Das perfekte Handtuch

Alles eine Frage der Oberfläche

Von Claudia Füßler
 - 09:00

Hundert Prozent Baumwolle, verarbeitet zu sogenanntem Walkfrottier mit maximal saugfähigem Flausch – das ist die Formel für das perfekte Handtuch. Wer allerdings nicht so sehr auf wolkig-weich steht, für den wird die Baumwolle besser zu Zwirnfrottier gewebt. Kuschelextremisten wiederum entscheiden sich besser für Veloursfrottier, denn hier ist dank der aufgeschnittenen Schlingen der Samtfaktor extrem hoch. Zur Wahl stünde auch Frottier, das gewirkt und nicht gewebt wird. Oder Frottee, das jedoch weniger dicht und nicht so hochwertig wie Frottier ist.

Die Vielfalt der Abtrocknungstextilien ist groß, vielleicht zu groß. „Die wichtigste Kaufentscheidung bei Handtüchern ist und bleibt die Farbe“, sagt Monika Pock vom Qualitätsmanagement des ehemals deutschen, heute österreichischen Herstellers Vossen, der Anfang der 1950er Jahre den Bademantel erfunden hatte. „Aber auch der Griff spielt eine Rolle, vor allem nach flauschigen Qualitäten wird häufig gesucht. Außerdem achten Konsumenten immer mehr darauf, woher die Produkte kommen und unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden.“

Im Trockner wird das Handtuch flauschiger. Das hat seinen Preis

Neben dem Gefühl beim Anfassen spielt auch das Gewicht eine Rolle. Die leichten Exemplare wiegen höchstens 500, die schweren mehr als 600 Gramm pro Quadratmeter. „Der Schluss, dass schwere Handtücher besser sind als leichte, gilt jedoch nicht. Es kommt immer auf die Konstruktion und auf das eingesetzte Garn an“, sagt Pock. Entscheidend ist die Saugkraft. Nur wenn diese hoch ist, spüren wir dieses warme, angenehme Gefühl auf der Haut.

Immer wieder klingelt bei Vossen das Telefon, Kunden sind dran, die sich beklagen, die Qualität der Handtücher sei zwar gut, aber einfach nicht mehr das, was sie früher gewesen sei. Monika Pocks erste Nachfrage gilt dann dem Trockner. Das automatisierte Trocknen macht die Handtücher zwar flauschiger als beim gemütlichen Abhängen an der Luft, doch zu einem hohen Preis. Die enorme Hitze und der starke Abrieb verkürzen die Lebensdauer des Tuches dramatisch; die zahlreichen Flusen, die bei jedem Trockenvorgang verlorengehen, zeugen von dem Tod auf Raten.

Perfekt erst nach der zweiten Wäsche

Saugfähigkeit und Trocknungsverhalten – das sind in der Materialwissenschaft des Handtuchs die zwei entscheidenden Dimensionen. Die größte Saugfähigkeit hat das klassische Frottierhandtuch. „Bei dieser Webart werden Schlingen gebildet, welche die Aufgabe haben, die Oberfläche und das Volumen des Gewebes extrem zu vergrößern“, sagt Jan Beringer, Bereichsleiter Entwicklung beim Hohenstein Institut für Textilinnovation in Bönnigheim, zwischen Heilbronn und Ludwigsburg gelegen. Am besten wird dafür Baumwolle verwendet, die saugt das Wasser tief ins Innere ihrer Fasern, daher dauert es auch seine Zeit, bis es wieder entwichen ist. Und das Handtuch muss schon ein-, zweimal gewaschen sein, damit die Faser ihren Job bestmöglich erledigen kann, denn dadurch wird das verwendete Garn mechanisch geöffnet: Der in sich gedrehte und verzwirbelte Faden wird beim Waschvorgang auch in die andere Richtung gedreht, er geht auf und wird voluminöser. Das schafft mehr Oberfläche und damit Saugkraft. „Garne, die relativ bauschig und weniger gedreht sind, die sind mechanisch nicht so beständig wie die stärker gedrehten. Sie verlieren schneller Material, und auch der Flausch geht zurück“, erklärt Beringer.

Ein bis zwei Jahre lang etwa behält ein qualitativ hochwertiges Handtuch seine Eigenschaften, abhängig davon, wie oft man es verwendet, es maschinell oder an der Luft trocknet. Wenn der Saum aufgeht, ist das eine der ersten Verschleißerscheinungen, manche Menschen merken tatsächlich auch, dass sie mehr Zeit brauchen zum Abtrocknen – das kann man nur dann nicht ändern. Es sei denn, man legt sich ein neues zu.

Baumwolle ist nicht gleich Baumwolle

Für die effektive Oberfläche eines Handtuchs ist bedeutsam, wie viel Fläche auf mikroskopischer Ebene verfügbar ist: Auf einem normalformatigen Handtuch kann sie mehrere Quadratmeter erreichen, abhängig davon, wie die Faser verarbeitet wird. Wer gerne in Südeuropa Urlaub macht, kennt die Handtücher aus Waffelpiquée, das Franzosen, Italiener und Spanier gern verwenden. Das kleinquadratische Relief wirkt edel, und es handelt sich ebenfalls um Frottierware aus hundert Prozent Baumwolle. Doch Wasser nehmen diese Tücher schlechter auf als zum Beispiel das in Deutschland beliebte Walkfrottier, weil die effektive Oberfläche deutlich kleiner ist. Diesen Nachteil gleichen Südeuropäer mit einem zweiten und dritten Handtuch aus.

Dass Baumwolle der Handtuchrohstoff der Wahl ist, liegt an den besonderen Eigenschaften dieser Naturfaser. Sie kommt von einem Malvengewächs namens Gossypium. Wenn es ausgiebig reifen kann, bilden seine Samenhaare lange, robuste Fasern, die etwa zwanzig bis dreißig Prozent ihres Eigengewichts an Wasser aufnehmen können. Polyester erreicht höchstens fünf Prozent. Diese Kunstfaser hat gegenüber Baumwolle jedoch zwei Vorteile: Sie ist langlebiger und trocknet schneller. Die Polyesterfasern werden als Mikrofasern genutzt, bei denen die Oberfläche maximal vergrößert wird. Die Saugfähigkeit ergibt sich hier aus der Zahl der Mikrofasern, denn diese saugen Wasser nicht in sich auf, sondern lagern es dazwischen ein. „Das erklärt, warum ein solches Handtuch so viel schneller trocknet, das Wasser muss einfach nur aus den Zwischenräumen der Fasern verdunsten und nicht erst aus der Faser heraus diffundieren“, sagt Jan Beringer. Die Hersteller kombinieren daher immer häufiger Baumwolle mit Polyester, um ein saugfähiges, langlebiges und dennoch rasch trocknendes Material zu erhalten.

Bei mehr als 1500 Kontaktpunkten hört der Spaß auf

Manche hegen eine grundsätzliche Abneigung, aber die meisten Menschen mögen Mikrofaser nicht, weil zu viele Fasern die Haut berühren. Für Wissenschaftler ist dafür die sogenannte Kontaktpunktzahl entscheidend. „Sie gibt an, wie viele Kontaktpunkte es auf einer bestimmten Fläche gibt“, sagt Jan Beringer. Wie groß diese Fläche ist? Betriebsgeheimnis, aber die Hohensteiner Forscher wissen, dass mehr als 1500 Kontaktpunkte – wie sie bei Mikrofaserhandtüchern aus Polyester vorkommen – für ein unangenehmes Gefühl sorgen. „Das Handtuch fasst sich seifig an“, formuliert es Beringer. Die untere Grenze der Kontaktpunktezahl wiederum liegt bei 300 bis 400. Alles, was darunterliegt, wird als grob und hart empfunden, wie Jute oder Leinen. Dazwischen ist viel Platz für unterschiedlich flauschige Baumwolltücher. Die übrigens – auch ohne Weichspüler – besser duften als ihre Kollegen aus Polyester. Während Baumwolle hydrophil wirkt, also Wasser anzieht, versteht sich Polyester besser darauf, Öle und Fette an sich zu binden, wirkt also lipophil. Der Mief, den man beim Rubbeln über die Haut ins Tuch reibt, oder der Schweiß, der beim Sonnenbaden auf das Kunstfasertuch tropft, hält sich dort drin also lange und fängt mit der Zeit an zu müffeln. „Diese Geruchsmoleküle wandern tief rein in die Faser, mit einer normalen Wäsche bekommen sie die nicht raus“, erklärt Jan Beringer. Daher beschichten viele Hersteller ihre Polyestertextilien antimikrobiell. Diese chemische Schutzschicht verhindert eine Weile, dass die Mikroben, deren Treiben die Gerüche erzeugt, die Faser erreichen. Allerdings wäscht sie sich allmählich raus, und irgendwann müffelt es dann doch. Eine andere Variante besteht darin, Silber ins Material zu geben. Das wird nach und nach abgegeben und neutralisiert die Bakterien. Das funktioniert auch nicht ewig, aber deutlich länger als die antimikrobielle Beschichtung.

Die Baumwolle, sagt Jan Beringer, sei aus heutiger Sicht in der Regel immer noch die ideale Faser für Handtücher. Zwar halten Wissenschaft und Industrie weiter Ausschau nach alternativen Materialien, doch bisher taugt keine so viel wie die alte Kulturpflanze. Als Alternative galt lange die Viskose, eine künstlich hergestellte Faser aus natürlicher Zellulose, und das Holz dafür liefern zum Beispiel Buchen oder Bambusbäume. Sie ist saugfähiger als Baumwolle, fasst sich seidig-weich an und würde sogar schneller trocknen, hat allerdings einen entscheidenden Schwachpunkt: Viskose ist im nass-feuchten Zustand nicht beständig, Handtücher daraus zerbröseln regelrecht und bekommen Löcher.

Der Weichspüler hemmt die Saugfähigkeit

Ein Handtuch, das nicht ordentlich saugt, kann einem schnell die Laune verderben. Das weiß natürlich auch Ingo Bittmann, Vertriebsleiter der Wäschekrone GmbH im schwäbischen Laichingen. Das Unternehmen produziert und vertreibt seit den 1960er Jahren Textilien für Hotels und Gastronomie und kennt die Bedürfnisse der Hotelgäste, von denen nach wie vor immer mal wieder welche ein Tuch mitgehen lassen. „Dennoch sollte der Hotelier ein qualitativ gutes Handtuch zur Verfügung stellen, da die Gäste Wert auf angenehme Frottierwaren legen und diese somit auch ein Kriterium sind, ob ein Gast wiederkommt“, sagt Ingo Bittmann. Ein günstiges, dünnes Handtuch endet vielleicht nicht als Souvenir, erzeugt aber auch keine Wohlfühlatmosphäre.

Während der Gast hauptsächlich Wert auf ein saugfähiges, weiches und schnell trocknendes, sprich: seinen Zweck erfüllendes Handtuch lege, zähle für Hotelmanager vor allem die Haltbarkeit, sagt Bittmann. „Mehrere hundert Wäschen sollte so ein Textil schon überstehen, bevor es ausgetauscht werden muss.“ In der Regel geschehe das nach 450 bis 600 Waschvorgängen, es gebe aber auch Tücher, die problemlos tausend überstehen. Beim Waschen gelten dann die gleichen Regeln wie in der heimischen Waschmaschine: Die Trommel sollte so gefüllt sein, dass nur noch eine Faust hineinpasst. Sonst ist der Abrieb zu groß, wenn die Handtücher aneinanderreiben, es entstehen unschöne Knötchen auf dem Gewebe. Und keinen Weichspüler in eine Handtuchwäsche geben, sonst büßt man Saugkraft ein. „Der Weichspüler wirkt wie ein Kunststoff, er legt sich wie ein Film um die Baumwollfaser und hemmt deren Saugfähigkeit“, erklärt Bittmann. Der Textilfachmann achtet darauf, dass die Fasern für das Garn lang genug sind. „Das Ergebnis sind strapazierfähige und reißfeste Frottierwaren.“ Möglich wird das durch sogenanntes Ringgarn. Das ist gekämmt, so dass an der Außenseite der Faser keine feinen Härchen hochstehen.

Das klassische Hotelhandtuch ist weiß – und wirkt somit sauber und hygienisch. Doch der Trend zu handtuchintensiven Spa-Tempeln sorgt dafür, dass sich das Weiß auf dem Rückzug befindet. Weil bei Massagen beispielsweise mit Ölen gearbeitet wird, deren Reste sich nicht ohne weiteres wieder vollständig aus dem Gewebe entfernen lassen, schwenken die Einrichtungen um auf gedecktere Farben: „Stone“, ein dunkles Grau, oder Braun. „Außerdem ist vielen der Kontrast zu hart. Ein weißes Handtuch im Wellnessbereich wirkt oft wie ein Fremdkörper“, sagt Bittmann. Bordeaux oder Dunkelblau als Handtuchfarben scheiden für den gewerblichen Bereich aus, denn sie verblassen zu schnell. Eine Folge des gestiegenen Umweltbewusstseins: „Früher gab es hochgiftige Farbstoffe mit einem hohen Eisenanteil“, erklärt Bittmann. Die waren beständiger, sind aber inzwischen verboten, so dass jedes Handtuch im Laufe der Zeit seine Farbe verliert. Wo in Hotels heute farbige Handtücher ausliegen, sind sie mit der Verbindung Indanthron behandelt, welche die Fasern komplett durchdringt. Die Farbe ist dann lichtecht und übersteht sogar Kochwaschgänge.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite