Rekord-Hurrikan 

Das Monster aus dem Hinterhalt

Von Joachim Müller-Jung
 - 12:39
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Davor tobte der brutale „Harvey“, dahinter baut sich bereits „Jose“ auf - dazwischen aber, quasi aus dem Hinterhalt, fegt das gefährliche Biest mit dem unschuldigen weiblichem Namen „Irma“ über die Karibik, das schon vor dem Auftreffen auf die erste Insel Barbuda Geschichte geschrieben hat: Irma ist aktuell mit maximalen konstanten Geschwindigkeiten von bis zu 295 Kilometern pro Stunde (und kurzzeitigen Spitzenwerten von geschätzten 370 Stundenkilometern) und einer gewaltigen Ausdehnung von mehr als 600 Kilometern der stärkste je gemessene Hurrikan, der sich auf der atlantischen Seite weit außerhalb des Golfs von Mexiko und des Karibischen Meers bildete. Irma ist ein todbringender Monstersturm, keine Frage, schon jetzt zu vergleichen mit den verheerendsten Wirbelstürmen in der Region - stärker als „Andrew“ etwa, der im Jahre 1992 Florida traf, oder „Katrina“ im Jahr 2005, die für die gewaltigen Schäden und Opferzahlen in der Karibik und entlang des Golf von Mexiko bekannt geworden waren.

So behäbig sich Irma derzeit Richtung Südflorida zubewegt (mit zwanzig bis 30 Stundenkilometern), so katastrophenträchtig ist er in den Augen der Wetterexperten. Anfangs, als Harvey noch die Menschen und Medien beschäftigte und Irma sich draußen über dem Atlantik zusammenbraute, bewunderten sie noch die Bilderbuchgestalt von „Irma“, ihr tiefes ausgeprägtes Auge, das mit vierzig Kilometern Durchmesser noch vom Weltraum aus buchstäblich zu funkeln schien, bezeichnen die amerikanischen Hurrikanjäger inzwischen als das „zornige Auge“ eines Monsterwirbelsturm. Ständig saugt der Hurrikan nun neue Energien aus dem Meer, der Widerstand, der Irma durch die ersten Kontakte mit den Insellandmassen einbremsen könnte, ist noch schwach, die Prognosen sind deshalb einhellig: „Irma“ dürfe, wenn sie über Kuba nicht massiv an Kraft und Drehgeschwindigkeit verliert, spätestens am Wochenende mit großer Wucht den Süden der Vereinigten Staaten erreichen.

„Irma“ ist meteorologisch gesehen der bisherige Höhepunkt - für die Betroffenen und den Katastrophenschutz allerdings der absolute Tiefpunkt - einer ganz besonderen atlantischen Hurrikan-Saison. Die endet zwar nominell erst Ende November, aber schon jetzt scheint die Richtung klar: „Sie wird vermutlich die hurrikanreichste Saison seit 2010 werden.“ So stand es auch schon Anfang August, zu Beginn der Hurrikan-Saison, in dem üblichen Wirbelsturmbulletin des amerikanischen National Hurrikan Center. 14 bis 19 Tropenstürme, die stark genug sind, um einen Namen zu erhalten, bis zu neun Hurrikans, davon zwei bis fünf Hurrikans der höchsten Kategorie vier und fünf. So lautete die Prognose (mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent) vor fünf Wochen. Und damit war klar: Das sind überdurchschnittlich viele Zyklone, anders als etwa im Vorjahr.

Rekord-Hurrikan
Fieberhafte Vorbereitungen auf „Irma“
© Reuters, reuters

Starke Hurrikan-Saison erwartet

Die Anzeichen hatten sich zwischen Mai, der Veröffentlichung der ersten Hurrikan-Vorhersagen fürs Jahr, bis zum August massiv verdichtet. Ein ganzes Bündel von meteorologischen Voraussetzungen waren für eine schlimme Hurrikansaison erfüllt. Zum einen sind das die überdurchschnittlich hohen Oberflächentemperaturen in den Meeresregionen, in denen sich die Hurrikans normalerweise bilden. Das Hauptbildungsareal, die „Main Development Region“, war im Sommer ein Viertel Grad wärmer geworden als der Rest der tropischen Meeresgebiete. Warmes Oberflächenwasser ist elementar. Alle tropischen Wirbelstürme, zu denen die Hurrikans ebenso zählen wie die Taifune im Pazifik und die Zyklone im Indischen Ozean, speisen ihre Energie aus den enormen Energiemengen, die die tropischen Wassermassen an ihrer Oberfläche abgeben. Im Wasserdampf sind gewaltige Energiemengen gespeichert. Damit der Wirbelsturm freilich seine Kraft und Form behält, die im Inneren, an der Wand des „Auges“, für die gewaltigen, aufwärts gerichteten Windgeschwindigkeiten verantwortlich sind, ist es auch wichtig, dass der Sturm nicht durch Querwinde - sogenannte Scherwinde - in seiner Bewegung gestört wird.

In diesem Sommer sind diese natürlichen Scherwinde besonders schwach ausgebildet, auch die Passatwinde. Und auch die Höhenwinde über dem Hurrikangebiet blieben schwach ausgebildet und begünstigten die Wirbelsturmbildung. Schließlich hat noch eine weitere meteorologische Auffälligkeit beigetragen: Das afrikanische Monsunsystem war stärker als sonst, was ebenfalls die Hurrikanbildung westlich davon begünstigt. Insgesamt also hat der Umstand, dass die Atmosphäre über dem Hurrikangebiet so vergleichsweise „ungestört“ geblieben ist von starken Querwinden, für gute Wirbelsturmbedingungen gesorgt. Dazu gehört auch, dass das Klimaphänomen El Nino in diesem Jahr nicht „dazwischenfunkt“. All das hat die Wahrscheinlichkeit für die Bildung von Hurrikans deutlich erhöht.

Ein Zeichen für den Klimawandel?

„Irma“ hatte also alle Zeit der Welt und die perfekten Voraussetzungen für einen Durchmarsch. Hurrikans mit Windgeschwindigkeiten um die 300 Stundenkilometern treten nicht nur extrem selten auf (in den letzten Jahrzehnten nur ein halbes Dutzend), die Bedingungen sind normalerweise auch am ehesten über Meeresgebieten wie dem Golf oder der Karibik, die sich ohnehin schneller aufheizen und auch deutlich wärmer sind - jedenfalls als die Gewässer des Atlantischen Ozeans, der von den großen Strömungen aus kälteren Regionen beeinflusst wird. Deshalb taucht auch jetzt und keineswegs nur in den sozialen Medien immer wieder die Frage auf: Wird „Irma“ auch von der globalen Erwärmung und damit dem Klimawandel angetrieben? Eine direkte Zuschreibung wagt noch kaum ein Experte. Und auch von den Langfristprognosen der Klimaforschung werden solche Behauptungen - zumindest was die Häufigkeit von Hurrikans angeht - nicht gestützt. Die Meere werden zwar wärmer mit dem Klimawandel, aber es werden mit der Erwärmung auch mehr störende Scherwinde erwartet, die schon die Ausbildung von Wirbelstürmen in den frühen Phasen erschweren. Das Abflauen der Scherwinde in dieser Saison spricht also eher gegen eine Verbindung zum Klimawandel.

Andererseits spricht die ungewöhnliche Erwärmung im Atlantik eher für die Klimawandelthese. Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK): „Leider ist die Physik hier sehr klar: Hurrikans holen ihre zerstörerische Energie aus der Wärme des Ozeans, und die Wassertemperaturen in der Region sind überhöht. Das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas erhöht die Temperatur des Planeten und liefert damit Energie für immer stärkere tropische Stürme. Der Klimawandel verursacht also diese Stürme nicht, aber kann ihre Folgen übel verschlimmern.“ Und: Den Prognosen der Klimaforschung - auch jenen des Weltklimarats zufolge - wird zwar nicht mit insgesamt mehr Wirbelstürmen zu rechnen sein, dafür aber soll ihre Intensität zunehmen. Es könnte also langfristig noch häufiger zu Wirbelstürmen der höchsten Kategorien kommen, zu Monsterstürmen wie “Irma“ also, die unter den Küstenbewohnern fast immer eine große Zahl an Opfern fordern und an der Infrastruktur jeweils gewaltige Zerstörungen, die ganze Landstriche Monate oder Jahre lang lahm legen.

In einer ersten Version dieses Textes hieß es, der Sturm sei zuerst auf die Insel Barbados getroffen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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