Soziale Systeme

Nichts ist ungerechter als ein Nobelpreis

 - 16:52

Niklas Luhmann hat einmal die Frage aufgeworfen, wie viele wissenschaftliche Lamentationen wohl auf eine einzige wissenschaftliche Laudation kommen. Es lohnt sich, dieser ungleichen Verteilung von Jammer und Jubel einmal anhand der Institution des Nobelpreises nachzugehen, nachdem die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften in der vergangenen Woche die Namen der aktuellen Preisträger mitgeteilt hat.

Den bis heute lehrreichsten Beitrag dazu hat gegen Ende der siebziger Jahre die amerikanische Wissenschaftssoziologin Harriet Zuckerman publiziert. Gegenstand ihrer Untersuchung waren die damals insgesamt 92 Träger des Preises, die ihn für in Amerika durchgeführte Forschungen erhalten hatten. Erhoben wurden die soziale Herkunft der Preisträger; ferner die Eckdaten ihrer Karriere in Schulen, in Universitäten sowie in der Wissenschaft selbst; schließlich ihre über Publikationen gemessene Produktivität, und dies sowohl vor dem Empfang der Auszeichnung als auch danach. Die oberen Schichten stellen demnach einen übergroßen Anteil der Preisträger, abgesehen von der Teilgruppe der ebenfalls deutlich überrepräsentierten Wissenschaftler jüdischer Herkunft, in der sich auch zahlreiche Sozialaufsteiger aus Arbeiterhaushalten fanden. Außerdem fällt der Besuch guter bis sehr guter Schulen und Universitäten auf. Und schließlich hatte ein unerwartet großer Anteil, nämlich mehr als die Hälfte der Preisträger, in den früheren Jahren seiner Bildungs- und Berufsbiographie einmal mit irgendeinem der älteren Preisträger zusammengearbeitet.

Im Rückblick sieht es also so aus, als seien viele Preisträger einfach die Treppe hinaufgefallen. Zuckerman sieht darin eine gewisse Bestätigung für die bekannte These ihres akademischen Lehrers und späteren Ehemannes Robert K. Merton, wonach Karrierevorteile, einmal gesichert, zu weiteren Vorteilen dieser Art führen, und zwar zunächst relativ unabhängig von der Leistungsbilanz des dadurch Beglückten. Der exzellente Ruf eines jungen Wissenschaftlers mag unverdient sein, vor allem natürlich aus der Sicht seiner Konkurrenten. Aber auch ein noch so unverdienter Ruf führt seinem Träger so viel an zusätzlicher Unterstützung zu, dass er danach objektiv bessere Chancen hat, eine wirklich bedeutende Entdeckung zu machen. Es wird ihm also besonders leicht gemacht, besonders gut zu sein, und auf diese Weise können selbst anfängliche Fehleinschätzungen korrigiert werden. Sie werden dadurch natürlich nicht zugleich auch „gerechter“, schon gar nicht aus der Sicht derjenigen, die leer ausgingen, wohl aber werden ihre nachteiligen Folgen für die Leistungsbilanz der Wissenschaft kompensiert: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er am Ende auch den Verstand dazu.

Dem entspricht es, dass die Produktivität der Preisträger vor dem Empfang der Auszeichnung deutlich und konsistent oberhalb des Durchschnitts liegt; erst danach sorgt der Rummel der Preisverleihung für einen zeitweisen Rückgang der Publikationsfreude. Der Preis wird also durchaus leistungsbezogen vergeben, und in der Regel trifft er den Ausgezeichneten auch keineswegs unvorbereitet. Einstein war bekanntlich mutig genug, in einem Scheidungsvertrag bereits über ein Preisgeld zu disponieren, das ihm erst Jahre danach dann auch wirklich zugesprochen wurde.

Das Problem des Preises ist nach Zuckerman nicht, dass er die Falschen treffe, sondern dass er unter den vielen Richtigen immer nur so wenige überhaupt hervorheben kann, dass die Auszeichnung damit praktisch zum Zufall wird. Während die Zahl der beteiligten Wissenschaftler, und damit doch sicher die Zahl der preiswürdigen Entdeckungen, seit der Gründung des Preises um ein Vielfaches anwuchsen, ist die winzige Höchstzahl der auszuzeichnenden Personen – nicht mehr als drei pro Fach, auch nicht bei Großprojekten – eine Konstante geblieben. Das nützt der Aufmerksamkeit mehr als der Verteilungsgerechtigkeit. Außerdem hat die Akademie eine eindeutige Fehlerpräferenz: Aus Sorge um ihren guten Ruf findet sie es weniger schlimm, einen Geeigneten zu übersehen als einen Ungeeigneten zu nominieren. Ihre Shortlist, die sie geheim hält, dürfte demnach aus Personen bestehen, deren exzellenter Ruf unstrittig ist und von denen sie im Prinzip jeden auswählen könnte. Nicht nur ihre Beschränkung der Kandidaturen auf wenige Disziplinen, sondern auch ihre Endauswahl kann demnach als willkürlich beobachtet werden.

Wir haben es also mit einer Form von Konkurrenz zu tun, die geringe Chancen auf Legitimität hat, und also müsste man soziologisch erwarten, dass die Verlierer ihre Unzufriedenheit nicht einfach herunterschlucken. In der Tat zeigen die Interviews von Zuckerman, dass der Preis seine Empfänger oft starken Protesten aussetzt. Langjährige Mitarbeiter kündigen ihnen die Freundschaft, weil sie ihren Eigenbeitrag an der Entdeckung nicht ausreichend gewürdigt finden, und erfolglose Konkurrenten sehen eine Verschwörung von Lobbyisten am Werk. Auch in der Wissenschaft hat der Erfolg also, wie man so schön sagt, viele Väter.

Harriet Zuckerman, „Scientific Elite: Nobel Laureates in the United States“, New York, 1977.

Quelle: F.A.S.
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