Trauerfeier für Hawking

Ein Philosoph abseits der Philosophie

Von Sibylle Anderl
 - 13:04

Es gab eine ganze Reihe von Themen weit jenseits der eigenen Forschungsinteressen, bei denen der am 14. März verstorbene weltbekannte Physiker Stephen Hawking kein Blatt vor den Mund nahm. Aliens, Künstliche Intelligenz und die Existenz Gottes gehörten dazu. Keines dieser Themen schien Hawking aber über die Jahrzehnte hinweg so anhaltend zu beschäftigen wie sein Verhältnis zur Philosophie – ein Verhältnis, das als intensive Hassliebe bezeichnet werden kann.

Bereits in seinem Mega-Bestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von 1988 beklagte er, die Philosophen seien nicht in der Lage, mit der Entwicklung naturwissenschaftlicher Theorien Schritt zu halten. Ihre Reaktion sei daraufhin eine immer stärkere Einengung ihres Horizontes, für ihn gipfelnd in Wittgensteinscher Sprachphilosophie: „Was für ein Niedergang für die große philosophische Tradition von Aristoteles bis Kant!“.

Er selbst hielt es da lieber mit Karl Popper: In einer Vortragsreihe, die er 1994 zusammen mit Roger Penrose über „Raum und Zeit“ hielt, kritisierte er die „überschätzte“ Stringtheorie angesichts ihrer Unfähigkeit, überprüfbare Vorhersagen zu liefern. Auch in späteren Schriften berief er sich immer wieder auf Poppers Forderung nach Falsifizierbarkeit wissenschaftlicher Theorien als „brauchbarste Wissenschaftsphilosophie“, demonstrierte sein grundsätzliches Desinteresse an der jüngeren philosophischen Tradition aber sogleich damit, dass er Poppers kritischen Rationalismus als Positivismus bezeichnete. Die Konzentration auf mögliche Messergebnisse bestimmte auch Hawkings Interpretation der Quantentheorie – ein Thema, das er intensiv mit Roger Penrose debattierte.

Auch hier sah sich Hawking als „Positivist“ und präzisierte diesen Standpunkt so, dass er physikalische Theorien nur als mathematische Modelle ansehe, bei denen es nicht sinnvoll sei, nach deren Realitätsbezug zu fragen. Fundamentale Fragen nach der Natur quantenmechanischer Zustandsüberlagerungen und des Messprozesses kümmerten ihn daher sehr viel weniger als den „Platoniker“ Roger Penrose, der sich in der Debatte als Nachfolger des hadernden Einsteins sah, während er Hawking die Rolle Niels Bohrs zusprach.

Verteidigt die Integrität der Physik

Noch 2010 formulierte Hawking in seinem mit Leonard Mlodinow verfassten Buch „Der große Entwurf“ die Falsifizierbarkeit als eine Anforderung an ein gutes wissenschaftliches Modell. Seine Vorbehalte gegenüber der Stringtheorie hatte er da gleichwohl bereits abgebaut. So konnte er die M-Theorie, die Verallgemeinerung der verschiedenen Stringtheorien, als besten Kandidaten einer allumfassenden physikalischen Theorie präsentieren, ohne sich vor spekulativ-metaphysischen Aussagen zu scheuen und insbesondere auch ohne seinen Bewusstseinswandel in Bezug auf die Stringtheorie eigens zu thematisieren.

Vier Jahre später war es dann auch nicht Hawking, sondern sein früher wissenschaftlicher Koautor George Ellis zusammen mit Joe Silk, die in der Zeitschrift „Nature“ dazu aufriefen, die „Integrität der Physik“ gegen diejenigen zu verteidigen, die experimentelle Überprüfbarkeit wissenschaftlicher Theorien durch theoretische Eleganz und Erklärkraft ersetzen wollen. Hawking hatte derweil die Philosophie zwar wiederholt als „tot“ bezeichnet, tummelte sich selbst aber weiterhin in einem ihrer Kerngebiete: der Diskussion des wissenschaftlichen Realismus. Seine Position eines „Modell-abhängigen Realismus“ – der Idee, dass es keine eindeutige Version der Realität jenseits von Modellvorstellungen gibt – sollte einen Ausweg aus der traditionellen Entgegensetzung von Realismus und Antirealismus weisen. Seine Ausbuchstabierung dieses Weges ließ aber die notwendig präzisen begrifflichen Mittel vermissen – die ihm die totgesagten Kollegen aus der Philosophie wohl hätten liefern können.

Quelle: F.A.Z.
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenStephen HawkingKarl PopperAristoteles