Erinnerung an Hawking

„Es waren die feinen Nuancen in seinem Gesicht“

Von Günter Paul
 - 13:59
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Es gibt Naturwissenschaftler, die durch ihre geistigen Höhenflüge mit großem Gewinn vorher unbekannte Forschungsfelder erschlossen und trotzdem in der Öffentlichkeit kaum Resonanz gefunden haben, zum Beispiel, weil sie sich in ihrem sprichwörtlichen Elfenbeinturm am wohlsten fühlten. Andere wussten ihre Erkenntnisse ins rechte Licht zu rücken und wurden zu Publikumslieblingen. Stephen Hawking hat beides, Wissenschaft und Popularisierung, meisterhaft verknüpft und ist auf diese Weise zu einer lebenden Legende geworden. Man denke nur an seinen Weltbestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit“ aus dem Jahr 1988, der 237 Wochen lang auf der Bestsellerliste der „Sunday Times“ stand. Das Buch hat Abermillionen Käufer gefunden, von denen es heißt, die Mehrheit habe den Text gar nicht verstanden – aber alle waren begeistert.

Wer wie ich Hawking erlebt hat, konnte zunächst kaum fassen, dass dieser britische Astrophysiker die Massen derart in seinen Bann zog. Denn Hawkings Leben war durch eine unheilbare Muskel- und Nervenkrankheit geprägt, die ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), die ihn 1963 ereilte und ihn nach einiger Zeit an einen Spezialrollstuhl fesselte. Der Forscher konnte sich schließlich kaum noch bewegen, und auch seine Sprache hat er verloren. Er kommunizierte mit einem eigens für ihn konstruierten Computer, dem er Texte eingab, die dieser dann – wie Hawking fand mit sympathischem Klang – in Sprache umwandelte.

Als ich Hawking 1988 zu einem Interview in einem Frankfurter Hotel begegnete – die Verlage, die sein Buch über die kurze Geschichte der Zeit in Übersetzungen herausbringen wollten, hatten ihn zur Buchmesse eingeladen -, hatte ich mich innerlich offenbar nicht gründlich genug für das Gespräch gewappnet. Seine Krankenschwester bat mich im Hotelflur, einen Moment Geduld zu haben, er sei noch nicht so weit. Und dann öffnete sich die Tür seines Zimmers, und er starrte, so schien es mir jedenfalls, direkt auf seinen Besucher, dem plötzlich unwohl war. Doch wie falsch ist dieser erste Eindruck gewesen! Während des „Gesprächs“ erkannte ich feine Nuancen in seinem Gesichtsausdruck, die schnell offenbarten, dass der britische Forscher trotz seiner schweren Krankheit ein außerordentlich humorvoller und lebensfroher Mensch war. Er gab seinem Computer Scherze ein und wartete verschmitzt auf die Reaktion seines Gegenübers, der darauf nicht gefasst war. Besonders häufig und natürlich auch in Frankfurt äußerte er spitzbübisch, leider könne er keinen Nobelpreis bekommen, solange die Astronomen keine Strahlung von kleinen Schwarzen Löchern entdeckten.

Das war eins seiner prominentesten Forschungsergebnisse: Während die Astrophysiker noch überzeugt waren, dass Schwarze Löcher aufgrund ihrer kompakten Masse nichts, noch nicht einmal Licht, aus sich herauslassen, zeigte Hawking, dass ihre winzigsten Vertreter – je kleiner, desto mehr – Lichtstrahlung freigeben. Solange diese Strahlung jedoch nicht entdeckt wird, bleibt diese Erkenntnis Theorie, und ohne eine Bestätigung wird dafür kein Nobelpreis vergeben.

Im Jahr 1997 wettete Hawking mit John Preskill und Kip Thorne, dass jedenfalls alle Informationen, die von außen in ein Schwarzes Loch gelangen, für immer verloren gehen. Sie werden gleichsam zu einem Einheitsbrei, was zu der Aussage führte, ein Schwarzes Loch habe keine Haare, also keine individuellen Merkmale. Im Jahr 2004 wurde dagegen der Nachweis geführt, dass gewisse Informationen über so genannte Strings nach den Gesetzen der Quantengravitation keinesfalls vernichtet werden. Es war nicht die einzige Fachwette, die der lebensfrohe Astrophysiker mit Kollegen abgeschlossen hat.

Dass sich Hawking vom Leben nicht unterkriegen lassen wollte, hat er schon frühzeitig unter Beweis gestellt. Als ihm 1963 verkündet wurde, er habe ALS und nur noch wenige Jahre zu leben, hielt ihn das nicht davon ab, die gerade begonnene Doktorarbeit zu beenden, was nach der ärztlichen Prognose wohl sein ganzes restliches Leben ausgefüllt hätte. Wie sehr er das Leben liebte, bewies er auch 2007, als ihm ein Parabelflug spendiert wurde. Wenn ein Flugzeug schnell im richtigen Winkel in die Höhe steigt und dann antriebslos die Form einer Parabel beschreibt, können die Passagiere wie im Weltraumflug die Schwerelosigkeit kennenlernen, aber nur für maximal 25 Sekunden pro Parabel. Ein Ungeübter stellt sich dabei meist ziemlich hilflos an, weil die Gesetze der Physik in diesem Zustand gnadenlos sind. Insbesondere das Gesetz, dass jede Aktion eine gleich große, aber entgegengesetzt gerichtete Reaktion zur Folge hat, wirkt sich aus. Will man den Körper durch Abstützen an der Flugzeugwand zur Ruhe bringen (Aktion), schießt man sofort in den Raum zurück (Reaktion) und ist unverzüglich desorientiert. Der Rollstuhlfahrer Hawking hat den Flug in der Schwerelosigkeit mit Bravour bestanden und unterstützt von Krankenpflegern sogar zwei Körperdrehungen gemeistert. Nach dem Flug hat er sich begeistert geäußert.

Wie Hawking sich zur Religion stellte, wurde 1981 erkennbar, als er an einer Kosmologentagung im Vatikan teilnahm und dort seine Überzeugung vertrat, das Universum sei unendlich groß und habe keinen Rand. Und von den Konsequenzen, die sich für ihn daraus ergaben, wollte er an diesem Tagungsort selbst die Theologen nicht verschonen: Ohne Rand habe das Universum auch keinen Anfang gehabt, und deshalb komme man ohne Schöpfergott aus.

Das Beispiel belegt, wie der Forscher über den Tellerrand der Schwarzen Löcher (und des physikalisch verwandten Urknalls) blickte. Ihn hat auch das Schicksal nicht kalt gelassen, das die Menschheit in Zukunft ereilen könnte. Wie bei sich selbst mit der ALS sah er die Gefährdung, aber der Versuch, das Schlimmste zu verhindern, war ihm viele Überlegungen wert. Selbst Flüge zu fremden Sternsystemen hat er befürwortet. Mit Hawking, der am Mittwoch im Alter von 76 Jahren gestorben ist, hat uns ein phantasievoller und erfolgreicher Astrophysiker verlassen.

Quelle: FAZ.NET
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