Raubfliege

Wenn das Hirn kleckert, müssen die Augen klotzen

Von Joachim Müller-Jung
© Thomas Shahan, F.A.Z.

Wer ist der geschickteste Jäger unterm Himmel – schneller als der Falke und treffsicherer als der Mensch? Die Raubfliege Holcocephala fusca gehört gewiss zu den aussichtsreichsten Kandidaten. Dabei könnte man sie durchaus leicht übersehen. Von der Größe kann sie es mit keiner Hausfliege aufnehmen, ein Reiskorn ist größer. Und fürs Fliegenhirn bleibt eine winzige Nische zwischen den Augen. Überhaupt die Augen: Das sind nicht nur gewaltige kugelige Hingucker, sondern echte Hochleister. Das eigentliche Geheimnis ihres Jagderfolgs. Mit zwei Hochgeschwindigkeitskameras sind die Biologen um Paloma Gonzalez-Bellido und Trevor Wardill von der University of Cambridge dem phänomenalen Jagderfolg und der ungewöhnlichen Konstruktion des Raubfliegenauges auf die Schliche gekommen.

Erste Besonderheit: eine Art Fovea, eine nach vorn gerichtete Stelle des schärfsten Sehens, wie sie analog im menschlichen Auge zu finden, aber für Facettenaugen von Insekten absolut ungewöhnlich ist. Mit ihr erreichen die Räuber eine räumliche Auflösung, die auch jene der zehnmal größeren Libellen in den Schatten stellt. Scharf sehen können sie damit auf eine Entfernung von zwei Millimetern bis zu einem halben Meter. Ein Wunder an Tiefenschärfe. Wirklich beeindruckend aber ist, wie die Forscher in „Current Biology“ berichten, was die fliegenden Jäger damit anstellen. Zweite Besonderheit also: die reaktive Angriffsstrategie. Nehmen die Insekten schnell fliegende Beute ins Visier, berechnen sie quasi wie der Mensch voraus, wo im dreidimensionalen Raum sie auf die Beute treffen und zupacken müssen. Ändert die Beute allerdings abrupt die Flugbahn, erkennt die Raubfliege das in Sekundenbruchteilen und korrigiert bis zu zwanzig Zentimeter vor dem Zupacken entsprechend ihre Jagdroute. Alles zusammen ergibt das die Strategie eines perfekten Abfangjägers.

Quelle: F.A.Z.
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