexperte, studiert hat er Maschinen-Ingenieurswesen. In seinem Heimatort Frutigen im Kanton Bern ist er als eine Art Daniel Düsentrieb bekannt. Er erfand das Skybike, ein Fahrrad, mit dem man sich tretend an einem Mast in die Höhe befördern kann, und hat die halbe Schweiz mit Seilbahnen zugebaut.

Auf die Idee mit den Brücken brachte ihn ein Bekannter aus seinem Ort, der ein abgelegenes Ausflugslokal betreibt. „Könntest du mir nicht eine Brücke bauen, damit mehr Gäste kommen?“, soll der Bekannte gefragt haben. Theo konnte. Mit 153 Metern war die Brücke seinerzeit die längste der Schweiz. Die Brücke in Randa ist mittlerweile seine fünfunddreißigste.

Auf der längsten Fußgängerhängebrücke der Welt ist immer was los

Dort drängeln sich jetzt die Menschen. Wanderer kreuzen den Weg, das Fernsehteam von der ARD sucht fieberhaft nach Passanten mit Höhenangst. Der andere Hang ist nur noch ein paar Schritte entfernt. Frage an Theo: Warum kommen die Touristen und Journalisten jetzt alle hier hoch?

„Das hängt schon damit zusammen, dass es die längste Fußgängerhängebrücke der Welt ist“, sagt er. Das Guinnessbuch der Rekorde hat den Wert mittlerweile anerkannt, das offizielle Zertifikat hat er erhalten. „Längste Brücke im Tibet-Stil“ steht darauf. Man kann das einen PR-Coup nennen oder eine ziemlich alberne Rekordhatz. Die Sache liegt wohl so: Im Brückenbau zählt derzeit schon noch, wer die Längste hat.

Dabei hatte Lauber den Rekord zunächst gar nicht eingeplant. 444 Meter lang sollte seine Brücke eigentlich werden. Mit dieser Länge hätte er zwar Sotschi übertroffen (435 Meter) und Reutte in Tirol (405 Meter), allerdings nicht die Rappbodetalsperre im Harz (458 Meter), die bis dato längste Seilhängebrücke der Welt. Als er davon erfuhr, verlängerte er seine Brücke einfach. Nun ist Randa offizieller Rekordhalter. Bloß für wie lange?

Lauber grinst schelmisch, während er die letzten Schritte geht. Denn eigentlich war die Ablösung Randas als Rekordhalter bereits beschlossene Sache, da in Rottweil eine noch längere Hängebrücke entstehen wird. 600 bis 900 Meter soll das Bauwerk lang werden, es verbindet den neuen 246 Meter hohen Turm mit der Altstadt. Doch schaut man sich die Hängebrücke im Entwurf genauer an, erkennt man Stützen unter dem Gehweg. Die Brücke im Wallis wird man damit nicht überbieten. Und Theo Lauber wird seinen Rekord noch etwas länger genießen können.

Quelle: F.A.S.
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